Deggendorf
Konstantin Wecker im Stadthallenpark: Vom Glück, auf der Bühne zu stehen

04.09.2020 | Stand 20.09.2023, 5:56 Uhr |
Josefine Eichwald

Krönender Abschluss zum Ende der Deggendorfer Konzert-Trilogie: Konstantin Wecker . −Foto: Eichwald

"Wie systemrelevant ist Kunst?", fragt (sich) Konstantin Wecker, der am Donnerstagabend das "unglaubliche Gefühl auskostet, "vor lebendigem Publikum" auf der Bühne zu stehen. Im Deggendorfer Stadthallenpark sitzen die knapp 200 Besucher im sicheren Corona-Abstand und lassen sich mitnehmen in den Wecker’schen Klang- und Gedankenkosmos, der Worte als Waffe benutzt und vermeintlich systemrelevante Sparten wie Waffenhändler oder die Lufthansa in Frage und an den Pranger stellt. "Vielleicht sollte man in einem Jumbo-Jet spielen, ein Keyboard aufbauen und man sitzt gedrängt", spintisiert er weiter, bevor er einen "Link" zu Georg Kreisler herstellt: "Jeder Mensch braucht Kunst, weil sie ein Teil seiner selbst ist", formuliert Wecker, "wenn er sie nicht bekommt, versucht er sie irgendwie zu ersetzen, vielleicht durch Gewalt…"
In "Wecker solo 2020" will der Münchener Liedermacher, heuer 73 geworden, 50 Jahre Bühnenlaufbahn zum Leben erwecken, wobei er, wie er launig anmerkt, die Zeit im Knabenchor auslasse. "Ich würde dem stimmlich nicht gerecht werden", sagt er. Kurz streift er die Zeit seiner sadopoetischen Gesänge mit Textzeilen wie "sie treiben es unter dem Lindenbaum" oder dem ersten Liebeslied, "ich habe meinen linken Arm in Packpapier gepackt und nach Paris geschickt, am 3. Mai zur Nacht hab ich ihn abgehackt, denn ich bin so verliebt". Das Publikum spendet Beifall, wie so häufig an diesem Abend, und Wecker grummelt mit Blick auf seinen linken Arm, dass er die Botschaft der Lieder nicht immer in die Tat umgesetzt habe.
Neben solchen amüsanten Momenten geht der Grandseigneur der Liedermacher in die Vollen: Es finden sich kraftvolle und eindringlich dichte Momente, mit furiosem Tastenschlag am Piano, ähnlich einem Vulkan, der die Ungerechtigkeiten dieser Welt ausspeit. Immer wieder wechselt der Künstler überraschend in ebenso zart-perlende wie intensive Poesien mit nachdenklich-melancholischen Sequenzen.

Neben Titeln wie "Das Leben will lebendig sein" bilden Klassiker wie "Genug ist nicht genug", "Vaterland" oder "Stilles Glück, trautes Heim", das er vor über 30 Jahren geschrieben hat, aber das "beschreibt, wie es wäre, wenn die AfD so richtig an der Macht wäre", eine starke Kombination antifaschistischer Wecker-Lieder. Appelle, die Mut machen sollen sich einzumischen. Mut, zu widerstehen. Es ist Weckers Stimme, die sich gegen Ängste, Resignation und gegen bedrohlichen Nazi-Wahnsinn erhebt.

Weckers Textinhalte haben über die Jahre nicht an Gültigkeit verloren, sind Appelle und Aufschrei zugleich: "Zwischen Zärtlichkeit und Wut fasse ich zum Leben Mut". Und oft ist es eine Hymne an eine unbändige Lebenslust: "Wer mit dem Leben tanzen will, muss ungehorsam sein".
"Es wird doch ein bisserl kälter", zieht sich Wecker kurz vor Ende seinen Anorak über. "Genießen war nie ein leichtes Spiel", hat er an diesem Abend gesungen. Ihm sei erst in Pandemiezeiten mit Livestreamkonzerten bewusst geworden, was es für ein unglaubliches Glück sei, auf einer Bühne zu stehen. "50 Jahre zirka 100 Konzerte im Jahr", sinniert er. Ihm fehle das leise Raunen vor dem Konzert. Ohne viel Aufhebens verlängert er die 90 Minuten mit einem Titel, den er kurz vor seiner zweiten Verhaftung mit Lucio Dalla in Bologna aufgenommen hat: "Stirb ma ned weg", ein bayerisch-italienisches Lied. "Mir passieren Gedichte": Ohne eines, das ihm vor sieben Jahren passiert ist, will er sein Publikum nicht "in die dunkle Nacht" entlassen. "Jeder Augenblick ist ewig, wenn du ihn zu nehmen weißt … Gib dich hin und sei bereit!"

Worte, die die Besucher mit Empathie und dankbarem, zustimmenden Beifall aufgenommen haben.