Im Interview
Suchtberater Julius Krieg: "Politisches Gelalle"

20.07.2012 | Stand 20.07.2012, 13:17 Uhr |
Der Leiter der Caritas-Suchtberatung in Passau, Julius Krieg, glaubt nicht, dass gesetzliche Verbote die Spielsucht wirksam bekämpfen können. −Foto: Foto: Jäger

Die Psychosoziale Beratung und Behandlung (PSBB) der Caritas Passau hilft bei Suchtproblemen verschiedenster Art. Sie berät Menschen mit Alkohol- oder Drogenproblemen ebenso wie Medikamentenabhängige, Personen mit Essstörungen und Spielsüchtige sowie Suchtgefährdete und Angehörige. Der Leiter der Suchtberatung, Julius Krieg, erklärt im PNP-Interview, wann aus harmlosem Spielen eine ernst zu nehmende Sucht wird und wie Betroffene einen Ausweg finden können.


Herr Krieg, warum, glauben Sie, ist die Zahl der Spielhallen in den vergangenen Jahren so stark gestiegen?Krieg: Da hat man eine Marktlücke entdeckt, mit der man wohl sehr viel Geld macht. Noch vor 10, 15 Jahren hat man vielleicht noch gezweifelt, ob man genügend Publikum dafür interessieren kann. Jetzt merkt man, dass ein sehr gemischtes Publikum von den Hallen angezogen wird: Da sind die jungen Leute, die geködert werden sollen, es gibt eine gewisse Stammkundschaft, die schon süchtig ist, und man findet auch immer wieder ein paar Kaputte, die auch die Betreiber nicht gerne in ihren Einrichtungen sehen.

Wovon wird dieses Publikum Ihrer Meinung nach angezogen?Krieg: Die Betreiber haben inzwischen sehr attraktive Angebote geschaffen. Es gibt überall Tresen, Getränke werden angeboten. Man schafft eine angenehme Atmosphäre. So etwas hat es früher nicht gegeben. Da stand so ein Automat noch in einem verrauchten Wirtshaus in einer Ecke.
Warum ist das Spielen so in Mode gekommen?Krieg: Tatsächlich kann man den Boom der Spielhallen auch darauf zurückführen, dass das Spielen um Geld an sich in den vergangenen Jahren massiv zugenommen hat. Jeder erhofft sich beim Spiel einen Gewinn – und er kriegt ihn auch. Sieht man sich Spielerkarrieren an, stellt man fest, dass alle am Anfang ein Gewinnerlebnis hatten. Davon ausgehend entstand dann die Sucht. Es sollte nach dem ersten Erfolg einfach immer mehr werden. Die Automaten sind ja auch so programmiert, dass sie immer mal wieder Geld auswerfen. So bekommt der Spieler das Gefühl vermittelt "Du wirst Sieger!".
Wie hat sich die Zahl der Hilfe suchenden Suchtkranken entwickelt?Krieg: Sie hat in den vergangenen Jahren gewaltig zugenommen. Noch vor zehn Jahren hatten wir schon den einen oder anderen Betroffenen. Vor etwa zwei Jahren haben wir dann in unserer Beratung eine eigene Planstelle für den Bereich Spielsucht bekommen. Momentan haben wir in Stadt und Landkreis Passau über 100 Menschen in Begleitung, dazu kommen viele Angehörige, die das Gespräch mit uns suchen. Und ich fürchte, der Trend setzt sich fort.
Wie ließe sich diese Entwicklung umkehren?Krieg: Ich denke, der Zug ist schon abgefahren. Das Problem der Spielsucht ist nicht mehr aus der Welt zu kriegen, auch nicht indem man alle Spielhallen zusperrt. Dann gehen die Leute woanders hin. Die Spielsucht wird uns noch massiv beschäftigen. Man sollte darauf achten, die Schuldnerberatungen gut auszustatten. Auf sie kommt eine Menge Arbeit zu.
Ist Spielsucht mit anderen Formen der Abhängigkeit vergleichbar?Krieg: Ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass auch Spielsüchtige, bei denen man oft annimmt, dass "nur" eine psychische Abhängigkeit besteht, auch körperliche Entzugserscheinungen zeigen. Wenn man ihnen die Möglichkeit, zu spielen nimmt, fangen einige an gewaltig zu zittern – wie der Tremor bei Alkoholabhängigen. Schweißausbrüche sind möglich. Auch bei der Suchtgefährdung ist die Spielsucht kein Sonderfall: Manche werden süchtig, andere nicht, obwohl sie dem gleichen Reiz ausgesetzt waren. Das hängt viel von der individuellen Veranlagung ab.
Gibt es Menschen, die besonders gefährdet sind?Krieg: Glaubt man der Statistik, sind Männer häufiger betroffen. Tatsächlich sehe ich auch mehr Männer als Frauen in Spielhallen. Das liegt womöglich an einer Art gesellschaftlicher Norm: Es geziemt sich nicht für eine Frau zu spielen. Aber diese Norm wird aufgeweicht. Beim Alkohol verhält es sich sehr ähnlich: Die abhängigen Männer sind in der Überzahl, aber auch Frauen trinken – und es ist gut möglich, dass sich die Zahlen annähern.
Sind nicht auch Menschen besonders gefährdet, die aus Frust in die Spielhalle gehen?Krieg: Das sehe ich anders. Ich glaube nicht, dass jemand mit privaten Problemen in die Spielhalle geht, um Ablenkung zu suchen. Wenn er das tut, ist der Vorsatz schon längst da. Das Problem ist schon da. Auch wenn die Betroffenen selbst oft als Argument anführen: Bei dem Drachen, den ich daheim habe, muss ich ja spielen gehen.
Nicht jeder, der an einem Automaten daddelt, ist gleich spielsüchtig. Was sind typische Warnsignale für eine beginnende Sucht?Krieg: Der größte Teil der Leute, die in eine Spielhalle gehen, versteht darunter Freizeitgestaltung. Vielleicht verlieren sie 20 Euro, oder sie gewinnen 10. Das ist für sie eine nette Geschichte und sie lassen es dann auch gut sein. Vielleicht gehen sie irgendwann wieder hin, vielleicht auch nicht. Aber wenn Leute sagen "Das zieht mich an, ich kann gewinnen", dann heißt es hellhörig werden. Meine eigene Definition sieht so aus: Wenn jemand ein unwiderstehliches Verlangen nach etwas hat, dann hat er ein Problem. Wenn er ausflippt, weil er es einmal nicht kriegen kann, ist das ein klares Zeichen für eine Abhängigkeit. Weitere Anhaltspunkte sind, wenn jemand sich selbst, Familie oder Freunde vernachlässigt, wenn das Spielen einfach Überhand nimmt. Ein Warnsignal – so absurd es vielleicht klingt – ist auch, wenn jemand sich scheinbar zum Positiven verändert. Ich hatte mal einen Fall, da war ein Mann immer knauserig mit dem Haushaltsgeld. Die Frau musste ihn fast schon anbetteln. Und plötzlich wurde er freigiebig. In Wahrheit hat er sich nur zurückziehen wollen, damit niemand etwas von seiner Sucht merkt. Ähnlich wie ein Trinker, der sich plötzlich besonders gut kleidet, um sein Problem zu verbergen.
Gibt es für Angehörige überhaupt eine Chance, die Sucht rechtzeitig zu erkennen?Krieg: Es ist ein schleichender Prozess. Die Betroffenen merken es selbst oft nicht. Das Suchtgehirn täuscht sie und sie glauben an die eigenen Lügen. Sie finden Ausreden, etwa dass der Freund ja auch in die Spielhalle geht, oder dass sie ja kein Geld verloren hätten. Das geht relativ früh los. Wenn man es merkt, ist es oft schon höchste Eisenbahn. Das muss der Betroffene selbst erkennen. Werden die Angehörigen aber zuerst stutzig, weil sie feststellen, dass sich der Mensch verändert hat, müssen sie ihn damit konfrontieren.
Wie sollte ein Angehöriger mit so einem Verdacht umgehen?Krieg: Oft fangen auch die Angehörigen an, das Problem zu leugnen, sagen: "Das kann nicht sein, nicht mein Mann." So wird die Abhängigkeit aber nur noch mehr gefördert. Das Zögern der Familie kann auch mit gesellschaftlichem Ansehen zu tun haben. Da wird die Sucht aus Scham manchmal gedeckt bis Haus und Hof verspielt sind. Ich rate Angehörigen, die befürchten, dass jemand spielsüchtig ist, den Betroffenen damit offen zu konfrontieren. Er sollte das Gefühl haben: Da stellt sich mir einer in den Weg. Angehörige sollten gerade heraus sagen: "Mir passt das nicht, dass du spielen gehst." Oder: "Ich gehe mit, ich sehe mir an, was du da machst." Man kann auch deutlich sagen: "Entweder du hörst auf zu spielen oder ich verlasse dich." Das ist nicht leicht. Wer nicht weiß, wie er es angehen soll, kann sich jederzeit an Beratungsstellen wenden, etwa an uns. Das wird anonym behandelt.
In Spielhallen gibt es bereits eine Reihe von Vorschriften, zum Beispiel keinen Einlass für Minderjährige, keinen Alkoholausschank, Limits an den Automaten und ähnliches. Hilft das, die Suchtgefahr zu senken? Krieg: Das wird jemanden, der spielen möchte, nicht davon abhalten, es zu tun. Letztlich dienen solche Maßnahmen nur dazu, das Spielen zu legitimieren, es müssen Vorschriften eingehalten werden. Das ist in Ordnung. Aber es verhindert die Sucht meiner Ansicht nach nicht.
Sind die Neuregelungen im Zuge des neuen Glücksspielstaatsvertrages, der zum 1. Juli in Kraft trat, geeignet, die Suchtgefahr einzudämmen? Etwa der Mindestabstand, der künftig zwischen Spielhallen gegeben sein muss.Krieg: Das ist kein Fortschritt aus meiner Sicht. Es ist eher politisches Gelalle. Ob es zehn Spielhallen gibt oder eine, ist dem Abhängigen egal. Eine reicht ihm schon. Die Politik kann nicht alle Probleme lösen. Mit einem Verbot von Spielhallen ist der Spielsucht auch nicht Herr zu werden.
Wie kann man gegen Glücksspielsucht vorgehen?Krieg: Es muss gelingen, die Leute zu motivieren, ihre Kinder so zu erziehen, dass sie nicht in ein abhängiges Leben geraten. Meines Erachtens nach ist die Spielsucht besser zu unterbinden als viele andere Abhängigkeiten. Durch Kontrollprozesse und Erziehung kann man viel erreichen. Da sind die Eltern massiv gefordert. Keiner kommt suchtkrank zur Welt. Dafür muss man ein Bewusstsein schaffen.
Welche Rollen können in diesem Zusammenhang abschreckende Beispiele wie das des Regener Landrats Heinz Wölfl spielen?Krieg: Als das passiert ist, sind die Telefone bei uns heiß gelaufen. Es kann eine sehr große Rolle spielen, wenn dadurch das Thema Spielsucht diskutiert wird. Nicht in der Politik! In den Familien. Die Gesellschaft leidet, weil viele Probleme nicht thematisiert oder nur oberflächlich angeschnitten werden. Tatsächlich kann eine Familie eine Sucht verhindern. Nach dem Tod von Heinz Wölfl haben viele angefangen, genauer hinzuschauen.
Wie wird Spielsüchtigen geholfen?Krieg: Wir haben seit 10 Jahren unsere ambulante Beratung für Betroffene und Angehörige. Außerdem vermitteln wir Abhängige auch weiter zur stationären Behandlung in Fachkliniken für Spielsucht. Eines ist sicher: Die Spielsucht ist nicht zu heilen, sie kann aber zum Stillstand gebracht werden. So wie ein trockener Alkoholiker nie wieder Alkohol anrühren darf, so darf ein Spieler nie wieder um Geld spielen. Sonst droht ein Rückfall, der alles noch schwerer macht als es vorher war.
Gilt für die Suchtberater eine Schweigepflicht? Krieg: Vertrauen ist das A und O der Suchtberatung, es ist essenziell. Wir binden uns streng an die Schweigepflicht. Alles, was die Menschen uns anvertrauen ist vertraulich. Es gibt nur eine Ausnahme: Mord. Wenn jemand uns erzählt, dass er seine Mutter umgebracht hat, um seine Sucht zu finanzieren, müssen wir diese Information natürlich nicht vertraulich behandeln. Wenn er uns aber sagt, dass er seiner Oma Geld aus dem Portemonnaie gestohlen hat oder irgendwo eingebrochen ist, gilt die Schweigepflicht.