Gründung der EU ein „Geniestreich“
Vom Boxer zum Kämpfer für Europa: Robert Menasse wird 70 Jahre alt

21.06.2024 | Stand 21.06.2024, 5:00 Uhr |

Vom Boxer zum Kämpfer für Europa: Robert Menasse wird heute 70. − Foto: Röder, dpa

Das Gemälde in Robert Menasses Arbeitszimmer heißt „Trauriger Boxer“. Es erinnert den österreichischen Schriftsteller an ein Trauma seiner Jugend. Im Internat sei er oft verprügelt worden. „Es blieb ein Gefühl des Gedemütigtseins“, sagt Menasse und zündet sich eine Zigarette an. Die Konsequenz: Er lernte Boxen und bewundert die Helden im Ring bis heute.

Leser und Zuhörer verbinden den seit rund 30 Jahren etablierten Autor, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, mit einem Kampf politischer Natur. Er möchte einhämmern, dass die Grundidee der Europäischen Union nach den Erfahrungen von zwei Weltkriegen ein Geniestreich war: „Der Nationalismus hatte zu den größten Menschheitsverbrechen geführt und Europa verwüstet. Das sollte nie mehr geschehen können“, schreibt Menasse in seinem kürzlich erschienenen Essay „Die Welt von Morgen“.

Wenige Tage nach der Europawahl samt Rechtsruck ist er immer noch bedrückt. Der Erfolg der Rechtspopulisten als solcher sorgt Menasse nicht. „Sie haben letztlich nur 30 Prozent, erst die Kooperation mit anderen Parteien macht sie gefährlich. Die Christdemokraten sind also die Gefahr.“ Sein Lebensthema Europa hat der gebürtige Wiener in Südamerika gefunden. Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft lebte er in den 80er Jahren als Gastdozent in Brasilien. Als er nach dem Erscheinen seines ersten Romans „Sinnliche Gewissheit“ über Emigranten in Brasilien 1989 zurückkehrte, war aus dem Österreicher ein Europäer geworden. Sein Eindruck: „Deutschland war plötzlich nicht mehr der Nachbar, sondern eine europäische Bedrohung.“

Menasse wird wegen seines Engagements für die EU oft als politischer Kommentator wahrgenommen. Das ärgert ihn. Meisterhaft schildert er – nach mehrjährigem Leben im Umfeld der EU-Institutionen – im Europa-Roman „Die Hauptstadt“ die „Eurokratie“ und ihre Diener. Der Deutsche Buchpreis 2017 war der Lohn. Der Folgeroman „Die Erweiterung“ über das EU-Beitrittsgesuch Albaniens wurde 2023 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet. 1999 erhielt er den österreichischen Staatspreis. Menasse hat zwei Projekte im Kopf, darunter eine Novelle, deren Grundzüge ihm auf langen Fahrten mit der Deutschen Bahn gekommen seien. „Es geht um ein europäisches Schicksal und eine außerordentliche Begebenheit“, deutet er an. Und da ist noch die für Herbst geplante Fortsetzung der Brüssel-Trilogie. Die EU wird ihn also nicht loslassen. Zumal ihr Zustand sich für ihn anfühlt wie die „Buddenbrook-Falle“: „Die erste Generation baut etwas auf, die zweite baut es aus, die dritte verwaltet es und die vierte fährt es gegen die Wand“, sagt er in Anspielung auf Thomas Manns Geschichte über Aufstieg und Fall einer Lübecker Kaufmanns-Familie.

Matthias Röder