Haftbefehl wegen Mordes

Motiv nach Attacke in Illerkirchberg unklar: Warum musste das Mädchen sterben?

06.12.2022 | Stand 06.12.2022, 21:48 Uhr

In Illerkirchberg griff ein Mann am Montag zwei Mädchen an. Eine 14-Jährige erlag ihren schweren Verletzungen. −Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Nach dem tödlichen Angriff auf zwei Mädchen in Illerkirchberg bei Ulm schweigt der mutmaßliche Angreifer zu den Vorwürfen. Er berufe sich auf sein Aussageverweigerungsrecht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Dienstag. Inzwischen ist ein Haftbefehl gegen den Verdächtigen erlassen worden.



Dem 27-Jährigen wird nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft Mord sowie versuchter Mord vorgeworfen. Wie die Ermittler am Dienstag mitteilten, äußerte sich der Mann bei der Vorführung in der Klinik, in der er sich wegen eigener Verletzungen befindet, nicht zu den Vorwürfen. Der 27-Jährige aus Eritrea sei nun in einem Justizvollzugskrankenhaus.

Der Tatverdächtige sei den Behörden bislang nie durch Gewaltdelikte aufgefallen. Der Mann sei lediglich einmal als Schwarzfahrer erwischt worden und sonst nicht polizeibekannt. Hinweise auf eine politische oder religiöse Motivation gebe es nicht, sagte der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) bei einem Besuch am Tatort.

Obduktionsergebnis: Nach Stichverletzungen verblutet



Der Mann soll am Montag zwei Mädchen auf dem Schulweg angegriffen und schwer verletzt haben - vermutlich mit einem Messer, das bei ihm gefunden wurde. Eines der Opfer, ein 14-jähriges Mädchen, starb später in der Klinik. Die Obduktion ergab, dass sie nach Stichverletzungen verblutete. Das andere Opfer, eine 13-Jährige, sei medizinisch versorgt worden. Das Mädchen sei so schwer verletzt worden, dass in seinem Fall der Verdacht des versuchten Mordes im Raum stehe. Auch die psychische Verfassung des Mädchens sei schwierig, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Es habe zwischenzeitlich erfahren, dass seine Freundin getötet wurde. Auch für dieses Mädchen werde die Tat Folgen haben, betonte Strobl. Das grün-schwarze Kabinett im Südwesten widmete den Opfern der Gewalttat eine Gedenkminute.

Der Verdächtige sei mit erheblichen Verletzungen ins Krankenhaus gekommen und stundenlang operiert worden. Er werde nun von der Polizei bewacht. Es gebe bisher keine Erkenntnisse zum Motiv. Ein Messer sei als mutmaßliches Tatmittel sichergestellt worden und werde nun untersucht.

Staatsanwaltschaft prüft Schuldfähigkeit



Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob sie Haftbefehl beantragt oder ob es Anhaltspunkte für verminderte oder ausgeschlossene Schuldfähigkeit gibt. Dann könnte der Mann in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Derzeit lägen ihm jedoch keine Erkenntnisse zu einer psychischen Beeinträchtigung vor, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft am Vormittag.

Nach der Tat sei der Mann in eine Flüchtlingsunterkunft geflüchtet, aus der er vor dem Angriff auch gekommen sein soll. Dort waren noch zwei weitere Männer aus Eritrea, die die Beamten mit zur Dienststelle nahmen. Ob sie Auskunft zum Geschehen und den möglichen Motiven des 27-Jährigen machen konnten, war zunächst unklar. Die zwei Männer wurden später wieder auf freien Fuß gesetzt. Der Verdacht gegen sie habe sich nicht erhärtet.

„Keine Rechtfertigung für Hass und Hetze“



„Jetzt ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei, weshalb es zum Angriff auf die beiden Mädchen kam und ob der Tatverdächtige und die beiden Mädchen sich vorher kannten“, teilten die Behörden mit. Die Tat könnte auch eine politische Dimension bekommen, weil ein Asylbewerber als tatverdächtig gilt. Mehrere AfD-Politiker gingen darauf schon am Montag ein.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) warnte vor voreiligen Schlüssen: „Ich kann nur warnen, irgendwelche Zusammenhänge aufzustellen, bevor überhaupt die Tat aufgeklärt ist.“ Auch Strobl rief zu Besonnenheit auf: „Dieses Ereignis darf kein Anlass und keine Rechtfertigung für Hass und Hetze sein“, sagte er. Diese Straftat müsse mit aller Konsequenz aufgeklärt und der Täter mit aller Konsequenz bestraft werden.

Die Polizei bat darum, „keinen Generalverdacht gegen Fremde, Schutzsuchende oder Asylbewerber allgemein zu hegen oder solchem Verdacht Vorschub oder Unterstützung zu leisten“. AfD-Politiker wie die Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel wiederum thematisierten in Stellungnahmen genau diesen Aspekt.

„Ein Schock für alle



Das getötete Mädchen habe die deutsche Staatsbürgerschaft besessen und einen türkischen Migrationshintergrund, hieß es aus dem Innenministerium. Der türkische Botschafter Ahmet Basar Sen forderte eine lückenlose Aufklärung der Tat, welche die türkische Gemeinschaft stark verunsichert habe. Der Botschafter hatte am Morgen nach eigenen Angaben die Familie des gestorbenen Mädchens besucht. Er habe den Eltern die Anteilnahme der türkischen Gemeinschaft ausgesprochen, sagte Sen. Der Angriff sei ein Schock für alle.

− dpa/ade