Marsch durch die Einsamkeit
Eine der schönsten Regionen der Schweiz: Schneeschuhtour auf der Via Silenzi

16.02.2023 | Stand 17.09.2023, 3:01 Uhr |

Stapfen durch eine Bilderbuch-Kulisse: Die Schneeschuhwanderung ist eine zweitägige Reise durch die traumhafte Winterwelt der Graubündner Alpen. −Fotos: Alexander Augustin

Von Alexander Augustin

Unberührte alpine Winterlandschaft, traumhafte Ausblicke und ein Eintauchen in die Flora und Fauna einer der schönsten Regionen der Schweiz: Die Schneeschuhtour auf der Via Silenzi in Graubünden ist ein Hochgenuss für Hobby-Wintersportler.



Sie schon wieder. Die Gämse steht auf einem Felsvorsprung, einige hundert Meter entfernt. Chantal Lörtscher (47) schaut ihr durchs Fernrohr tief in die Augen, die Gämse erwidert den Blick. Respektvoll, skeptisch und doch aufgeschlossen. Man kennt sich. Den Tieren gehören die Berge, der Mensch ist Besucher. Lörtscher lebt das vor, wenn sie Schneeschuh-Wanderer über die Via Silenzi durch die Winterwelt des Schweizer Kantons Graubünden führt.

Vor drei Jahren erst hat der Tourismusverband Engadin Scuol Val Müstair die zweitägige Tour erarbeitet. Sie verbindet Naturerlebnisse, sportliche Herausforderung und, da wird sie ihrem Namen gerecht, absolute Ruhe in einer traumhaften Bergkulisse.

Schon die Anreise wird zum Erlebnis



Schon die Anreise wird zum Erlebnis. Vom Bahnhof in Scuol geht es mit dem Kleinbus hoch hinauf. Die nicht ganz zweispurige Straße wird immer enger, die dicken Winterreifen kämpfen gegen den vereisten Asphalt. Auf einer kleinen Anhöhe geht es dann nicht mehr weiter. Der Pferdestall auf der linken Seite ist ein deutlicher Hinweis auf das weitere Mittel der Fortbewegung. Mit zwei PS geht es in einer Schlittenkutsche in Richtung S-charl, dem ehemaligen Erz-Bergbaudorf, das nur noch aus ein paar Ferienwohnungen und einem Gasthaus besteht.

Während sich Pancho und Shetan mit ihren Hufen durch den Schnee kämpfen, bietet sich ihren Fahrgästen ein Vorgeschmack auf das Erlebnis der nächsten beiden Tage. Vorbei am Schweizerischen Nationalpark – im Winter ist Betreten verboten – geht es in unberührter Natur hinauf auf rund 1800 Meter über Meereshöhe. Die Luft ist kalt, am Ende der eineinhalbstündigen Fahrt setzt die Dämmerung ein.

Nach dem Abendessen: Lagebesprechung. Chantal Lörtscher kennt die Strecke inzwischen blind. Doch nachlässig werden darf sie deswegen keinesfalls. Sie hat das gelernt in ihren früheren Jobs als Bahnhofsvorstand und Grenzschützerin. „Es wird morgen nie schlimm, es wird einfach lang“, sagt sie und fährt die erste Etappe mit ihrem kleinen Finger auf der Karte nach. Gut 14 Kilometer. Sechseinhalb Stunden Gehzeit. Das ist im Sommer schon eine stolze Wanderung. Mit Schneeschuhen an den Füßen ist die Herausforderung noch größer.

Start im Schatten, dann zwei Tage strahlende Sonne



Immerhin: Die Lawinengefahr hält sich in Grenzen, viel Schnee ist in diesem Winter auch in Graubünden nicht gefallen. Schaufel, Sonde und Suchgerät gibt es dennoch. Sicher ist sicher. Am Morgen der ersten Etappe deutet in S-charl selbst noch wenig auf das Traumwetter hin, das sich auf der Strecke im Laufe des Tages bieten wird. In den Wintermonaten erreicht das von 3000ern umgebene Dorf kein Sonnenstrahl. Bei schattigen minus 9 Grad geht es los.

„Am Anfang kreuzen wir Wildschutzgebiete“, sagt Lörtscher. Da sei es besonders wichtig, auf den markierten Wegen zu bleiben. Überhaupt: „Man nimmt immer die Spur, die schon da ist, außer sie führt an einen irrsinnigen Ort.“ Lörtscher erkennt das sofort.

Sie ist im Val Müstair an der Grenze zu Südtirol zuhause, hat als Grenzschützerin jahrelang die grünen Übergänge des Landes bewacht. Sie war die erste Frau in Graubünden, die diesen Job gemacht hat. Und immer wieder habe sie das auch zu spüren bekommen. „Gerade als ich dann Kinder bekommen habe, war keine wirkliche Akzeptanz da.“ Teilzeitmodelle in einem Job mit Schichtdiensten? Schwierig. Familienfreundlichkeit? Fehlanzeige. Also warf sie hin. 2020 hat sie ihr eigenes Unternehmen gegründet. Im Winter führt sie Schneeschuhwanderer und Tourengeher durch die Berge ihrer Heimat, im Sommer geht es mit Rad und Wanderschuhen durchs Gebirge.

Sanften Tourismus stärken



Dabei arbeitet sie eng mit den Verbänden der Region zusammen, die den sanften Tourismus stärken wollen. „Es braucht Menschen wie Chantal“, sagt David Spinnler, Geschäftsführer des Naturparks Biosfera Val Müstair, „denen die Region wichtig ist, die sich engagieren und den Menschen die Region näherbringen.“

Lörtscher macht das mit Begeisterung für Mensch und Tier. „Wenn wir Glück haben, sehen wir Gämsen, Steinböcke, Bartgeier und Wasseramseln“, sagt sie zu Beginn der Tour. Nur die Bartgeier werden ihr an diesen beiden Tagen keinen Gefallen tun.

Entlang des halb zugefrorenen Baches Clemgia geht es zum God da Tamangur, aus botanischer Sicht der auf bis zu 2300 Metern höchstgelegene Arvenwald Europas. Doch er ist mehr als das. Für die in Graubünden lebenden Rätoromanen ist der Wald ein Symbol der Widerstandsfähigkeit. Die bis zu 800 Jahre alten Nadelbäume haben in ihrem Leben extremen Wetterphänomen und natürlichen Feinden getrotzt. Ein Vorbild für die Bündner, die unerbittlich dafür kämpfen, ihre eigene Sprache und Kultur zu bewahren.

Die Via Silenzi beinhaltet eine Alpenüberquerung



Durch den Arvenwald geht es in die Sonne und auf den Teil der Strecke, der ihr wohl den Namen gegeben hat, Weg der Stille. In einem weitläufigen Kessel zwischen tief verschneiten Bergen beschleicht einen ein wohliges Gefühl der Einsamkeit. Ohne Chantal Lörtscher würde man in der Weite des Plateaus schnell die Orientierung verlieren. Das Gefühl von Zeit und Raum kommt einem im beruhigenden Rhythmus des Stapfens der Schneeschuhe abhanden.

„Würde es die Via Silenzi nicht geben, man müsste sie erfinden“, sagt Lörtscher. „Der Weg durchs hochalpine Gelände, die Tiere, der Bach, die Pferdeschlittenfahrt, der Arvenwald – alles in zwei Tagen. Das ist einzigartig.“ Fast nebenbei hat man, angekommen in Lü, dem Ziel der ersten Etappe, auch noch eine Überquerung des Alpen-Hauptkamms hinter sich.

Am zweiten Tag geht es somit auf der Südseite weiter. Die Sonne strahlt in den frühen Morgenstunden, der Wind pfeift böig und sorgt für stechend klare Sicht. Diese Etappe ist kürzer, gut zehn Kilometer und viereinhalb Stunden, doch es sind mehr als 600 Höhenmeter zu überwinden. Die Strecke kreuzt kurz das Skigebiet Minschuns – das einzige der Region. Hier gibt es nur Schlepplifte, ein bewusster Gegenentwurf zu den großen Ski-Arenen. „Natur und Landschaft, Wirtschaft sowie Gesellschaft“, das sind unsere drei Säulen der Nachhaltigkeit“, sagt Naturpark-Chef Spinnler.

Prunkvolle Hotels sucht man vergebens



Im Val Müstair sucht man vergeblich nach prunkvollen Hotels aus der Belle Epoque. Gasthäuser dominieren die Ortsbilder. Hier will und muss man sich abheben von den Nobelorten weiter westlich. Zum touristischen Angebot gehören unter anderem Romanisch-Sprachkurse. Fremdenverkehr soll hier keine Einbahnstraße sein. Der Ansatz funktioniere, berichtet Spinnler.

Auf den letzten Kilometern der Tour wandert Chantal Lörtschers Blick immer wieder auf die Felsen auf der rechten Seite des Weges. Dort oben stehen Steinböcke und Gämsen beisammen. Ein Steinadler kreist kurz erwartungsfroh darüber. Die Bergführerin stellt ihr Fernrohr auf und blickt der etwas abseits stehenden Gämse sekundenlang in die Augen. Dann legt sich das Tier entspannt in die Sonne. Es muss in diesem Naturparadies nie danach suchen, was die Schneeschuhwanderer spätestens am zweiten Tag ihrer Tour gefunden haben: absolute Ruhe.


Redakteur Alexander Augustin wanderte auf Einladung von Graubünden Ferien, dem Tourismusverband Engadin Samnaun Val Müstair und Schweiz Tourismus.