Rund um die Uhr

Kriseninterventions-Telefon RUF24 des Ambulanten Kinderhospiz sucht Ehrenamtliche

21.01.2023 | Stand 17.09.2023, 5:00 Uhr

Die Termine für die Schulung der Ehrenamtlichen hat Brigitte Schratzenstaller schon in ihrem Kalender eingetragen. Zusammen mit Öffentlichkeitsreferent Michael Seidl möchte sie Menschen aus Niederbayern dafür gewinnen. −Foto: Katrin Schreiber

Hilfe in der Krise bietet der Notruf RUF24 des Ambulanten Kinderhospiz an. Doch auch die Unterstützer brauchen mal Hilfe und suchen daher nach Ehrenamtlichen, die für andere Menschen da sein wollen.



Ein Zweijähriger hat gerade seine Herz-OP überstanden und die Mutter, die bis dahin funktionieren musste, bricht aufgewühlt von Stress und Angst zusammen. Nach einem schweren Badeunfall liegt ein Kind im Schockraum und die Eltern verzweifeln beim Warten. Auf der Palliativstation kann sich ein Mädchen nicht vom gerade verstorbenen Elternteil lösen und will nicht heimgehen. Eine Frau erfährt am Ende der Schwangerschaft, dass sie eine Totgeburt haben wird. Alles schlimme Situationen, Krisen-Momente für die betroffene Familie. Eine Stütze will da die Stiftung Ambulantes Kinderhospiz München (AKM) sein.

Die Rufnummer in der Not



Das AKM begleitet zum einen Familien, in denen ein Kind oder ein Elternteil lebensbedrohlich oder lebensverkürzend krank ist, bis zu dessen Tod und darüber hinaus – oder bis zu seiner Genesung. Zum anderen bietet es Familien in Krisen-Situationen wie den beschriebenen an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr Unterstützung. Der Notruf RUF24 ist unter ✆ 0157/73311110 immer erreichbar.

Innerhalb von ein bis zwei Stunden, so das Versprechen, ist jemand da. 23 extra geschulte hauptamtliche Mitarbeiter an allen vier Standorten des AKM (München, Rosenheim, Inning und Landshut) gehen tagsüber an das Kriseninterventions-Telefon. Nachts und an den Wochenenden machen das rund 50 Ehrenamtliche, davon vier in Niederbayern. Das dürfen gerne mehr werden, so der Wunsch von Diplom-Sozialpädagogin Brigitte Schratzenstaller, die im AKM-Zentrum Landshut für RUF24 zuständig ist. Sie bietet ab Ende April eine Schulung dafür an.

Ehrenamtliche Helfer gesucht



Wer sich für das Ehrenamt interessiert, darf sich unter ✆ 0871/ 46404955 oder brigitte.schratzenstaller@kinderhospiz-muenchen.de melden. Bei einem Kennenlerngespräch finden dann beide Seiten heraus, ob es passt. Wenn ja, geht es ab Samstag und Sonntag, 29. und 30. April, in die Schulung in Dingolfing. Die umfasst, mit jeweils rund drei Wochen Abstand, insgesamt fünf Wochenenden bis zum Abschluss am 23. Juli. Für Oberbayern ist in München gerade ein Kurs mit zwölf Teilnehmern abgeschlossen worden, ab Herbst ist dort ein neuer geplant.

An den Schulungstagen befasst man sich mit Stabilisierungsmethoden, dem Ablauf der Einsätze, mit Psychohygiene, palliativen Krankheitsbildern und setzt sich mit dem Thema Sterben und Tod auseinander. Nur wer alle Module durchlaufen hat, darf in den ehrenamtlichen Dienst. Ihre Rufbereitschaften suchen sich die Ehrenamtlichen selbst aus und tragen sie quartalsweise in den Schichtplan ein. Etwa zwei- bis dreimal im Monat ist man eine Nacht (18 bis 9 Uhr), einen Samstag, Sonntag oder Feiertag (9 bis 18 Uhr) dran.

Oft melden sich auch Kliniken auf Patientenwunsch



Das Telefon klingelt dann nicht ständig, beruhigt Brigitte Schratzenstaller: Manche Ehrenamtliche hatten noch nie einen Einsatz. Insgesamt ungefähr zweimal pro Woche, so die Erfahrung, wird RUF24 kontaktiert. Manchmal von Familien zu Hause, die dann meist keinen persönlichen Besuch wünschen. Ihnen steht das Team am Telefon bei. Oft melden sich aber auch Kliniken auf Wunsch ihrer Patienten oder der Angehörigen.

Wer das Gespräch annimmt, lässt sich die Situation schildern und hält dann zunächst Rücksprache mit dem Hintergrunddienst. Als Honorarkräfte stehen Psychologen, Traumatherapeuten, Seelsorger und Sozialpädagogen rund um die Uhr bereit. Dann fährt der Ehrenamtliche im Regelfall in die Klinik und spricht dort mit den Familienangehörigen, die eine Krise durchstehen müssen. Es geht dabei nicht um konkrete Hilfe, sondern darum, zuzuhören, innerhalb des Netzwerks zu vermitteln und zu stärken für alles, was nach dieser Krise kommen wird. Zurück zu Hause, ist der Ehrenamtliche verpflichtet, sich noch einmal beim Hintergrunddienst zu melden und alles durchzusprechen.

Vor allem geht es darum, die Helfer nicht allein zu lassen – vor allem auch dann nicht, wenn sie das Gehörte stärker als gedacht belastet. Außerdem gibt es alle zwei Monate Teamabende, inzwischen auch hybrid, bei denen man zusammenkommt und sich austauscht. Für Brigitte Schratzenstaller ein Termin, den sie gerne wahrnimmt: „Alle sehen diese Arbeit als einen Gewinn für sich. Und das ist es auch für mich – die Ehrenamtlichen sind lauter tolle Leute.“

Die Stiftung Ambulantes Kinderhospiz



Die persönlich Betroffenen Christine und Florian Bronner haben 2004 das Ambulante Kinderhospiz München (AKM) und kurz darauf die Stiftung als Träger gegründet, um anderen in der gleichen Situation zu helfen. Stifterin und Geschäftsführender Vorstand ist Christine Bronner. Das AKM betreut im Jahr rund 700 Familien. Dafür stehen rund 100 haupt- und rund 350 ehrenamtliche Mitarbeiter zur Verfügung.

Der Kriseninterventions-Notruf RUF24 wurde 2016 installiert. 2018 und 2019 hat die Stiftung zusätzliche Zentren für Oberbayern in Rosenheim und Inning am Ammersee sowie eines für Niederbayern in Landshut eröffnet.

Heuer im Herbst soll das Haus Anna Eichendorf im Landkreis Dingolfing-Landau eingeweiht werden. Dort werden schwer kranke Kinder teilstationär tagsüber, nachts oder an Wochenenden betreut, damit Eltern wieder arbeiten und gesellschaftlich teilhaben können. Dieses Konzept ist in dieser Form in Bayern neu, bestätigt Öffentlichkeitsreferent Michael Seidl. In vollstationären Appartments können zudem ganze Familien auch für mehrere Wochen bleiben, zum Beispiel während einer nötigen Umbauphase im Eigenheim. Interessierte können sich an ✆ 09952/3649936 oder familieninfo@haus-anna-eichendorf.de wenden.

Die Stiftung AKM mietet das von einem Bauträger errichtete Haus. Den Innenausbau und die technische Ausstattung im Gesamtwert von rund zwei Millionen Euro finanziert sie jedoch selbst. Insgesamt braucht die Stiftung AKM für ihre Arbeit im Jahr rund fünf Millionen Euro. Ein Viertel davon decken die Krankenkassen ab, der Rest wird überwiegend aus Spenden finanziert. Für die Familien sind alle Angebote – Haus Anna, Kinderhospizarbeit, RUF24, Angehörigenberatung, Nachsorge oder Therapeutische Kurzintervention – immer kostenfrei. Weitere Infos unter www.kinderhospiz-muenchen.de.