Reise & Urlaub

Tennessee - Ein Roadtrip voller Musik und Mondschein-Schnaps

21.01.2023 | Stand 25.01.2023, 9:55 Uhr

Von Johnny Cash und Dolly Parton über Willie Nelson und Loretta Lynn bis hin zu Keith Urban: Nashvilles Country-Legenden sind überlebensgroß auf einem Mural am Broadway verewigt. Sie alle machten die Stadt zu dem, was sie bis heute ist. −Foto: Kugler

Von Memphis über Nashville geht es mit dem Auto quer durch den US-Bundesstaat bis in die Smoky Mountains. Tennessee - ein Südstaatenidyll, geprägt von Musik, Schwarzbrennerei und „Magnolien aus Stahl“.



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Die Luft schmeckt nach rauchigem Whiskey und Gumbo-Eintopf. Ein Deckenventilator weht die Klänge eines Saxophons durch die Bar. Auf der Tanzfläche im B.B. King’s Blues Club in Memphis liegen sich zwei Frauen in den Armen. Sie wirken betrunken, wie sie mit ihren schlaksigen Beinen und zusammengewürfelten Klamotten mitschwingen. Bis die Größere zur Band auf die Bühne klettert und das Mikrofon an sich reißt. Ihre Stimme geht sofort unter die Haut, berührt mit ungeschminkter Ehrlichkeit und professioneller Varianz. Reisende lässt diese Szene sprachlos zurück. Unglaublich, welches Talent hier auf der „Beale Street“ schlummert.

Memphis - “Home of Blues, Soul & Rock ‘n’ Roll”

Kein US-Staat ist mehr mit Musik verwoben als Tennessee, dem Zuhause des Blues, Soul, Rock ‘n’ Roll und Country. Ein Tourist bemerkt das schnell. In Nashville sind es die Singer-Songwriter, die schon in den Restaurants am Nashville International Airport spielen, in Memphis dröhnt bereits im Flughafen Blues aus den Lautsprechern und die Wände sind mit bunten Kunstwerken geschmückt. “Memphis sprüht vor Kreativität”, bemerkt Kirby Boyd. Die 34-Jährige stammt selbst aus Memphis, der Stadt am südwestlichsten Zipfel von Tennessee, die auch als “Home of Blues, Soul & Rock ‘n’ Roll” bezeichnet wird.

Elvis Presley lebte in der Metropole am Mississippi River und nahm hier im Sun Studio seine ersten Songs auf. “Graceland” - das ehemalige Anwesen des King of Rock ‘n’ Roll ist heute ein gigantischer Park, wohin jährlich über eine halbe Million Besucher strömen. Dort sind nicht nur Elvis imposante Bühnen-Overalls, Autos, Gitarren und Platten ausgestellt, Fans können auch seine private Villa betreten.

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„Wir achten und pflegen unsere Wurzeln“

Memphis ist aber nicht nur Elvis. Das möchte Kirby klarstellen. Sie ist selbst Sängerin seit ihrem sechsten Lebensjahr, ging dafür sogar nach Los Angeles, vor ein paar Jahren kam sie zurück. Gerade die Schwarze Community habe Memphis geprägt: Damals Blues Legenden wie B.B. King, heute Rapper wie Moneybagg Yo. In Memphis, die Stadt in der Martin Luther King vor mehr als 50 Jahren auf einem Balkon im Lorraine Motel erschossen wurde, spielt Geschichte eine wichtige Rolle. “Wir achten und pflegen unsere Wurzeln. Niemals würden wir sie abschneiden. Stattdessen schaffen wir drumherum etwas Neues”, beschreibt Kirby das Lebensgefühl in Memphis - sichtbar in den Gebäuden der Stadt, der aktuellen Musik, der Gemeinschaft.

Nashville - “Music City”

Dennoch, viele Singer-Songwriter aus ganz Amerika zieht es rund 350 Kilometer weiter Richtung Nordosten, nach Nashville, der “Music City” und Heimatstadt des Country. Dort versuchen sie ihr Glück in der “Music Row”, einem historischen Stadtteil im Südwesten, wo Plattenfirmen, Radiosender und Aufnahmestudios angesiedelt sind. Sie singen ein paar Kilometer weiter von Herzschmerz, Gott und Whisky auf der kleinen Bühne im Bluebird Café - wo einst auch die Karriere von Taylor Swift begann.

In der Hoffnung auf Anerkennung und Erfolg versuchen sie sich mit - oft mehreren - Nebenjobs über Wasser zu halten. Wie Charlie, ein rothaariger Lockenkopf und Bluegrass-Gitarrist aus Utah. Er führt die Besucher durch das Historic RCA Studio B, in dem Legenden wie Elvis Presley und Dolly Parton ihre Hits produzierten. “Nashville ist sehr dynamisch”, beschreibt Charlie seine Wahlheimat, “vibrant” ist das Wort, das die Stadt am besten beschreibe - aber auch die aktuelle Musikszene hier, besonders den Country. Mittlerweile sei er nicht mehr so poliert und weiß.

Die Besucher der Tour dagegen schon. Sie ist Teil des Tickets zum Country Music Hall of Fame and Museum - einem gigantischen Museum, in dem die Geschichte und Entwicklung des Country erzählt wird. Die großen Stars der “Grand Ole Opry”, eine Radioshow die seit fast 100 Jahren wöchentlich Country-Konzerte überträgt, wurden hier verewigt. Eine davon ist Dolly Parton, eine schillernde Ikone des Country. Die vollbusige 77-Jährige mit wasserstoffblonder Mähne wird in Tennessee verehrt wie wohl kaum eine andere Südstaatenfrau - stammt sie doch selbst von einer Hütte in den Smoky Mountains, nur dreieinhalb Stunden weiter Richtung Osten.

Dolly Parton - Country-Legende und “Magnolie aus Stahl”



In der Kleinstadt Servierville begann ihre Karriere, als sie schon mit 10 Jahren ihren ersten Auftritt im The Pines Theater hatte. Ihre Erfolgsgeschichte vom “hillbilly girl” (Landei) zur charismatischen “steel magnolia” (Magnolie aus Stahl) kennt hier jedes Kind. Dafür sorgt nicht zuletzt “Dollywood”: ein gigantischer Freizeitpark, der jährlich rund drei Millionen Besucher in den “Bergort” Pigeon Forge zieht.

Silbern glitzernde, überdimensionale Schmetterlinge schmücken die Straßenlaternen einer Brücke, die über einen kleinen Bach fließt. An der Ecke steht eine gelbe Hütte, die “fresh frozen lemonade” anbietet, daneben ein himmelblauer Oldtimer. Während sich die Stadt Pigeon Forge mit ihren überzogen inszenierten Gebäuden (Titanic, King Kong, eine auf dem Kopf stehende Villa) selbst wie ein Freizeitpark präsentiert, wirkt Dollywood fast niedlich, rustikal, sauber. Zwar ähnlich kitschig wie Disneyland, aber mit dem Südstaaten-Charme der 50er Jahre - Teile des Parks wurden dem Servierville in Dollys Jugendjahren nachgebaut.

Weiter hinten im Park, vor einem Restaurant mit einer kleinen Mühle und einem Brunnen, steht eine Traube von Kindern um eine kleine Frau in einem roten Mantel. Sie spielt auf ihrer pinken Ukulele und bewegt sich im Kreis. Miss Lillian - die “Chicken Lady”, ein verrücktes Huhn und in ihrem schrillen Kostüm ein echter Hingucker. “Ich denke mir kleine Songs für die Besucher aus - und dann dürfen sie sich an meinem Brunnen etwas wünschen”, sagt sie in breitem Südstaatenakzent.

„Miss Lillian“ singt im O-Ton ein Lied für einen Gast:



Eigentlich heißt sie Connie Freeman Prince, stammt aus Jackson, studierte in den 70ern an der Universität von Memphis Theater. Seit fast 20 Jahren arbeitet sie in Dollywood. Vorher lebte sie in Nashville, wo sie als Dolly-Doppelgängerin unterwegs war und dabei auch ihr Vorbild kennenlernte. “Sie ist einfach so authentisch. Deshalb kann ich mich mit ihr identifizieren.” Die Kleinen lieben Connie. “Wenn ich Miss Lillian spiele, werde ich selbst wieder zum Kind”, gibt sie zu und zwinkert über ihre pink glitzernde Hornbrille hinweg. “Es gibt gerade so viel Regen in der Welt, wir wollen für unsere Besucher der Regenbogen sein.”

“Moonshine” - Rebellion aus den Smoky Mountains

Aussagen wie diese zeigen, dass Dollys Lebensgeschichte die Bewohner des Südens beeindruckt und inspiriert. Sie lebt immerhin den “American Dream” und setzte sich als Frau in der männerdominierten Musikwelt durch. Mit dieser Standhaftigkeit und ihrem betont weiblichen Auftreten ist sie eine echte “Magnolie aus Stahl” - ein Ausdruck mit dem gerne starke Südstaatenfrauen beschrieben werden. Immerhin spielte sie auch eine Rolle in dem gleichnamigen Film (“Steel magnolias”) aus dem Jahr 1989. Ein Klassiker. “Jedes Mädchen hier kann daraus zitieren!”, ist sich Leeann sicher. Sie ist Barkeeperin in der Shine Girl Distillery - eine Schnapsbrennerei an der U.S. Route 441 kurz vor Servierville. Hier wird der für den Süden berüchtigte “Moonshine” („Mondschein“) gebraut - ein klarer Schnaps aus Getreide, klassisch im Einmachglas.

Moonshine ist aber mehr als nur Schnaps: Hier im Süden repräsentiert er ein Lebensgefühl, eine Rebellion gegenüber der Obrigkeit. Farmer brannten ihn zu Zeiten der Prohibition nachts irgendwo im Wald und verkauften ihn günstig. Illegal, ohne Alkoholsteuer. „Fast jede Familie brannte damals. Auch meine Großmutter“, verrät Leeann.

Leeann im O-Ton über Schwarzbrennerei in ihrer Familie:



Ihre Chefin Danielle Parton, die Besitzerin von Shine Girl, brennt ihren Moonshine heute natürlich legal. Ihr Nachname ist kein Zufall, sie ist die Nichte von Dolly Parton. Die Ähnlichkeit ist schwer zu übersehen. Danielle trägt auftoupierte, blonde Haare, große Kreolen, ein rosa Shirt und Gelnägel. Alles glitzert. “Gerade in unseren 20ern sahen wir uns sehr ähnlich. Abgesehen davon arbeiten wir beide sehr hart und schlafen wenig”, sagt die 47-Jährige.

Auch in der Familie Parton hat Moonshine Tradition. “Ich benutze das Rezept meines Großvaters Lee Parton, mit einem femininen Twist.” Mit einer Flasche “Moonshine” im Gepäck und Dollys Song “Jolene” geht es wieder zurück nach Hause. Immerhin darf nur ein Liter Hochprozentiger frei durch den Deutschen Zoll.


INFORMATIONEN

Im US-Bundesstaat Tennessee dreht sich alles um Musik. In dem konservativ geprägten Südstaat leben knapp sieben Millionen Einwohner.

ANREISEN

Flughäfen gibt es zum Beispiel in Memphis (Westen), Nashville (zentral) oder Knoxville (Osten). Tendenziell sind Flüge im Frühjahr etwas günstiger als im Sommer/Herbst.

ÜBERNACHTEN

- Caption by Hyatt Beale Street in Memphis.
- Margaritaville Hotel in Nashville.

ESSEN & TRINKEN
- Authentischer Mix aus italienischer und Südstaaten-Küche im Catherine and Mary’s in Memphis.
- “Pulled Pork” im “West Tennessee-style" im Martin’s Bar-B-Que Joint inNashville.
- Axtwerfen und Pizza im Country Roads Axe Co. featuring West By God CoalFired Pizza; 137 E Wears Valley Rd Suites 2 & 3, Pigeon Forge.
- Farm-to-table Restaurant mit typischer “Appalachian cuisine” im The Appalachian in Sevierville.

TICKETS

- Graceland z. B. “Elvis Experience Tour”: Erwachsene zahlen 77 Dollar (plus Steuer).; Kinder (5-10 Jahre) 44 Dollar.
- Country Music Hall of Fame and Museum: Erwachsene zahlen 28 Dollar (plus Steuer), Kinder (6-12 Jahre) 18 Dollar; donnerstags geschlossen.
- Dollywood: 2-Tages-Ticket für Erwachsene 109 Dollar (plus Steuer), Kinder (4-9 Jahre) 99 Dollar; Januar/Februar geschlossen.
- Anakeesta (Freizeitpark in Gatlinburg): Erwachsene zahlen 35 Dollar (plus Steuer); Kinder (4-11 Jahre) 23 Dollar (plus Steuer).
Der Wechselkurs liegt etwa bei 1:1.

Mehr Infos: www.tnvacation.com


Redakteurin Anja Kurz begab sich auf Einladung des Tennessee Department of Tourist Development auf einen Roadtrip durch den US-Bundesstaat.