Schönau

Grüne sehen beim ÖPNV in Rottal-Inn viel Nachholbedarf

25.01.2023 | Stand 25.01.2023, 11:10 Uhr

Grünen-Verkehrsexperte MdL Dr. Markus Büchler (rechts) stieß mit seinen Argumenten bei (von linkes) Sonnendorf-Gründer Thom Setzermann, Bezirkstagskandidat Ludwig Reil, Bezirksrätin Mia Goller und MdB Marlene Schönberger auf offene Ohren. −Foto: hl

„Der Landkreis Rottal-Inn liegt, wenn es um einen vernünftig ausgebauten und bürgernahen ÖPNV geht, leider ziemlich abgehängt.“ Mit dieser Feststellung hat Bezirksrätin Mia Goller eine Diskussionsveranstaltung der Grünen zum Thema „Öffentlicher Personennahverkehr“ eröffnet. Als Referent konnte der Landtagsabgeordnete Dr. Markus Büchler gewonnen werden. Der Grünen-Politiker gilt als ausgewiesener Verkehrsexperte, insbesondere durch seinen Einsatz für sinnvolle Verkehrsverbünde hat er sich bayernweit einen Namen gemacht.

Ziel: Auf Zweitauto verzichten können

Es waren nicht mehr viele Plätze frei im Veranstaltungssaal des Schönauer Sonnendorfes, offensichtlich brennt das Thema auch in Rottal-Inn mit einer überdurchschnittlich hohen Dichte an Personenkraftwagen auf den Nägeln. „Immer mehr Bürgerinnen und Bürger wären gerne bereit, das Auto stehen zu lassen oder sogar den Zweitwagen abzuschaffen – aber das klappt eben nur, wenn es einen gut getakteten ÖPNV gibt“, sagte Mia Goller. Am Beispiel eines Arztbesuches verdeutlichte sie, wie schwierig es sei, Termine in einer Praxis auszumachen, wenn man zur Anfahrt Bus oder Bahn nutzen möchte: „Es bringt nichts, wenn die Hinfahrt nur bis 8 Uhr und die Rückfahrt erst wieder am späten Nachmittag möglich ist. Dann braucht man für einen Arztbesuch von einer halben Stunde Dauer einen ganzen Tag.“

Eine klare Forderung richtete die Bezirksrätin auch an den Freistaat: „Bayern muss die Landkreise besser dabei unterstützen, für guten ÖPNV zu sorgen. Wir wollen nicht das Auto abschaffen, wir wollen es einer Familie ermöglichen, vielleicht auf das Zweit- oder Drittauto zu verzichten. Denn auch das gehört zur Freiheit dazu: Wählen zu können, wie ich mich fortbewege“, hielt sie fest. Wenn der Landkreis auch für junge Menschen attraktiv sein wolle, dann gehöre ein gut abgestimmter ÖPNV dazu. „Das ist mehr als nur Lebensqualität, das ist letztendlich Daseinsvorsorge.“

Der Landkreis sollte jetzt in einem ersten Schritt ein Planungsbüro damit beauftragen, einen Nahverkehrsplan zu erstelle: „Erst wenn wir wissen, wo Potenziale für Bus, Bahn, Rufbus oder Carsharing sind, können wir auch angemessen reagieren“, sagte Goller und plädierte für eine weitergreifende Lösung: „Es wäre gut, wenn wir uns einem Verkehrsverbund anschließen. Und wir müssen uns im Klaren sein, dass wir in mehr Geld und Handeln in den Öffentlichen Nahverkehr investieren müssen.“

Dr. Markus Büchler konnte dem nur zustimmen, auch er mahnte eine deutlich bessere Unterstützung durch den Freistaat an. Dabei machte er deutlich, dass es nicht nur um die Höhe einer finanziellen Förderung, sondern vor allem auch um deren gerechte Verteilung geht. Als Beispiel dafür nannte er die zweite Stammstrecke der Münchner S-Bahn. „Für eine Strecke von wenigen hundert Metern wird so viel Geld ausgegeben, dass für den ÖPNV im Rest von Bayern nicht mehr viel bleibt“, kritisierte er. Die Kostenentwicklung bei der Stammstrecke sei derart überdimensioniert, dass man sich fragen müsse, ob sie wirklich nicht vorhersehbar gewesen sei. Es zeige sich jetzt auch, dass es vernünftiger gewesen wäre, auch alternative, leichter durchzuführende Planungen zu prüfen und umzusetzen. „Jetzt leiden die Kommunen im Freistaat darunter, dass es in München ein Prestigeobjekt gibt, von dem man nicht weiß, wann und zu welchen Kosten es fertiggestellt sein wird.“

Grundsätzlich machte der Verkehrsexperte klar, dass Mobilität gerade im ländlichen Raum mehr sei als nur eine Fahrt zwischen zwei Orten. „Mobilität für alle stärkt den sozialen Zusammenhalt. Ich kann Freunde und Bekannte besuchen auch dann, wenn aufgrund höheren Alters oder aus anderen Gründen die Nutzung eines eigenen Autos nicht mehr möglich ist oder auch ganz einfach deshalb, weil das eigene Fahrzeug nicht leistbar ist“, machte er klar.

Verkehrsverbünde für überregionalen ÖPNV

Flächendeckende Verkehrsverbünde hätten dabei eine Bedeutung über die Region hinaus: „Ob das Termin in einer Fachklinik in München oder Regensburg ist, oder auch nur die abendliche Fahrt in ein Theater: die Nutzer des ÖPNV könnten dann mit einem planbaren Takt Busse und Bahnen nutzen und sie wären vor allem auch noch umweltfreundlich und kostengünstig unterwegs.“ Ziel der Grünen sei es deshalb, ähnlich wie in Baden-Württemberg, durch die Gründung und Förderung von Verkehrsverbünden eine Verdoppelung der Fahrgäste des ÖPNV zu erreichen. Dazu brauche es dann auch behindertengerechte Bahnhöfe, einen deutlichen Ausbau der Elektrifizierung von Bahnstrecken und eine deutliche Zahl von Bushaltestellen, die auch fußläufig für einen Großteil der Bürgerinnen und Bürger erreichbar sind.

− hl