Open Air am Kapellplatz
Hubert von Goisern beschließt den Kultursommer

29.08.2022 | Stand 21.09.2023, 2:58 Uhr |
Ulrike Hölzlwimmer

Auf eine fantastische Reise durch alle Elemente hat Hubert von Goisern sein Publikum beim Open Air am Kapellplatz mitgenommen. −Fotos: Limmer

"Zeiten und Zeichen": Unter diesem Motto steht die von vielen Fans lang herbeigesehnte Tour 2022, bei der Hubert von Goisern am Freitagabend auf dem Kapellplatz in Altötting Station gemacht hat. Seit 2016 hatte er eine Bühnenpause eingelegt, in der er nicht nur sein Romandebüt "Flüchtig" und seine Radiosendung "Steilklänge", sondern auch sein neues Album herausgebracht hat. 14 Titel daraus präsentierte er den rund 1700 Konzertbesuchern sowie den "Draufgehern", die es sich auf Bänken, Picknickdecken und in den Cafés und Restaurants außerhalb des offiziellen Bereichs gemütlich gemacht hatten.

Wer vor allem eingängige Balladen und den rockigen Volksmusiksound erwartet hat, mit dem Goisern Anfang der 90er eingeschlagen hat wie eine Bombe, der wird von der überbordenden Experimentierfreude des fast 70-jährigen Individualisten überrascht und auch gefordert. Im Song "El Ektro" parodiert er dieses Genre mit elektronisch verzerrter Stimme und harten Beats, in "Wildschütz" gibt es astreinen Hardrock und in "Brauner Reiter" singt er gegen rechtes Gedankengut an: "Lasst uns neue Lieder singen!"

Auch wenn solche Klänge auf dem Kapellplatz dem einen oder anderen deplatziert erscheinen, so ist die Botschaft hinter Hubert von Goiserns Liedern im Grunde oft eine ur-christliche. Egal welche Hautfarbe, welche Konfession oder politische Einstellung der Mensch hat – letztlich ist jeder gleich. Darum geht es beispielsweise in "A Tag wie heut". In "Sünder" prangert von Goisern dagegen die Versündigung der Menschheit an der Schöpfung an, in "Freunde" die Menschenverachtung des Nationalsozialismus.

Politisch, ironisch und poetisch ist dieser Weltenbummler Hubert Achleitner, wie er mit bürgerlichem Namen heißt. Wie eine Urgewalt bricht es aus ihm heraus, wenn er die Bühne betritt. Und so nimmt er auch das Altöttinger Publikum mit auf eine Reise durch alle Elemente, von den erdigen Jodlern seiner Goiserner Heimat ("Jodler für Willi") in die Tiefen des arktischen Meeres ("Grönlandhai"), durch das apokalyptische Feuer in "Brenna tuats guat" bis in luftig-philosophische Höhen ("Dunkelblau").

Da passt es nur zu gut, dass er davor einer jungen Musikerin die Bühne überlässt, die ebenso einfallsreich, experimentierfreudig und erdverbunden ist: Alex Cumfe aus Kirchdorf am Inn. Sie bereist Wälder in allen Teilen der Erde, um dort Naturgeräusche aufzunehmen, aus denen sie die Lieder für ihr Projekt Her Tree erschafft. Das Publikum wird eingebunden, die Männer in ganz besonderer Mission: Um die Geräuschkulisse des brasilianischen Urwaldes zu imitieren, müssen sie den Affen geben – sie lassen sich nicht zwei mal bitten und geben ihr Bestes.

Das tun sie auch im letzten Teil des Konzerts, als Goisern das erste allen bekannte Lied anstimmt. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin erhebt sich die Menge und übernimmt textsicher den Refrain des Megahits von 2011 "Brenna tuats guat". Auch während der Hymnen "Weit weit weg", "Spat" und "Heast as nit" ist das Publikum in seinem Element und fordert eine weitere Zugabe, nachdem der Star seine Anerkennung für die Band zum Ausdruck gebracht hat: Mit Maria Moling (Percussion, Gesang), langjährige Weggefährtin Goiserns und manchem bekannt aus der Band Ganes, Alex Pohn (Schlagzeug), Helmut Schartlmüller (Bass), Alex Trebo (Keyboards) und Severin Trogbacher (Gitarre) hat er großartige Musiker an seiner Seite.

Ganz zum Schluss macht er es wie Landsmann Rainhard Fendrich, der am Abend davor die Altöttinger begeistert hat: Allein, nur mit Gitarre, betritt er noch einmal die Bühne und singt "Dunkelrot", ein Liebeslied. Warm. Sanft. Ruhig. Wie ein See im Salzkammergut, in dem die rote Sonne versinkt, nachdem der Sturm sich gelegt hat.

Ulrike Hölzlwimmer