Kino-Kritik
Steven Spielbergs „Die Farbe Lila“ kommt als Musical neu auf die Leinwand

Vom missbrauchten Mädchen zur selbstbestimmten Frau: Spielbergs Klassiker von 1985 neu verfilmt

07.02.2024 | Stand 07.02.2024, 11:00 Uhr

„Die Farbe Lila“ erzählt von einer Frau, die zwischen Missbrauch, Erniedrigung und harter Arbeit vom besseren Leben träumt. In der Hauptrolle: Sängerin und Grammy-Gewinnerin Fantasia Barrino als Celie. − Foto: Warner

„Die Farbe Lila“ ist eine Geschichte von Missbrauch und Unterdrückung, aber auch von Widerstand und Kraft der Freundschaft: Die junge Celie wird von ihrem Stiefvater vergewaltigt, ihre beiden Babys werden weggenommen, sie selbst muss einen älteren Farmer heiraten, der sie als Magd brutal ausnutzt. Erst die Geliebte dieses Mannes reißt Celie aus der Lethargie, sie wehrt sich und nimmt ihr Leben in die Hand. Das Südstaaten-Drama spielt im ländlichen Georgia in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.



Stoff für ein Filmmusical mit bunten Tanzeinlagen und üppigen Sets ist das auf den ersten Blick kaum. Noch dazu – ist es wirklich nötig, den 1985 von Steven Spielberg inszenierten Filmklassiker neu aufzulegen? Hollywoods Star-Regisseur hatte damals den mit einem Pulitzer-Preis gekrönten Roman „The Color Purple“ der US-Autorin und Aktivistin Alice Walker ins Kino gebracht. Es gab elf Oscar-Nominierungen, darunter als „Bester Film“, für Oprah Winfrey in ihrer ersten Filmrolle als aufmüpfige Sofia und für Newcomerin Whoopi Goldberg als Celie.

Oprah Winfrey, Steven Spielberg und Quincy Jones sind die Produzenten

Winfrey war 2005 Mitproduzentin des preisgekrönten Broadway-Musicals „The Color Purple“, mit einer Musikmischung aus Blues, Gospel, Jazz und Ragtime. Die Star-Moderatorin zögerte nicht, den Stoff nun auch als Musicalfilm auf die Leinwand zu bringen. Winfrey (70), Spielberg (77) und der Musiker Quincy Jones (90), der 1985 den Soundtrack lieferte, sind alle drei als Produzenten bei der Neuinterpretation von Regisseur Blitz Bazawule an Bord.

Bazawule (41), Rapper und Künstler aus Ghana, der zuvor an Beyoncés Musikfilm „Black is King“ mitwirkte, gelingt tatsächlich eine mutige Gratwanderung. Wie Spielberg schildert er den Wandel von Celie ab 1909 vom missbrauchten Mädchen bis 1947 zur selbstbestimmten Frau. Mit lichtdurchfluteten Sets, üppigen Tanz-Choreografien und sinnlichen Traumszenen bringt Bazawule dazu kraftvolle Farbe ins Spiel. Das wäre der falsche Ton für ein Filmdrama, geht in der Musicalfassung aber unter die Haut.



Mitreißend sind auch die Darsteller: die Grammy-prämierte R&B-Sängerin Fantasia Barrino gibt als Celie ihr Spielfilmdebüt. Colman Domingo („Rustin“) spielt den misshandelnden Ehemann, der von Celie nur „Mister“ genannt wird. Taraji P. Henson („Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“) tritt als selbstbewusste Sängerin Shug Avery auf, die Celie bestärkt, sich gegen den Missbrauch aufzulehnen. Als weitere Freundin steht ihr die unerschrockene Sofia zur Seite, gespielt von Danielle Brooks („Orange Is the New Black“), die eine Oscar-Nominierung als beste Nebendarstellerin erhielt.

„Arielle“ hat eigenseinen Song komponiert

Sängerin Halle Bailey („Arielle, die Meerjungfrau“) mimt Celies Schwester Nettie – als junge Mädchen werden die beiden auf brutale Weise voneinander getrennt. Den ergreifenden Song „Keep It Movin’“ hat Bailey selbst geschrieben. Zum Star-Ensemble gehören auch die Sängerinnen Ciara und H.E.R, Grammy-Preisträger Jon Batiste und die Schauspieler Louis Gossett, Jr. und Corey Hawkins.

Bazawule rückt die Beziehung von Celie und der von ihr verehrten Sängerin Shug Avery in den Mittelpunkt. Es gibt Liebesszenen, so wie es auch Alice Walker in ihrem Roman als lesbische Romanze beschrieben hatte.

Für Winfrey setzt die neue Musical-Version von „Die Farbe Lila“ ein Zeichen von Hoffnung, sich gegen Unterdrückung und sexuelle Gewalt aufzulehnen.

Barbara Munker


•USA 2023, von Blitz Bazawule, mit Fantasia Barrino, Taraji P. Henson, Danielle Brooks, Halle Bailey, Colman Domingo, 141 Minuten, frei ab 12 Jahren

•Trailer auf pnp.de/kultur