Buch erschienen

Geschichte zum Anfassen: Das Archiv des Deutschen Museums

22.01.2023 | Stand 24.01.2023, 15:30 Uhr
Joachim Goetz

Wilhelm Füßl zeigt einen der Schätze, die im Archiv des Deutschen Museums verborgen sind – das Spionagetagebuch von Georg von Reichenbach. Der stahl sich 1791 des Nachts im Auftrag der bayerischen Regierung heimlich in englische Fabriken hinein – und zeichnete James Watts Dampfmaschine ab. −Foto: Goetz

Schon die nüchternen Zahlen erregen Bewunderung: Eine Milliarde Euro sind die Millionen von Originaldokumenten wert. Die ältesten sind knapp 1000 Jahre alt, sie füllen im Deutschen Museum in München 4,7 Regalkilometer in einem der weltweit bedeutendsten Spezialarchive zur Geschichte von Naturwissenschaft und Technik. Ausgerechnet hat das der ehemalige Leiter des Archivs, Wilhelm Füßl, der seit einem guten Jahr im (Un-)Ruhestand ist und nun eine kurzweilige mit unerwarteten Detailbeschreibungen bestechende Publikation über sein einstiges Reich geschrieben und dieses in einer Führung der staunenden Presse gezeigt hat. 

Der eloquente Füßl fasst nach der Präsentation seines Buches die teils uralten Originale – Bücher, Fotos, Zeichnungen, Tonbänder, Schallplatten – mit Samthandschuhen an. Oder zumindest mit weißer Baumwolle. Er schält seine besonderen, mehrfach umwickelten Lieblinge aus ihrer säurefreien Verpackung heraus. Anfassen und zu lange beobachten darf man sie nicht. Schäden drohen, durch (Blitz-)Licht und Konsorten. 

Schützenswerte Dokumente sind etwa eine Pergamenthandschrift des mittelalterlichen Universalgelehrten Albertus Magnus (1193-1280) oder das unscheinbare Laborbuch des Chemikers Otto Hahn von 1938. Darin hatte er die gemeinsam mit der Physikerin Lise Meitner und dem Chemiker-Kollegen Fritz Straßmann entwickelten Erkenntnisse zur Kernspaltung festgehalten. Der Rest ist Historie: Sie hatten Uran bestrahlt, was zu neuen radioaktiven Isotopen – und wenig später zum Tod, Elend und Verseuchung bringenden Großversuch in Hiroshima führte. Einschlägige Wissenschaftler aus aller Welt haben alsbald den sogenannten Indikatorversuch wiederholt und seine militärische Bedeutung erkannt. Hahn, der kurz nach Kriegsende für seine Entdeckung den Nobelpreis erhielt, schenkte sein Büchlein 1960 dem Deutschen Museum mit der handschriftlichen Bemerkung auf der Verpackung: „sehr wichtig“.

Auch finden sich 380 Nachlässe bedeutender Wissenschaftler im Archiv, darunter von weiteren sieben Nobelpreisträgern. Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm aus der Nazizeit sind dabei, eine Postkarte von Albert Einstein oder die erste Fotografie von München aus dem Jahr 1839. Eine kratzige Schellackplatte mit einer emphatischen Rede des Grafen Zeppelin von 1908 verspricht, dass dessen legendäre Luftschiffe „bald zu den betriebssichersten Fahrzeugen zählen werden“. Er bedankte sich damit beim deutschen Volk für die Zeppelinspende, einer Art Crowdfunding, das nach dem Absturz des „LZ 4“ in Echterdingen die Weiterentwicklung der Luftschiffe ermöglichte. Füßl sagt: „Diese Zeitdokumente gehören in die Öffentlichkeit und haben eine große Bedeutung für die Gesellschaft.“ Dafür gibt es jetzt das Buch.

Joachim Goetz


Wilhelm Fußl: Schatzkammer für Technik und Wissenschaft: Das Archiv des Deutschen Museums, 228 Seiten, 29,90 Euro