Sternfahrt mit ordentlich Wumms
Bauernprotest in Deggendorf: Mit rund 850 Fahrzeugen gegen die Ampel-Politik

05.01.2024 | Stand 06.01.2024, 12:14 Uhr |

Warmer Empfang trotz kalter Temperaturen: Protestierende standen bei der Einfahrt der Bulldogs Spalier. − Fotos: Stefan Schmidbauer

Schon kurz vor 19 Uhr waren die Zufahrtsstraßen rund um Deggendorf am Freitagabend heillos verstopft: Bulldog an Bulldog, Lastwagen an Lastwagen, Auto an Auto. Die Kennzeichen aus der ganzen Region – Passau, Regen, Dingolfing, Freyung-Grafenau und natürlich Deggendorf.



Erst kurz nach 20 Uhr ließ der Zustrom allmählich nach. Der Deggendorfer Volksfestplatz – Zentrum des Bauernprotests – war da schon bummvoll. Wie viele Fahrzeuge genau sich schließlich mit einer Dreiviertelstunde Verspätung auf Sternfahrt durch die Stadt machten? 1000 wurden zunächst geschätzt, die Polizei sprach gegen 22.45 von rund 850. Die vom Bauernverband organisierte und ordnungsgemäß angemeldete Veranstaltung hatte jedenfalls ordentlich Wumms.

Verfolgen Sie die Bauernproteste in der ganzen Region live in unserem Ticker.

„Schulterschluss zwischen den Landwirten“

Was in diesen Tagen pauschal Bauernprotest genannt wird, ist für den Hengersberger Milchbauern Thomas Jocham viel mehr. „Es ist ein Schulterschluss zwischen den Landwirten, vielen anderen Branchen und der Bevölkerung, wie er noch vor wenigen Jahren nicht denkbar gewesen wäre“, sagt er. Und so waren es am Freitagabend tatsächlich nicht nur Landwirte, die sich an dem vom Bauernverband organisierten Korso durch die Stadt beteiligten. Der Auslöser: Frust über die Bundesregierung.

Thomas Jocham hatte die Aktion in Deggendorf zusammen mit Mathias Kremheller organisiert. Die beiden Landwirte haben Betriebe im Raum Hengersberg. Der von Jocham umfasst 80 Milchkühe. Der 40-jährige Vater von drei Kindern liebt seinen Beruf: „Ich gebe mir Mühe und bin mit Herzblut dabei.“ Schon am Donnerstag waren er und Kremheller zusammen mit weiteren rund 30 Kollegen aus Hengersberg mit Bulldogs nach Straubing gefahren, um den dortigen Fahrzeugkonvoi zu unterstützen. 1500 Fahrzeuge und 3000 Teilnehmer waren laut Polizei in der Gäubodenstadt unterwegs. „Das war brutal“, findet Jocham angesichts dieser Zahlen. Er habe auch Teilnehmer aus dem Raum Dingolfing, aus Cham oder Regensburg entdeckt. Auch das Transportgewerbe aus der Region war in Straubing und Deggendorf gut vertreten. Massive Probleme mit der Maut hatten diese Branche auf die Straße getrieben.

Um ein Vielfaches mehr als die angemeldeten 150 Fahrzeuge



Mit Blick auf die gegenseitig zugesagte Solidarität zwischen Deggendorf und Straubing erschien die noch am Donnerstag beim Landratsamt gemeldete Zahl von 150 Fahrzeugen für Deggendorf recht niedrig. Tatsächlich bogen am Freitagabend ab 19 Uhr sehr viel mehr auf die Ackerloh ein. Nicht nur Kurt Kindel – beim Landratsamt für den Bereich Sicherheit und Ordnung zuständig – war hochzufrieden mit dem friedlichen Verlauf. „Alles sehr geordnet“, fand auch Erster Polizeihauptkommissar Werner Feilmeier, der die Einsatzleitung hatte.

Einsatzleitung lobt geordneten Ablauf



Weil es keine Reden gab, musste sich jeder selbst einen Reim auf den Grund oder besser die Gründe dieser Sternfahrt machen, was angesichts von auf Bulldogs montierten Sprüchen wie „Ist der Bauer tot, gibt’s kein Brot“, „Bei den Dieselpreisen sind wir alle bald ruiniert“ oder „Wenn wir sterben, bleiben die Regale leer“ und der Berichterstattung der vergangenen Tage nicht sonderlich schwer fiel. „Immer nur schmatzn und schmatzn bringt sowieso nichts. Man kann einfach mal ein Zeichen setzen“, kommentierte Thomas Jocham die Tatsache, dass bewusst keine Kundgebung angesetzt war.

„Die Regierung hat uns soweit getrieben“



Am Freitagabend wurde nicht nur ein Zeichen gegen Agrarkürzungen gesetzt. „Es geht darum, wie man mit der gesamten Bevölkerung umgeht – auch mit den Rentnern und Kindern zum Beispiel. Es kann doch nicht sein, dass eine Bundesregierung den Haushalt nicht in den Griff bekommt“, findet Jocham. In den Tagen vor dem Deggendorfer Korso hätten er und seine Mitorganisatoren viel Zuspruch erfahren: „Viele wollten mitmachen – bei weitem nicht nur Bauern.“ Ihn wundert das nicht. Lange hätten nicht nur die Landwirte alle Regelungen und immer neue Anordnungen geschluckt: „Die Regierung hat uns soweit getrieben“, findet er.

BBV-Kreisobmann: „Wir wollen keine radikalen Kräfte“



Auf keinen Fall wollen die Landwirte in die rechte Ecke gestellt werden. Überhaupt sei man politisch „komplett neutral“ und lasse sich nicht instrumentalisieren. Und: „Wir unterstützen nur angemeldete Aktionen.“ Das betonte auch BBV-Kreisobmann Michael Klampfl: „Wir wollen hier keine radikalen Kräfte.“ Ordner sorgten dafür, dass am Freitag alles „gesittet und geordnet“ und wie bei einem Sicherheitsgespräch mit Landratsamt und Polizei abgesprochen ablief.

Offiziellen Besuch gab es von Landrat Bernd Sibler, Bundestagsabgeordnetem Thomas Erndl und Bauminister Christian Bernreiter, die zusammen mit BBV-Kreisobmann Michael Klampfl eigentlich Gäste der Prunksitzung der Schöllonia in der benachbarten Stadthalle waren, aber es nicht versäumten, sich mit den Landwirten solidarisch zu zeigen. In einem Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz hatte Landrat Sibler gefordert, das Vertrauen in das politische System nicht weiter zu strapazieren; der Bauernstand fühle sich „zu recht im Stich und allein gelassen“. Auch der Landrat war beeindruckt vom Ablauf: „Das ist gut organisiert, man kann mit allen reden.“

Kurz vor 21 Uhr und damit eine Stunde später als geplant setzte sich der Konvoi aus Schleppern, Lastwagen und Autos hupend in Bewegung – voraus ein Führungsfahrzeug der Polizei. Über die Neusiedler Straße, Mettener Straße, Güterstraße, Stadtfeldstraße, Egger Straße, Konrad-Adenauer-Straße, Graflinger Straße, Westlichen-, Östlichen- und Nördlichen Stadtgraben ging es zurück zur Ackerloh. Erlaubt war alles, was die lange Fahrzeugschlange nicht abreißen ließ. Um gegen die Politik der Ampel zu demonstrieren, durften die Fahrer selbst rote Ampeln ignorieren.

Das ist nächste Woche geplant



Bleibt die spannende Frage: Ist auch nächste Woche mit Verkehrsbehinderungen zu rechnen? Angemeldet wurden am Freitag laut Thomas Kindel sechs Aktionen. Jeweils zwischen 6 und 10 Uhr sollen am Montag in Plattling der Kreisverkehr beim AVP sowie die Strecke zwischen dem Globus-Kreisverkehr und dem Kreisverkehr auf der B 8 immer wieder mit Bulldogs befahren werden. Dasselbe Spiel zur selben Uhrzeit ist an den Kreisverkehren in Niedermünchsdorf und Arbing zu erwarten. Auch auf dem Ruselabsatz wollen Landwirte mit Traktoren zu dieser Zeit den Verkehr „entschleunigen“; ebenso an der Ampel in Iggensbach. Um eine dauerhafte Blockade zu vermeiden, haben die Veranstalter laut einer Pressemitteilung aus dem Landratsamt aber Zeiten für einen frei fließenden Verkehr eingeplant. „Die große Unbekannte aber“, weiß Kindel mit Blick auf die bevorstehende Protestwoche, „sind unangemeldete Aktionen.“