Über Wien auf die Überholspur
Reifer, selbstbewusster, besser: Christian Früchtl hat eine Top-Saison gespielt − und ist bereit für den nächsten Schritt

13.06.2024 | Stand 13.06.2024, 6:00 Uhr |

Voll fokussiert: Christian Früchtl hat in seiner zweiten Saison in Österreich einen „deutlichen Schritt nach vorne gemacht“. − Foto: imago images

Christian Früchtl genießt die Ruhe. „Einfach mal ausspannen und nichts tun“, sagt der Torwart, der gerade in seiner Heimat Bischofsmais weilt. Nach einer langen Saison mit dem österreichischen Erstligisten Austria Wien tun ein paar freie Tage ganz gut – und wo bitte könnte man besser durchschnaufen als im schönen Bayerwald? Am 24. Juni geht es für Früchtl dann zurück in die österreichische Landeshauptstadt. Ob der 24-Jährige auch weiterhin im Tor des Austria steht, ist indes offen.

Mit Top-Leistungen hat sich der Schlussmann in dieser Saison in den Fokus anderer Vereine gespielt. In 31 Bundesligapartien blieb Früchtl beeindruckende 14 Mal ohne Gegentreffer. Sein Marktwert auf transfermarkt.de kletterte auf 1,5 Millionen Euro und liegt damit fast um eine Million Euro höher als vor seinem Wechsel vom FC Bayern nach Wien vor zwei Jahren. Kein Wunder, dass Früchtl sagt: „Die Entscheidung, nach Wien zu wechseln, war genau die richtige. Ich habe unbedingt Spiele auf gutem Niveau gebraucht, genau das hat mir in meiner Entwicklung weitergeholfen.“

„Als Torwart mit 24 Jahren fast noch ein Talent“



In der ersten Saison sei seine Leistung „in Ordnung“ gewesen, befindet Früchtl. „Nicht überragend, aber auch nicht schlecht.“ Im zweiten Jahr konnte der Niederbayer nochmals deutlich zulegen, hielt wesentlich konstanter, spielte nahezu fehlerfrei. „Ich habe einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht“, bestätigt Früchtl. Mit großem Selbstverständnis sei er die Spiele zuletzt angegangen, habe meist die richtigen Entscheidungen auf dem Platz getroffen und „die nötige Ruhe ausgestrahlt“, urteilt der 193 cm große Keeper, für den die Profireise jetzt erst richtig Fahrt aufnehmen könnte.

„Du lernst wirklich mit jeder Aktion dazu“



„Als Torwart bist du mit 24 Jahren ja fast noch ein Talent“, meint Früchtl lachend. Was er damit sagen will: Die beste Zeit für einen Keeper kommt erst noch. Anders als für Feldspieler ist die Erfahrung für einen Schlussmann noch viel wichtiger, schließlich kann jede Aktion des Torwarts spielentscheidend sein. „Der Druck ist sicher höher. Deshalb ist es ja so wichtig, dass du viele Spiele machst“, sagt Früchtl und führt aus. „Wie springt der Ball ab, wenn der Rasen nass ist, wenn er trocken ist. Wie schätze ich ein langes Zuspiel richtig ein, kommt der Ball mit Unterschnitt, mit Spin oder gerade? Wie verhält sich der Schütze in der jeweiligen Situation? Du musst so viele Dinge beachten und du lernst wirklich mit jeder Aktion dazu.“

Bei der Wiener Austria konnte Früchtl neben den Bundesliga-Einsätzen auch internationale Erfahrung sammeln. Auch in dieser Saison schaffte man durch einen Erfolg in den Playoff-Spielen gegen Hartberg (1:0, 2:1) auf den letzten Drücker den Sprung in die Qualirunde der Conference League. Die Leistung der Wiener schwankte in dieser Spielzeit gehörig, kurz vor Ablauf der Saison musste sogar Trainer Michael Wimmer (Dingolfing) seinen Hut nehmen. Hinzu kamen immer wieder Meldungen über die angespannte finanzielle Situation der Violetten. Früchtl ließ sich von all diesem Trubel nicht anstecken, blieb stets fokussiert und avancierte zu einem der stärksten Torhüter der ganzen Liga. Ob nun die Zeit gekommen ist für den nächsten Karriere-Schritt?

Ein Wechsel ist möglich



„Ich bin auf jeden Fall bereit dafür“, sagt Früchtl. Sowohl er als auch der Verein gehen ganz offen mit einem möglichen Wechsel um. Sollte ein Angebot kommen, das für beide Seiten passt, sprich sportlich für Früchtl, finanziell für Wien, werde man sich zusammen an den Tisch setzen, bestätigt Früchtl. „Wir sind da in einem offenen Austausch. Mal sehen, die Transferzeit geht ja jetzt gerade erst los.“ Der Vertrag des Bischofsmaiser läuft noch bis 2025. Will Wien also noch eine Ablösesumme kassieren, müsste man Früchtl im Sommer abgeben.

Über ein mögliches neues Ziel hat sich der Bischofsmaiser indes noch keine Gedanken gemacht. „Grundsätzlich bin ich für alles offen. Entscheidend ist aber freilich, dass die Perspektive für mich passt und ich weiter auf meine Einsätze komme.“ Eine Rückkehr zum FC Bayern, über die bereits im Sommer vor einem Jahr spekuliert wurde, kommt daher wohl auch zu früh, ein Platz auf der Bank ist in der aktuellen Karrierephase kaum denkbar.

Mit seinem Vorbild und früheren Trainingspartner Manuel Neuer steht Früchtl noch immer in Kontakt. Dass der Bayern-Keeper von Bundestrainer Julian Nagelsmann frühzeitig zur Nummer 1 bei der EM berufen wurde, „hat mich nicht verwundert“, sagt der Bayerwald-Keeper. Trotz der jüngsten Patzer und Diskussionen ist Neuer für ihn immer noch „der Beste“ und werde dies bei der EM auch allen zeigen.

Neuer wird allen zeigen, dass er „der Beste“ist



Er selbst wird die Partien vor dem Fernseher verfolgen. Erst in Bischofsmais, dann in Wien, wo eine riesige Fußball-Euphorie herrscht, wie Früchtl weiß. „Österreich hat eine super Mannschaft und wie man hört extrem guten Team-Spirit. Der österreichische Fußball ist stark auf dem Vormarsch. Und das merken auch die Menschen hier, die Begeisterung ist groß, es werden viele neue Stadien gebaut. Wintersport ist zwar weiter die Nummer 1, aber der Fußball nähert sich an“, sagt Früchtl, der in dieser Saison auch international für Schlagzeilen sorgte.

Im März hatte er zwischendurch mit drei gehaltenen Strafstößen bei vier Versuchen die beste Statistik in allen europäischen Ligen. Früchtl verriet daraufhin, dass er durchaus Elfmeter trainiere und damals bei Bayern auch oft nach dem Training im Tor stand, wenn Robert Lewandowski seine Technik vom Punkt aus perfektionierte. „Aber wie es immer ist: Nachdem darüber berichtet wurde, waren die folgenden drei Elfer alle drin“, sagt Früchtl lachend. Er kann es verkraften. Denn ansonsten hat der Torwart eine nahezu perfekte Saison gespielt.