Band vier des Millionen-Bestsellers
Zurück in Cornelia Funkes Tintenwelt: „Die Farbe der Rache“

Millionenfach hat sich die „Tintenherz“-Trilogie verkauft – Heute erscheint der vierte Band „Die Farbe der Rache“

12.10.2023 | Stand 12.10.2023, 0:01 Uhr

„Alles fiel an seinen Ort“: Cornelia Funke überarbeitete die Perspektive, um ihr Buch aus Sicht der Figur „Staubfinger“ zu erzählen. − F.: dpa/Dressler

Es ist genau dieser magische Gedanke, der Buchfreunde fasziniert: Figuren aus Büchern werden lebendig. Und Menschen aus Fleisch und Blut werden von Büchern eingesogen und leben fortan in der dortigen Welt. Dreimal hat Cornelia Funke diese Magie eingefangen in den hochspannenden Büchern „Tintenherz“, „Tintenblut“ und „Tintentod“. Über vier Millionen Exemplare der Trilogie sind bisher verkauft, heute erscheint der vierte Band „Die Farbe der Rache“ – mit neuen Helden.

Als Funke vor mehr als 20 Jahren die Tintenwelt ersonnen hat, wusste sie noch nicht, wohin die Geschichte sie führen wird. Die Schriftstellerin lässt sich beim Schreiben gern von ihren Figuren an die Hand nehmen. So kommt es, dass die erste Fassung ihres vierten Tintenwelt-Bandes, „Die Farbe der Rache“, zunächst eine andere Geschichte erzählte als diejenige, die ab heute in der Buchhandlung liegt. „Ich hatte schon vor Corona eine Fassung der ersten 20 Kapitel geschrieben. Sie war vollkommen anders als das, was es nachher geworden ist“, sagt Cornelia Funke. Das entspreche ihrer Arbeitsweise. „In dem Moment, in dem ich anfange, an der Geschichte zu arbeiten, häutet sie sich, führt mich in die Irre, lockt mich und verändert sich immer wieder dramatisch. Das geht manchmal 10, 15 Fassungen lang. Meine Lektorin kennt das schon. So arbeite ich“, so die 64-Jährige.

Die ersten Fassungen des Buches waren aus Meggies Perspektive geschrieben, der Tochter des Buchbinders Mo, der mit seiner Stimme Geschichten und Figuren aus Büchern zum Leben erwecken kann. Doch Funkes Tochter Anna habe eine entscheidende Bemerkung gemacht: „Anna sagte so schön: Das ist ja eigentlich Staubfingers Buch und nicht Meggies. Und dann habe ich die ganze Perspektive umgestellt – und alles fiel an seinen Ort.“

Auf den 352 Seiten von „Die Farbe der Rache“ steht also der Feuertänzer Staubfinger im Mittelpunkt. Und es geht um ein Buch, das mit der Macht von wunderschönen Bildern die liebsten Menschen von Staubfinger verschwinden lässt. Hinter dem Racheakt steckt Mos Erzfeind Orpheus, der es nie verwunden hat, dass Staubfinger seine Freundschaft ablehnte und sich gegen ihn stellte. Nun ist Orpheus in seiner Rachsucht im Bunde mit einer Schattenleserin, die ihm hilft, Staubfinger Licht, Farbe und Liebe zu stehlen. Doch er unterschätzt eine ganz andere Macht.

In „Die Farbe der Rache“ geht es nicht nur um die Macht der Bilder versus die Macht der Worte und den Kampf zwischen Gut und Böse, sondern auch um Freundschaft, Vertrauen, Familie, Liebe und Natur. „Und es geht auch darum, dass am Ende vielleicht doch die Jungen die Welt retten werden“, sagt Funke dazu. „Das Thema schlich sich überraschend in die Geschichte. Jehan (Staubfingers Stiefsohn) und seine Freundin Lilia waren Figuren, auf die ich ebenso wenig gefasst war wie auf die Rolle, die sie später spielen.“

Das Buch hinterlässt beim Lesen das Gefühl eines nass-kalten und doch wohligen Herbsttages, den man mit einer Tasse Tee und unter einer kuscheligen Decke genießt. Die Kapitel sind aus den Perspektiven fast aller Figuren geschrieben. Damit kommt viel Tiefe und Gefühl in die Geschichte und das Mitfiebern, Hoffen und Bangen wird verstärkt.

Landschaftliche Inspiration fand Funke übrigens in der Toskana, wo sie seit zwei Jahren wohnt. „Ich lebe ja in der Nähe von einer 3000 Jahre alten Stadt, die sehr an Ombra erinnert. Das hat es sehr leicht gemacht, die Landschaften zu beschreiben, denn ich bin umgeben von ihnen und weiß, wie sie im Herbst und Winter aussehen. Das hat wunderbar inspiriert.“ Die Übersetzung ins Englische stammt zum ersten Mal von Cornelia Funkes Tochter Anna. Gelesen wird das Hörbuch übrigens wie immer von Rainer Strecker.

Ob es einen fünften Tintenwelt-Band geben wird, lässt Funke offen. „Ich habe keine Pläne. Ich denke, die Geschichte ist zu Ende erzählt. Aber es ist wie bei allen Geschichten: Sie gehen alle immer weiter. Ich könnte jedes meiner Bücher fortsetzen. Aber das werde ich wohl in meiner Lebenszeit nicht schaffen.“

Stephan Maurer


Die Farbe der Rache, Cornelia Funke, Dressler-Verlag Hamburg, 2023, 352 Seiten, 23 Euro