Premiere am Landestheater Linz

Eine Theater-Sternstunde: Korngolds "Tote Stadt" in Linz

26.09.2022 | Stand 26.09.2022, 5:00 Uhr
Carola Baumann-Moritz

In der Tänzerin Marietta glaubt Paul, seine geliebte gestorbene Ehefrau Marie wiederzufinden: Andreas Hermann und Erica Eloff in der Inszenierung am Landestheater Linz. −Foto: Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Das Wunderkind Erich Wolfgang Korngold schreibt mit 23 Jahren seine bedeutendste Oper "Die tote Stadt". Wer ist dieser Korngold? Fragten sich nach der sensationellen Premiere am Samstagabend manche Premierenbesucher am Landestheater Linz. In den 1920er Jahren ist der in Brünn geborene und in Wien lebende Komponist mit Franz Schreker und Richard Strauss der meistgespielte Opernkomponist in Österreich und Deutschland. In den 70er Jahren wird er wieder entdeckt und aufgeführt.

Dem Theater gelingt ein Gesamtkunstwerk

Als Jude muss er 1938 Wien verlassen und ist in den USA als "Gebrauchsmusiker" mit der Bearbeitung von Operetten erfolgreich. Für seine grandiose Filmmusik, Vorläufer des Hollywood-Sounds, wird er mit zwei Oscars für "Anthony Adverse – Ein rastloses Leben" (1937) und "Robin Hood – König der Vagabunden" (1939) ausgezeichnet. Die "tote Stadt" meint Brügge, spiegelt aber das dekadente Wien der 20er wider mit der Unzertrennbarkeit von Sein und Tod bzw. der Doppeldeutigkeit von Tod und Identität, Realität und Illusion. Korngolds Oper ist ein Gesamtkunstwerk.

Die Handlung berichtet vom Witwer Paul, der sich nach dem Tod der geliebten Frau Marie mit Hilfe von Erinnerungsstücken in die Vergangenheit verkriecht. Als ihm eine Doppelgängerin begegnet, die Tänzerin Marietta, überwältigt ihn die Leidenschaft, was für ihn im Wahn endet. Korngolds Musik weist größte Instrumentationskunst auf, die höchste Virtuosität vom Orchester fordert und die Musiker an die "absolute Grenze des Machbaren heranführt" (Markus Poschner).

Das Libretto (nach Georges Rodenbachs Roman "Das tote Brügge") will die Regie als psychologischen Alptraum verstanden wissen, der in den 20er Jahren spielt. Die Einflüsse des jungen Schwarz-Weiß-Films erhöhen die rauschhafte Wirkung. Besonders beeindruckend im dritten Bild, wo Marietta zum skurrilen Video und zur fantastischen Tanzmusik agiert.

Für die gelungene Inszenierung und das wirksame Bühnenbild zeichnen Andreas Baesler und Harald B. Thor verantwortlich. Das Gesamtkunstwerk ist in Linz gelungen. Der Chefdirigent des Bruckner Orchesters, Markus Poschner, manövriert die Musikerinnen und Musiker atemberaubend durch die extreme Partitur mit fast unmöglichen Spielarten.

Die Musik ist spätromantisch, erzeugt aber mit neuen Klangschichten und harmonischen Brechungen einen besonderen Schwebezustand. Andreas Herrmann hat die schwere und vielschichtige Rolle des Paul übernommen. Vor allem in den innigen ruhigen Szenen kommt seine lyrische Stimme voll zur Geltung. Er übersteht drei Stunden fast durchgängiger Bühnenpräsenz und stimmlichen Einsatz mit Bravour, manchmal an die Grenze gehend.

Weibliche Doppelrolle ist ideal besetzt

Erica Eloff ist die Idealbesetzung für die Doppelrolle Marie/ Marietta. Differenziert überzeugt sie als Marie mit innigem Piano und Legato sowie als Marietta temperamentvoll mit markanter Höhe. Berührend besingt sie den schmerzlichen Zwiespalt des Gefühls. Pauls Haushälterin Brigitta singt Manuela Leonhartsberger mit warmer und klarer Stimme. Martin Achrainer hat die undankbare Rolle des Freundes Frank, die ihm nicht besonders liegt.

Korngolds Vorstellung von Ekstase und Wahnsinn spiegelt sich fantastisch in einer immer wilder werdenen Partitur wider. In der Doppeldeutigkeit der Handlung setzt sich das Leben und das Jetzt (durch die Figur Marietta) gegen den Tod und die Vergangenheit (Marie/Paul) durch. Dem Linzer Landestheater ist eine Sternstunde gelungen, die mit Standing Ovations und Bravi belohnt wird.

Carola Baumann-Moritz

Demnächst wieder zu sehen am 29.9., 12./15./20.10, Info und Karten auf landestheater-linz.at