Umfrage:
Jugendliche glauben noch an positive Zukunft

Sinus-Studie 2024: 14- bis 17-Jährige kehren zu traditionellen Werten und Bodenständigkeit zurück

13.06.2024 | Stand 13.06.2024, 5:00 Uhr |

Jugendliche auf der Suche nach ihrem Weg: Trotz vieler Krisen sind junge Menschen laut der Sinus-Studie 2024 optimistisch. − Foto: Carla Benkö, dpa

Von Friederike Klett

Berlin. Wer heute zwischen 14 und 17 Jahre alt ist, kann sich kaum noch an eine Zeit erinnern, die nicht durch Krisen bestimmt war. Sie wurden während der Pandemie zu Teenagern. Auch momentan häufen sich die Gründe für Sorgen: Der Krieg in der Ukraine, der Klimawandel und wachsender Rassismus sind nur einige. Trotzdem glauben junge Menschen laut der neuen Studie „Wie ticken Jugendliche“ des Sinus-Instituts an eine positive Zukunft.

Sorgen um Umwelt und Klima

Seit 2008 publiziert das Sinus-Institut alle vier Jahre eine qualitative Studie aus Erkenntnissen, die in 72 intensiven Interviews mit 14- bis 17-Jährigen aus ganz Deutschland geführt wurden. Im Mittelpunkt stehen die Werte, die für die Jugendlichen wichtig sind, ihre Meinungen zu gesellschaftlichen und politischen Themen und ihr Blick auf die Zukunft. „Mich hat überrascht, dass die Hoffnung noch so stark ausgeprägt ist“, sagte Marc Calmbach, Geschäftsführer des Sinus-Instituts bei der Pressekonferenz am Mittwoch in Berlin.

Aber auch die Sorgen, mit denen sich junge Menschen konfrontiert sehen, wachsen. „Die Sorge um Umwelt und Klima in der jungen Generation ist noch größer als 2020“, das ist ein Ergebnis der Gespräche. Und auch über die Zunahme von Rassismus und Diskriminierung und den Übergang ins Berufs- und Erwachsenenleben machen sich mehr junge Menschen Gedanken als noch vor vier Jahren.

Toleranz ist für Jugend eine Selbstverständlichkeit

„Die Jugendlichen sind mehr aware als woke“, sagte Tim Gensheimer, einer der Autoren der Studie. „Toleranz ist für die meisten eine Selbstverständlichkeit, die nicht ideologisch, sondern eher pragmatisch ausgeprägt ist. Die Jugendlichen begegnen Diskriminierung eher mit Unverständnis.“

Allgemein ist laut den Ergebnissen zu beobachten, dass der jugendliche Hedonismus, der Drang nach Vergnügen und Zerstreuung, immer weiter abnehme. „Die Weltsicht der jungen Generation entspricht keineswegs dem Klischee der verwöhnten Jugend“, sagte Calmbach. Vielmehr beobachte er, dass die Bodenständigkeit zunehme. „Viele wollen zwar hart feiern, aber dann auch hart arbeiten.“ Die Studienergebnisse zeigen eine Rückkehr zu traditionellen Werten und Bodenständigkeit, was als eine Reaktion auf die Krisen der Gegenwart gewertet werden könne. „Die bürgerliche Normalbiografie – also eine gute Partnerschaft, Familie, ein guter Job – ist das Leitmotiv“, so Gensheimer.

Sowohl Fragen des Lebensstils, als auch politische Meinungen bildeten sich viele über soziale Netzwerke. Das Wahlrecht ab 16 befürworteten die meisten der Jugendlichen, mit denen die Forscher gesprochen haben. „Aber sie fühlen sich nicht gut ausgestattet, um eine politische Entscheidung zu treffen“, sagte Calmbach. Die Interviews zeigten eine Tendenz zum Rückzug aus dem politischen Geschehen. „Besonders in bildungsfernen Lebenswelten fremdeln viele Jugendliche mit der Welt der Politik.“

− mgb



Skepsis gegenüber Regierungsparteien

So erklären sich die Forscher auch die Wahlergebnisse von vergangenem Sonntag. Bei der Europawahl durften erstmals auch 16- und 17-Jährige abstimmen. Überproportional viele in der Altersgruppe der 16 bis 24-Jährigen wählten Kleinstparteien. 17 Prozent machten ihr Kreuz bei der AfD. „Allgemein gibt es unter Jugendlichen eine Skepsis gegenüber den regierenden Parteien, es wird lieber Opposition gewählt“, erklärte Calmbach das Phänomen. „Außerdem haben die etablierten Parteien einfach schon öfter enttäuscht.“ Wohl gerade auch in den Krisen vergangener Jahre.

Die wenigsten informieren sich laut Calmbach gezielt über Politik. „Nachrichten werden meist zufällig als ,Beifang‘ konsumiert.“ Außerdem gingen nur wenige Jugendliche auf die Suche nach Informationen, die wichtig sein könnten. „Wir konnten die Mentalität beobachten, dass die Jugendlichen davon ausgehen, dass die Informationen den Weg schon zu ihnen schaffen, wenn sie wirklich wichtig sind.“ Das sollte wohl Parteien eine wichtige Lehre sein.