Satellitendasein im Job
Allein auf weiter Flur: Die Einzelkämpfer im Job

03.06.2024 | Stand 28.06.2024, 21:51 Uhr |

Spiegelung eines Büroangestellten - Arbeiten im Satellitenmodus: Auch wer kein tägliches Teamumfeld hat, sollte regelmäßigen Kontakt zu Kollegen pflegen, um Isolation zu vermeiden und die Verbindung zum Unternehmen zu stärken. - Foto: Oliver Berg/dpa

Ohne Flurfunk und Fachgespräche: In manchen Unternehmen bilden Beschäftigte nur mit sich selbst ein Team. Das bringt Herausforderungen - gerade in Zeiten hybrider Arbeit. Wie man ihnen begegnet.

Sie arbeiten als Servicetechniker, im Vertrieb oder im Aufbau einer ganz neuen Abteilung. In manchen Unternehmen sind Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter auf sich allein gestellt. Doch was macht das Satellitendasein mit einem? Und wie sorgt man dafür, sich nicht abgekapselt zu fühlen?

„Es ist eines der drei Grundbedürfnisse der Menschen, sich verbunden zu fühlen. Das kann unter Umständen im Beruf weniger erfüllt werden“, sagt Ludwig Andrione, Vorstandsvorsitzender der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Gerade wer ausschließlich hybrid von unterwegs arbeitet, laufe Gefahr, die Verbindung zu den Kollegen und den Werten des Unternehmens zu verlieren. Mögliche Folgen: Die Arbeitsleistung sinkt, die zwischenmenschlichen Beziehungen verschlechtern sich.

Für Introvertierte: Satellitendasein kann das Richtige sein

Wie sich eine Tätigkeit, die größtenteils ohne Team auskommt, konkret auswirkt, hängt auch mit ihrer Persönlichkeit zusammen. „Es gibt Menschen, die sehr introvertiert sind und für die solch ein Satellitendasein genau das Richtige – oder zumindest im Rahmen des Berufs völlig in Ordnung – ist“, sagt Andrione. „Anderen geht es erst richtig gut, wenn sie sich viel mit Menschen umgeben. Für sie ist der Kontakt zu Mitmenschen eine echte Ressource.“

Doch egal, ob kontaktfreudig oder scheu, „sich komplett zu isolieren würde ich niemandem empfehlen. Irgendeine Verbindung zu anderen brauchen wir in jedem Fall“, so der Psychologe. Und die sollte nicht nur aus E-Mails oder Videokonferenzen bestehen. Denn bei der schriftlichen Kommunikation gehen viele Informationen verloren.

„Wenn eine E-Mail sehr positiv geschrieben ist, interpretieren wir sie tendenziell eher neutral. Ist sie neutral geschrieben, interpretieren wir sie eher negativ. Ähnlich ist es in Videokonferenzen. Da fehlt einfach etwas“, sagt Andrione. Abhilfe schafft da nur der regelmäßige Austausch mit den Kollegen.

Gefühl der Anbindung stärken

Der Unternehmensberater Arne Adrian sieht dabei vor allem Führungskräfte in der Pflicht, gute Rahmenbedingungen für eine bewusste Kommunikation im Unternehmen zu schaffen. Wichtig sei, dass die Unternehmensführung oder Personalabteilung das Thema ausreichend würdige und sich Zeit dafür nehme. „Die Mitarbeiter sollten regelmäßig in die Kommunikation eingebunden werden, um nicht das Gefühl der Anbindung zu verlieren“, findet Adrian.

Ob Einzelgespräche, Team-Events oder After-Works – es gibt unzählige Möglichkeiten, auch fernab des beruflichen Fachaustauschs ins Gespräch zu kommen. Begünstigen lässt sich das auch mit einer entsprechenden Planung der Arbeitsplätze. „Man sollte Begegnungsräume schaffen, statt nur Schreibtische hinzustellen, an denen die Mitarbeiter das Gleiche machen, was sie auch zu Hause tun könnten“, so Berater Adrian. 

Grundsätzlich gilt: Sollen Beschäftigte, die hauptsächlich allein arbeiten, den Anschluss wahren, sollten sie mindestens einmal pro Woche die Kollegen treffen. Gibt es ein Büro, sollte das bewusst zum Begegnungsraum werden.

Informationsaustausch: Flurfunk ist essenziell

Neben dem zwischenmenschlichen Kontakt brauchen Beschäftigte den regelmäßigen Zugang zu unternehmensrelevanten Informationen. Eine offene und klare Kommunikation zwischen Führung und Mitarbeitern hält Arne Adrian deshalb für essenziell. „Man darf nicht vergessen, wie viel der Flurfunk an Unternehmenskommunikation ausmacht. Findet der nicht mehr statt, weil die Mitarbeiter sich nicht mehr begegnen, fehlen auch Informationen.“

Abhilfe schaffen beispielsweise unternehmensinterne Newsletter oder fest etablierte Informationsrunden mit der Geschäftsführung. Das Arbeiten auf Distanz funktioniere nur dann gut, wenn die Unternehmenskultur von gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung geprägt ist.

Klare Ziele stärken die Motivation

Wer allein sein eigenes Team im Unternehmen bildet und vielleicht dabei ist, einen neuen Standort aufzubauen, hat nicht nur den fehlenden sozialen Austausch und das Gefühl der Abkapselung auszugleichen. Womöglich verlieren Beschäftigte im Satellitendasein auch schneller ihre Motivation. „Ich würde Unternehmern deshalb raten, sehr klar zu kommunizieren, was die Ziele, was die Visionen sind“, sagt Adrian.

Je weiter die Mitarbeitenden physisch vom Unternehmen entfernt sind, desto mehr Ideen brauchen sie davon, wo die Reise hingehen soll und wofür sie jeden Morgen aufstehen. Es sei nicht zu unterschätzen, wie wichtig es für jeden Mitarbeitenden sei, Klarheit über die weiterführende Idee hinter der Arbeit zu haben.

Bei Unmut meckern und laut werden

Ludwig Andrione hält es für sinnvoll, eigene Ziele zu definieren und zu formulieren. Manchen Menschen helfe es, die eigene Motivation als Leitspruch in den Arbeitstag zu integrieren. Aber auch ein kollegialer Fachaustausch könne die Motivation erhalten sowie das Gespräch mit einem gut ausgebildeten Coach.

Ganz egal, ob Einzelkämpfer aus Überzeugung oder nicht. Passen die Rahmenbedingungen nicht zu den eigenen Vorstellungen, empfiehlt Arne Adrian Beschäftigen laut zu werden: „Beschwert euch, meckert, wenn es nicht so läuft, wie ihr es braucht. Artikuliert eure Wünsche und eure Vorstellungen. Mitarbeitende wissen sehr genau, was ihnen guttut und was ihnen in ihrem Job hilft.“

© dpa-infocom, dpa:240603-99-252072/2