Digitale Medien
Umfrage unter Lehrkräften: Cybermobber lauern schon in Grundschulen

16.01.2024 | Stand 16.01.2024, 10:43 Uhr |

- Foto: Thomas Trutschel/ images/photothek

Seit zwei bis drei Jahren beobachten Lehrende einen steigenden Trend an Psychoterror und Schikane über Internet und digitale Medien - in jeder zweiten Schule, selbst schon bei den Jüngsten. Dabei fällt auf, dass jedes Kind nicht nur Opfer, sondern auch Täter sein kann.

Das sind unter anderem die Ergebnisse einer von YouGov im Auftrag vom IT-Sicherheitshersteller ESET durchgeführten repräsentativen Umfrage. Befragt wurden 350 Lehrkräfte an Grund-, Förder-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasium, Regel- und Berufsschulen.
„Mobbing an Schulen geschieht nicht nur auf dem Pausenhof, sondern wird über Soziale Medien oder in Klassenchats weitergeführt“, erklärt Ildikó Bruhns, Projektleiterin der ESET Initiative Safer Kids Online. „An mehr als jeder zweiten Grundschule kam es zu ein bis zwei Vorfällen in den letzten zwölf Monaten, an jeder dritten Grundschule sogar zu drei bis fünf Cybermobbing-Fällen. Die Dunkelziffer wird deutlich höher liegen. Und die Tendenz zeigt leider seit Jahren nach oben“.

Cybermobbing: Jedes Alter und alle Schulformen betroffen


Denken Eltern an Cybermobbing, verbinden sie das Thema in erster Linie mit Jugendlichen. Und das zu Recht: Laut der aktuellen Umfrage von ESET gibt es an mehr als jeder zweiten Schule digitale Schikane, am meisten bei 12- bis 15-Jährigen (69%) und 16- bis 18-Jährigen (42%). An jeder zwölften Schule tritt Cybermobbing sogar häufig auf. Besonders hoch ist der Wert an Regelschulen: Hier ist jede fünfte Einrichtung betroffen.
Vereinzelte Fälle von Cybermobbing gibt es am meisten an Realschulen (75%), gefolgt von Förderschulen (73%). „Auch wenn die Grundschulen den niedrigsten Wert von 51 Prozent aufweisen, ist das Ergebnis trotzdem alarmierend, dass die Jüngsten schon digitalen Angriffen ausgesetzt sind“, warnt Ildikó Bruhns. „Trotz einiger Bemühungen bleibt Cybermobbing ein unterschätztes Thema in Deutschland. Strafrechtlich existiert es nicht einmal als Tatbestand. Ein Gesetz gegen Cybermobbing, mehr Aufklärung und Offensiven an Schulen - Staat und Politik sind hier in der Pflicht, das umzusetzen.“
Fast die Hälfte aller Schulen beobachtet, dass Cybermobbing in den vergangenen Jahren etwas angestiegen ist, vor allem Realschulen sind betroffen (58%). Beunruhigend ist, dass die Grundschulen den zweithöchsten Wert (51%) verbuchen und Cybermobbing - wenn auch nur knapp - hier stärker wächst als bei den „Großen“ in Gymnasien und Realschulen (50%). Die Zunahme an Cybermobbing ist vielen Lehrenden nicht neu: Seit zwei bis drei Jahren beobachten sie den Negativtrend an jeder zweiten Schule. Doch auch an jeder zweiten Grundschule ist er deutlich wahrnehmbar.

Schülerinnen werden am häufigsten zum Ziel von Cybermobbing


Betroffen sind in Lehranstalten fast alle Schülerinnen (89%), in Regel- und Berufsschulen sogar jede. In Grundschulen gerät mehr als jede zweite Lernende ins Visier von Cybermobbern, bei Schülern sind es sogar 80 Prozent. Jede vierte Lehrerin und jeder fünfte Lehrer ist im Allgemeinen digitaler Schikane ausgesetzt, selbst in Grundschulen bereits jeder zehnte Lehrende.
Bei den Ergebnissen fällt auf, dass jedes Kind nicht nur Opfer, sondern auch Täter sein kann. In der Hälfte der Fälle lassen sich die Mobber nicht nur einem Geschlecht zuordnen. Das zieht sich mehr oder weniger quer durch alle Schulformen mit Ausnahme der Hauptschule: In nur mehr als jedem achten Fall sind die Täter sowohl männlich als auch weiblich. Darüber hinaus sticht hier heraus, dass der Anteil an Täterinnen weit über Durchschnitt (13%) liegt: Jede Zweite macht ihren Mitmenschen dort das Leben schwer. Über alle Schulformen hinweg kommen die Mobber am häufigsten aus dem direkten Klassenumfeld (71%), mehr als jeder Zweite (58%) aus dem mittelbaren Umfeld, wie der Nachbarklasse oder einem höheren Jahrgang.

Prävention in Grundschulen hat Luft nach oben


Pöbeln auf dem Schulhof oder Mobbing mit technischen Hilfsmitteln - beide Formen treten laut Umfrageergebnissen fast gleich oft auf. Ein Viertel der Befragten beobachtet, dass Cybermobbing etwas häufiger vorkommt, vor allem an Berufsschulen (41%) und Gymnasien (32%). Über die Hälfte aller Cybermobbing-Vorfälle und damit die meisten entwickeln sich durch direkte, persönliche Beleidigung. Mit Abstand belegen hier Realschulen (88%) einen zweifelhaften Spitzenplatz. Doch auch Grundschulen liegen mit 54 Prozent noch vor Gymnasien und Berufsschulen.
Wird ein konkreter Cybermobbing-Vorfall beobachtet, gibt es fast immer Gespräche mit den Betroffenen (88%) und in mehr als jedem zweiten Fall eine Meldung bei der Leitung (64%). Mit Anzeigen wird lediglich in etwas mehr als jedem vierten Fall reagiert und ein Rechtsanwalt so gut wie nie eingeschaltet (5%). Damit es gar nicht erst zu digitalen Beleidigungen & Co. kommt, ergreifen alle Bildungseinrichtungen vorbeugende Maßnahmen, am meisten Aufklärungs- und Präventionsarbeit im Unterricht (78%), gefolgt von Kursen, Schulungen und Projekten gegen Cybermobbing (55%). Doch von wegen „Früh übt sich“: Grundschulen verbuchen hier jeweils den vorletzten Platz unter den Bildungseinrichtungen.

Tipps für Kinder und Jugendliche


- Kinder sollten nicht zu viel von sich preisgeben. Adresse, Telefonnummer und freizügige Bilder haben nichts auf Sozialen Medien und generell im Internet zu suchen. Was einmal dort veröffentlicht wurde, lässt sich kaum mehr löschen. - Der Nachwuchs sollte Bilder wählen, auf dem er nicht eindeutig erkennbar ist. Bilder von anderen zu veröffentlichen, geht nur mit deren Einverständnis. - Kinder müssen verstehen, dass man selbst schnell zum Opfer oder Täter werden kann. Eltern sollten ihnen ein Problembewusstsein schaffen und über Cybermobbing reden. - Immer misstrauisch bleiben. Nicht jeder hat Gutes im Internet im Sinn oder erzählt die Wahrheit über sich. Also Augen auf bei der Freundeswahl. - Nicht mitmachen! Kinder sollten sich nicht bei Streitereien einspannen lassen, schon gar nicht, wenn man andere fertig machen will. Mobbing-Attacken sollten sofort gemeldet werden, erst recht, wenn man selbst betroffen ist.

Über die Umfrage


Die Online-Umfrage wurde im Auftrag von ESET von der YouGov Deutschland GmbH durchgeführt. Befragt wurden 350 Lehrkräfte von Grund-, Förder-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasium, Regel- und Berufsschulen im Zeitraum vom 10. Bis zum 16. November 2023.