Reise-Reportage
Kanalinsel Jersey: „Very british“ oder doch irgendwie anders?

26.04.2024 | Stand 26.04.2024, 19:31 Uhr |

Die weißen Strände von Jersey lohnen sich immer für einen Besuch – das Wasser allerdings ist aufgrund seiner kalten Temperaturen nur etwas für hartgesottene Schwimmer. − Foto: Häußler

Die Kanalinsel Jersey würden wohl die wenigsten – abgesehen vom Linksverkehr – Großbritannien zuordnen. Und so richtig dazugehören tut sie auch nicht. Vor der Küste Frankreichs gelegen beeindruckt sie mit hohen Felsen, ihren Gezeiten und türkisblauem Wasser.

Weiße Strände, an die Wellen aus türkisfarbenem, klaren Wasser rollen. In der Ferne spielen Delfine mit einem Touristenboot, das gerade die Insel und ihre pittoresken Felsenküsten umrundet.

Weithin sichtbar ist der Leuchtturm von La Corbière – wohl das bedeutendste Wahrzeichen der Gegend. Daneben: Schützentürme, alte MG-Nester und Tarnnetze.

Unter der Erde, als riesiges Museum für Besucher erlebbar gemacht, liegen die Wartunnels mit den Hinterlassenschaften der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg.

Wer zunächst an eine paradiesische karibische Insel gedacht hat, wird hier in eine völlig andere Realität geholt. Die sogenannte Kanalinsel ist Hoheitsgebiet von Großbritannien, irgendwie eigenständig – und liegt unweit der französischen Normandie, an guten Tagen als Umriss am Horizont zu erkennen.

Alles anders als auf der Mutterinsel, aber dennoch: „Very british.“ Mit Verkehrsstaus, die so gar nicht zum Erscheinungsbild passen wollen. „Es gibt hier mehr Autos als Einwohner“, erzählt eine Taxifahrerin. Rund 100.000 Menschen leben auf Jersey. In etwa 140.000 Fahrzeuge seien hier angemeldet, sagt sie.

In 30 Minuten mit dem Boot in Frankreich



Jersey hat viele Eigenheiten. „Es regnet viel, dafür ist es sehr grün. Wir haben eine eigene Regierung, eigenes Geld. Berühmte Kühe. Das Wetter ändert sich schnell und stetig.

Du kannst vier Tage am Stück am Strand verbringen – oder gar keinen“, zählt die Jersianerin auf, wie die Einheimischen genannt werden. Und: „Die Straßennamen sind auf Französisch.“ In einer halben Stunde setzt man per Boot nach Frankreich über, mit der Fähre dauert es in etwa eine Stunde und 20 Minuten.

Rund 35 Minuten hingegen benötigt der Flieger von London auf die Insel.

Also doch eher französische Mentalität? „Britisch“, ruft die Taxifahrerin sofort. „Bis zum 11. Jahrhundert war Jersey Eigentum der Normandie“, weiß hingegen Clive Jones.

Seit 30 Jahren lebt er nun auf der Insel, kam – wie so oft – der Liebe wegen. Und blieb. Im Winter wird’s ungemütlich, erzählt Jones. „Der Wind ist dann stark.“

Dennoch: Die Engländer würden zu jeder Jahreszeit kommen. Sie machen hier sogenannte „Short-Break-Weekends“ – also Kurzurlaub. Während Covid hätten vor allem die Deutschen die Insel gemieden. „Sie kommen aber jetzt wieder“, so der Guide. „Anders ist es seit dem Brexit wiederum für die Franzosen.

Die haben oft keinen Pass“, sagt der 76-jährige Liverpooler, der 36 Jahre lang für eine Bank gearbeitet hat und nun Besucher durch die 20.000 Einwohner zählende Hauptstadt St. Helier führt.

Pegel steigt oder fällt zwölf Meter bei Ebbe und Flut



Beeindruckend sind die Gezeiten. Rund zwölf Meter beträgt der Unterschied des Wasserpegels zwischen Ebbe und Flut, somit die drittstärksten Gezeiten der Welt.



Bei Höchststand klatschen die Wellen gegen die Mauern der Städte und Dörfer, treiben Algen auf die Gehwege, die sich in Büschen und Geländern verfangen, hinterlassen überall teils große salzige Pfützen, sodass nicht selten neue Wege gesucht werden müssen.

Bei Ebbe wiederum wächst die Insel beinahe um das Doppelte, erlaubt Urlaubern Wanderungen durchs Watt (Vorsicht – wenn das Wasser zurückkommt, dann schnell) und den Einheimischen den Gang oder besser die Fahrt zu ihren Austernfarmen, die für die Insel eine große Bedeutung haben.

Für andere ist es einfach Freizeitgestaltung. Viele gehen dann mit Netzen und Köchern kilometerweit dem Meer hinterher, parken ihre Autos irgendwo da, wo ein paar Stunden später wieder meterhoch das Wasser steht. Die Jersianer wissen genau, wo sie Fisch und Meeresfrüchte mit wenig Aufwand fangen können.

In den kleinen Seen umgeben von Sand. Genau da, wo sich das Wasser nicht vollständig zurückgezogen hat. Wer Glück hat, entdeckt sogar kleine Räuber wie Katzenhaie in den Tümpeln. Der Unterschied zwischen den Gezeiten ist auf Jersey so enorm, dass sich abwechselnd skurrile Szenen bilden.

Wo Boote und Schiffe von hohen Wellen am Morgen noch heftig hin- und hergeschaukelt werden, ist nachmittags mit bloßem Auge kein Wasser mehr zu sehen. Dann liegt alles wie in einer Wüste auf dem buchstäblich Trockenen.

Die Hälfte der Inselbewohner wandert ab



Doch nicht alle Bewohner der Insel können oder wollen von Tourismus, Gastronomie oder der Fischerei leben. Wobei der Hauptarbeitgeber die Finanzbranche ist. „Ungefähr 50 Prozent gehen weg“, sagt Jacob Woolf, der für eine Tourismusagentur arbeitet. Viele würden aber in ihren 30ern wiederkommen.

Der 24-Jährige lebt schon immer auf der Insel, fliegt höchstens übers Wochenende nach London. Also in die eigentliche Hauptstadt? „Es kommt drauf an, wen du fragst. Die einen sind da richtig strikt, sagen, sie kommen von Jersey. Ich sage zum Beispiel, dass ich britisch oder irgendwie beides bin.“ Dabei würden sogar etliche Engländer nicht einmal wissen, dass die Insel überhaupt existiert, meint er.

Für ihn völlig unverständlich. Wenn er erzählt, kommt er ins Schwärmen. Angesprochen auf die Nachteile, bricht es allerdings genau so schnell aus ihm heraus. „Es ist teuer, hier zu leben. Auch die Mieten. Deshalb wohne ich mit vier Freunden in einem Haus. Aber ich habe noch richtig Glück. Ich zahle nur 650 Pfund im Monat.“

Kanalinsel gilt bei Deutschen immer noch als Steueroase



Dass er damit nicht sehr falsch liegt, bestätigt Treena Burke, Ehefrau von Hoteldirektor Patrick Burke, der mit dem Atlantic Hotel ein exklusives Luxushotel führt. „Ein Haus zu kaufen ist schwer auf Jersey. Es ist nicht nur teuer. Wenn du nicht von hier bist, bekommst du meist so oder so keins“, erzählen die Burkes, die auf gut betuchte Gäste setzen. „Deutschland ist da ein wichtiger Sektor für uns“, meint der Hotelmanager. Und sie kommen.

Denn die Kanalinsel gilt als Steueroase. Laut Bundesfinanzministerium lagen 2018 noch mehr als 180 Milliarden Euro von Deutschen auf Konten der hiesigen Banken. Das ging seinerzeit aus einer Anfrage der Linksfraktion hervor. Auch heute pflegen deutsche Investoren und Unternehmer enge Kontakte zur autonomen Insel.

Grund genug für Patrick Burke, einen Sternekoch anzuheuern und regionale Küche zu zelebrieren: Jersey Black Butter (eine Art Apfelmarmelade), Wolfsbarsch – und natürlich Salz aus dem Meer.

Rund 800000 Besucher erkunden jedes Jahr die etwas andere Insel. Die meisten tun das wandernd oder mit dem Rad, was sich am meisten anbietet. Entlang der Küste wechselt die Landschaft immer wieder ab, im Sommer bietet das Meer Abkühlung.

Wörtlich nehmen: Das Wasser wird im Hochsommer nur um die 20 Grad „warm“. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, muss zudem immer wieder auf stark befahrene Straßen wechseln. Denn noch sind die Radwege nicht durchgängig ausgebaut. Touren lohnen sich für gewöhnlich aber immer. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet. „Very british“ eben.


INFORMATIONEN

Die größte der Kanalinseln – Jersey – liegt im Ärmelkanal unweit der französischen Küste der Normandie. Die beste Reisezeit ist zwischen Mai beziehungsweise Juni und September. Bezahlt wird auf der autonomen Insel mit Pfund Sterling oder der eigenen Währung Jersey-Pfund. Letztere wird in Großbritannien jedoch nicht angenommen. Denken Sie bei der Einreise an einen gültigen Reisepass. Denn mit dem Austritt Großbritanniens gehört auch Jersey nicht mehr zur EU.

ANREISEN

Die Anreise erfolgt entweder mit dem Flugzeug direkt von München oder Düsseldorf (nur zwischen Mai und einschließlich September möglich) sowie über London. Möglich ist auch eine Überfahrt mit der Fähre, die in Frankreich ablegt.

ÜBERNACHTEN
Im Atlantic Hotel beginnen die Zimmerpreise bei etwa 200 Euro die Nacht. Das Hotel Cristina in der Nähe der Hauptstadt liegt in etwa bei 150 Euro pro Nacht. Die Preise können zum Sommer hin noch steigen. Wer nicht ganz so viel ausgeben möchte, findet auch Zimmer für etwa 80 Euro pro Nacht.

www.jersey.com/de

www.gov.je


Redakteur Michael Häußler recherchierte mit Unterstützung von Visit Jersey auf der Kanalinsel.