Deggendorf
HIV-Infizierte berichten aus ihrem (Arbeits-)Alltag

Vortrag bei den Leos Deggendorf

23.08.2020 | Stand 20.09.2023, 5:56 Uhr |
Josefine Eichwald

Axel Wedler und Jörg Beißel (vorne, v.l.) stehen hinter der Kampagne "positivarbeiten". Auf Einladung der Leos Deggendorf, vermittelt von Kathrin Auer (r.), referierten sie über ihren (Arbeits-)Alltag als HIV-Infizierte. Auch einige Neumitglieder der erst gegründeten Jugendorganisation der Lions hatten sich eingefunden, wie (2. Reihe, v. l.) Barbara Saller, Ben Staudhammer, Elisa Führer und Sophia Muhr. −Foto: Eichwald

"Ausgrenzung ist ganz oft das, was man im größten Teil selber betreibt, indem man jemand anderem nicht zutraut, dass er mit der Information umgehen kann." Jörg Beißel ist 37, kommt aus Ludwigsburg und hat HIV. Er ist beim Softwarehersteller SAP als Facility Manager zuständig für die Außenanlagen. Beißel ist "das Gesicht" im sechsminütigen SAP-Film zur Kampagne "positivarbeiten", der Deutschen Aidshilfe, einer Initiative gegen Diskriminierung und Stigmatisierung von HIV-positiven Mitarbeitern. Sein Pendant bei IBM ist Axel Wedler, der als Business Programs Manager bei dem amerikanischen IT-Konzern in Hamburg arbeitet. Beide waren am Freitag zu Gast bei der neu gegründeten Jugendorganisation der Deggendorfer Lions, dem Leos Club.

Mitglied Kathrin Auer hatte bei einem anderen Vortrag in Berlin die jeweiligen Erfahrungen der Referenten als "beeindruckend" empfunden. Vor kleiner Runde im Donauhof nahmen Beißel und Wedler kein Blatt vor den Mund, berichteten von ihrer Ansteckung und dem Leben als HIV-Infizierter.

Die Diagnose 2015 habe seinen Berufsalltag verändert, sagte Beißel, der dank Tabletten drei Monate nach der Infektion schon unter Nachweis war, d.h. er konnte niemanden mehr anstecken. Aber das Outing war ein Befreiungsschlag, fasst er zusammen. Kollegen waren zunächst geschockt, sprachlos, unsicher, aber sein Chef habe besonders toll reagiert: "Er ist aufgesprungen, hat mich umarmt und meinte, er sei mir dankbar, dass ich etwas so Persönliches mit ihm teile", so Beißler.

Bei Axel Wedler, 57, studierter Diplomkaufmann und Jurist, liegen die Dinge anders. Er weiß seit 2002 von seiner Ansteckung. 1998 hat er in der Dominikanischen Republik nach einem Unfall beim Surfen eine verunreinigte Blutkonserve bekommen ("heute könnt so was nicht mehr passieren"). Vier Jahre später ging es ihm schlecht, Diagnose: "Übergang zu Aids", infiziert mit einem Virus-Stamm aus der Karibik. Damals musste er noch dreimal am Tag sieben Tabletten nehmen. Erst 2006 hat er seine Erkrankung in der Arbeit publik gemacht; er war vor seinem obersten Boss zusammen geklappt und hatte ihm nach dem Geständnis "ich hab HIV" eine Blanko-Kündigung angeboten. Der Vorgesetzte habe ihm daraufhin die volle Unterstützung angeboten.

Die Akzeptanz der Inklusion von HIV-Infizierten im Berufsleben habe mit Bildung zu tun, ist Wedler überzeugt. Dennoch: bei IBM ist er nach wie vor der Einzige in Deutschland, der sich geoutet hat, "statistisch gesehen, müssten es acht bis zwölf sein".
Am 12. Juni 2019 hat Wedler zusammen mit der Deutschen Aidshilfe einen "Aufruf zu Respekt und Selbstverständlichkeit und für einen diskriminierungsfreien Umgang mit HIV-positiven Menschen im Arbeitsleben" gestartet, der mittlerweile von fast 100 Unternehmen, auch Verbänden und Städten, unterzeichnet wurde und fünf Millionen Arbeitnehmer erfasst. Das Spektrum reicht von Accenture über Bosch, Daimler, der Deutschen Bank über die Städte München und Hamburg, dem Land Schleswig-Holstein, dem Deutschen Roten Kreuz der Techniker Krankenkasse bis zur GEW. Auch Parteien stünden dahinter, sagt Wedler, abgesehen von der AfD. Heuer im Mai haben sich die Tschechische Republik und der Slowakei angeschlossen, Österreich steht an und die USA und Kanada sollen am 1. Dezember 2020 folgen.

Beißel und Wedler, deren Offenheit aus der Runde der jungen Zuhörer gelobt wurde, äußerten den Eindruck, dass das Thema HIV-Infektion bzw. Aids in den Schulen und auch in den Medien nicht mehr so präsent ist. Zurzeit gebe es ca. 80000 HIV-Infizierte in Deutschland, von der Dunkelziffer ganz abgesehen. Wedler fand, dass es diesbezüglich zu wenig Aufklärung in den Schulen gebe. Seiner Meinung, dass "junge Leute Scheu haben, sich über sexuelle Themen zu unterhalten", widersprachen die Anwesenden mit einem klaren Nein.

Ein Zuhörer, der im Arbeitsschutz tätig ist, zog eine Parallele zu Covid-19. Er berichtete , dass ein Kollege, der zunächst positiv auf Corona getestet worden war, danach aber fünf Mal negativ getestet wurde, "ganz schnell allein war" .

− je