"Die Perspektive fehlt"

Bayerischer Kulturverband: Die 75-Prozent-Regel reicht nicht

12.02.2022 | Stand 12.02.2022, 6:00 Uhr
Sarah El Sheimy

Carola Kupfer ist Präsidentin des BLVKK. −Foto: Schafbauer

Erst 25, dann 50 und jetzt 75 Prozent: Dieser Anteil an Plätzen darf seit Mittwoch bei Kulturveranstaltungen in Bayern besetzt werden. Sind die Probleme der Branche damit gelöst?

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Die Regierung ist zwar einer Forderung des Landesverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK) nachgekommen, die garantieren soll, dass Veranstalter mit den Ticketeinnahmen zumindest ihre Kosten decken können. BLVKK-Präsidentin Carola Kupfer und Katrin Neoral, Leiterin der Abteilung "Creative Culture", fehlt aber eine langfristige Perspektive.

Kulturbetrieb nicht mit Gastronomie zu vergleichen

Die sei besonders im Kulturbetrieb entscheidend, sagt Neoral. "Das kann man nicht mit einem Gastronomen vergleichen, der schnell seine Waren einkaufen kann, wenn die Regeln sich ändern." In der Kulturbranche liege der größere Fokus auf dem Personal. Viele der "Menschen hinter der Bühne", etwa Veranstaltungstechnikerinnen oder Aufbauhelfer, seien aber aus Unsicherheit in andere Branchen abgewandert.

Der entstandene Personalmangel mache Kulturproduktionen in Zukunft teurer, mutmaßt Neoral. Höhere Produktionspreise würden wiederum bedeuten, dass die Einnahmen einer Veranstaltung bei einer Auslastung von maximal 75 Prozent zu gering sind, um die Kosten zu decken. Ganz zu schweigen von den ausbleibenden Gewinnen, wie BLVKK-Präsidentin Kupfer sagt: "Viele Häuser hangeln sich gerade so durch. Das Traurige für die Gesellschaft ist, dass Veranstalter irgendwann keine Lust mehr haben, in Neues zu investieren."

Stufenplan gefordert

Deswegen fordert Neoral eine Art Stufenplan mit weiteren Lockerungen je nach Corona-Szenario. Es werde dauern, das Vertrauen der Menschen nach den strengen Kontaktbeschränkungen zurückzugewinnen. Intensive Werbung werde viel kosten. Auch dafür braucht es Neoral zufolge Förderprogramme, die weiter denken als drei Monate. Gleichzeitig kritisiert sie, dass der Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen es für größere Häuser rentabler mache, Events zu verschieben und das Personal in Kurzarbeit zu schicken. "Das irritiert auch das Publikum." Zum jetzigen Zeitpunkt werde außerdem aus Sicht der Veranstalter noch zu wenig beachtet, dass die Kundinnen und Kunden drei Jahre lang das Recht haben, ihre Karten zurückzugeben. Dadurch seien weitere Verluste zu erwarten.

Dass jetzt mehr Menschen kommen dürfen, sei ein gutes Zeichen, die FFP2-Maske bleibt aber Pflicht. Hier wünschen Neoral und Kupfer sich einheitlichere Regelungen. Kupfer zieht erneut einen Vergleich, diesmal zur Gastronomie: "Erst sitze ich im Theater mit FFP2-Maske, nur um dann durch die Halle in die Theatergastronomie zu gehen, die Maske abzunehmen und mich an engsten Bistrotischen mit Verwandten oder Freunden zu unterhalten."

Sarah El Sheimy