Nordirische Grafschaft Down: Wo Natur und Folklore bezaubern

11.08.2023 | Stand 12.09.2023, 23:48 Uhr |
Annabell Frankenfeld

In Newcastle in der nordirischen Grafschaft Down treffen Berge und Meer aufeinander. Die Irische See zeigt sich hier von ihrer besonders schönen Seite.

Die Grafschaft Down in Nordirland bezaubert mit ihrer Einfachheit. Die Lage direkt an der Irischen See und gleichzeitig in den Bergen sowie der Volksglaube rund um Feen und Riesen verleihen Nordirland einen fast schon magischen Charme.

Vögel zwitschern, die Blätter der moosbewachsenen Bäume rauschen im sanften Wind. Neben dem Pfad, den Peter Rafferty seine Wandergruppe entlanglotst, plätschert ein Bach. Es ist eine einfache und doch intensive Geräuschkulisse im nordirischen Kilbroney Park bei Rostrevor. Immer wieder hält der Tour-Guide auf dem Weg an. Mal zeigt er ein essbares Sauerkleeblatt, das dem Shamrock-Klee zum Verwechseln ähnlich sieht. Mal erklärt er, dass hier Tiere wie das rote Eichhörnchen oder der Baummarder heimisch sind. Mal erklärt er, wie die Steine im Bach vor mehreren Millionen Jahren entstanden sind.

Ein Zwischenstopp der Wanderung ist Cloughmore oder „The Big Stone“. Dieser riesige Felsbrocken steht relativ einsam auf dem Slieve Martin, einem der Berge in den Mourne Mountains. Der Guide mit dem weißen Haar, der schwarzen Brille und dem verschmitzten Lachen teilt nicht nur Fakten über die Natur mit. Er weiß auch Legenden über die Gegend zu erzählen. Zum Beispiel verrät er, dass der Riese Finn McCool diesen Brocken von den Cooley Mountains auf der anderen Seite des Loch-Gewässers Carlingford Lough hierher geworfen hat. Blickt man von Slieve Martin aus dort hinüber, sieht man eine Silhouette, die den bis heute dort liegenden Riesen erahnen lässt.

Seit zehn Jahren zeigt Rafferty Touristen und Einheimischen den Kilbroney Park. Immer wieder erlebt er, wie die Natur die Menschen hier verzaubert, sie in dem Moment ankommen lässt. „Die Leute finden hier ihre innere Ruhe“, sagt er. „Es ist mehr als nur die Landschaft. Da ist noch etwas anderes, womit du dich hier verbindest.“ Selbst Gäste, die schon in Ländern wie Japan oder Hawaii gewandert sind, haben ihm gesagt, dieser Park sei wohl der schönste Ort, an dem sie bisher gewesen seien.

An einer Lichtung angekommen erstreckt sich ein atemberaubendes Panorama auf den Carlingford Lough. An einer Felswand stehen drei Bänke mit eingravierten Zitaten. Eines davon: „Wage es nicht, nicht zu wagen.“

Dieses Zitat hat sich Mark Hanna zu Herzen genommen. Er und seine Frau Jenny führen die Green Holiday Cottages in Kilkeel. Das Anwesen hat Mark Hanna 2008 gemeinsam mit seinem mittlerweile verstorbenen Bruder Timothy gekauft. Damals sei dieses Gebäude aus dem 18. Jahrhundert komplett heruntergekommen gewesen, erinnert sich Jenny. „Aber Mark und Timothy haben die Schönheit dieses Ortes gesehen.“

Feenhäuschen in einer efeubewachsenen Mauer

Im Laufe der 2017 abgeschlossenen Restaurierung blieben einige originale Felsbrocken übrig. Aus denen hat Mark Hanna die Trockenmauern gebaut, die einige Wiesen umgeben, die zu den Cottages gehören. Diese Mauern bestehen nur aus aufeinandergestapelten Steinen. Mörtel oder sonstige Hilfsmittel zur Fixierung gibt es nicht. Prinzipiell könnte man die einzelnen Granitbrocken händisch entfernen – und doch sind die Mauern stabil. „Der Wind kann solche Wände nicht einfach davonblasen“, sagt der ehemalige Englischlehrer. Die Mauern sind keine Eigenheit der Green Holiday Cottages, sondern eine über 5000 Jahre alte Tradition.

Der Weitergabe der irischen Folklore, dem Wissen um Traditionen und Sagen, dem haben sich Mark und Jenny Hanna verschrieben. Die Mythen findet man zum Beispiel in einer efeubewachsenen Mauer, wo hinter den Efeuranken eine winzige Tür versteckt ist, die ein Feenhäuschen dahinter erahnen lässt. Hier kommt man vorbei, wenn man vom Haupthaus zur Scheune geht, die zu den Cottages gehört. Diese dient unter anderem als Hochzeitslocation. Hierhin führen zwei Wege – die Trittsteine im Bach, der das Grundstück durchläuft, oder aber ein Pfad durch ein Spalier von Bäumen, der zu einer hölzernen Brücke führt.

Auf letzterem kommt man an einem Weißdorn vorbei, im Englischen auch „Fairy-Hawthorn“, also Feen-Weißdorn genannt. „In Irland legt man sich nicht mit Feen an“, betont Jenny Hanna. Gemäß irischem Mythos leben in Weißdornen Feen – und wer es wagt, diesem Baum zu schaden, wird ihren Zorn auf sich ziehen. Deswegen gibt es in Irland sogar Felder, auf denen ein einsamer Weißdorn steht, erzählt Jenny.

Fährt man über die Landstraßen in County Down, sieht man einige solcher Wiesen mit Schafen und Rindern. Nach rund einer halben Stunde Autofahrt durch die Berge und entlang der Küste an der Irischen See gelangt man in das Städtchen Newcastle. Hier treffen Meer und Berge aufeinander. In der Luft liegt der salzige Geruch der See. Das Meeresrauschen vervollständigt das Gefühl von sorgenloser Freiheit.

In der unmittelbaren Nähe des Strands liegt auch der Fahrradverleih von Bike Mourne. Hier bietet das Team um Victoria Canavan Fahrradtouren an, etwa in den Tollymore Forest Park. Als ihrer Gruppe auf dem Weg dorthin drei Männer entgegengelaufen kommen, erklärt sie, dass diese gerade auf den Slieve Donard gelaufen sind. Ziel sei es, diesen Berg – der höchste in den Mourne Mountains – innerhalb einer bestimmten Zeit zu besteigen und wieder zurückzukommen. Das Ideal sei das eigene Alter in Minuten: „Ich bin 56 und meine Rekordzeit liegt bei 58 Minuten“, sagt Canavan. Mit zwei Minuten weniger hätte sie das Ziel erreicht.

„Game of Thrones“ und Klippen-Abenteuer

Durch den Park im Tollymore Forest schlängelt sich ein Bach, über den zahlreiche Brücken führen. Dank der Farnpflanzen, Sträucher und Bäume wird der Wald dem Ruf der grünen Insel gerecht – man mag zunächst kaum glauben, dass hier einige verschneite Szenen von „Game of Thrones“ entstanden sind, wie Victoria Canavan am Rande der Radtour verrät.

Während man hier ein Naturerlebnis im Wald genießt, bietet die Lage um Newcastle Möglichkeiten, sich in größere Abenteuer am Meer zu stürzen – im wahrsten Sinne des Wortes. John Keating unternimmt in Newcastle, aber auch im nördlicher gelegenen Ballyhornan Coasteering-Touren, also Ausflüge über die Klippen am Meer. Mal geht es durch das Wasser, mal klettert man die Felsen hinauf und ein Stück über das Land, bis man zurück ins salzige Wasser der Irischen See steigt. Der Blick auf das strahlend blaue Wasser ist beeindruckend, gepaart mit einem Gefühl von Freiheit und einer Prise Nervenkitzel, wenn der Wind über die nasse Haut streicht und man das Salzwasser auf den Lippen schmeckt. Vor allem junge Menschen zieht es zum Coasteering. Sie suchen das Abenteuer, sagt Keating.

Ihren Ursprung hat diese Aktivität in den 1970er Jahren in Wales. Seitdem hat sie sich im gesamten Vereinigten Königreich ausgebreitet. Das Besondere an diesem Sport? „Man braucht nur seinen Körper, kein Paddel oder sonstige Hilfsmittel“, sagt John Keating. Man müsse für sich selbst herausfinden, wie man mit den Wellen mitgeht, ohne zurück zu den Klippen getragen zu werden – kurz: Es braucht nur die irische Natur und die Offenheit, die Magie darin zu entdecken.


INFORMATIONEN

Die Grafschaft Down in Nordirland bietet mit den Mourne Mountains und der Lage an der Irischen See eine perfekte Mischung aus Meer und Bergen. Hier bieten sich zahlreiche Outdoor-Aktivitäten an.

ANREISEN

Per Flugzeug gelangt man nach Irland; es empfehlen sich Flüge nach Belfast in Nordirland oder Dublin in der Republik Irland. Von dort aus gelangt man mit dem Bus oder mit dem Zug nach Newcastle oder andere Orte in der Grafschaft Down.

ÜBERNACHTEN
•The Avoca Hotel: Dieses Hotel mit rustikal-elegantem Charme befindet sich an der Promenade in Newcastle.
•The Green Holiday Cottages in Kilkeel liegt im Herzen der Mourne Mountains.

KULINARIK
•Hillyard House Hotel in Castlewellan: rustikales Ambiente, regionale Speisen und Getränke wie Cider, Gin und Whiskey.
•Graphite Restaurant in Newcastle: Im zentral gelegenen Restaurant werden lokale und saisonale Speisen edel angerichtet serviert.
•Birch in Newcastle: Dieses Café bietet vegetarische und vegane Speisen. Nebst Kaffee und Kuchen erhält man hier auch verschiedene Frühstückvariationen, Suppen und Sandwiches.

www.ireland.com


Stipendiatin Annabell Frankenfeld reiste auf Einladung von Tourism Ireland in die Grafschaft Down in Nordirland.