"Fühle mich in meinem Beruf als Soldatin"

Solisten der Staatsoper Lviv tanzen Ballett in Bad Reichenhall

28.10.2022 | Stand 28.10.2022, 16:51 Uhr

Viktoria Tkach und ihr Mann Serghij Kachura sind Solisten der Staatsoper Lviv. Der Krieg in ihrem Heimatland Ukraine hat auch für die beiden Balletttänzer alles verändert. −Foto: Privat

Am 24. Februar sind russische Truppen in der Ukraine einmarschiert. Seitdem tobt dort ein schrecklicher Krieg, viele Ukrainerinnen mussten fliehen, um sich und ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. So auch Viktoria Tkach. Die Primaballerina der Staatsoper Lviv (deutsch: Lemberg) ist mit ihren beiden Kindern und ihrer Hündin in Tirol gelandet, wo sie in der Ballettschule von Beate Stibig-Nikkanen in St. Johann eine vorübergehende künstlerische Heimat gefunden hat.

Am Samstag, 29. Oktober, tritt Viktoria Tkach beim Galaabend der Bad Reichenhaller Ballettschule auf – zusammen mit ihrem Mann Serghij Kachura, dem 1. Solotänzer der Staatsoper Lviv, wird sie Originalauszüge aus den großen klassischen Balletten tanzen. Die Ballettschule spendet einen Teil des Kartenerlöses an das ukrainische Kinderhilfswerk zugunsten kriegsverwaister Kinder. Das Geld wird Serghij Kachura nach seiner Rückkehr nach Lviv persönlich übergeben.

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, aus der Ukraine zu fliehen?
Viktoria Tkach: Seit Anfang April bin ich mit meinen beiden Söhnen – vier und sieben Jahre alt – und einer inzwischen großen Hündin in Österreich. Vorher mussten wir jede Nacht zwei- bis dreimal in den Keller fliehen. Wir hatten immer das Gefühl, dass keiner mehr zu atmen wagte. Und da entschied ich zu gehen. Dass es so lange dauern würde, bevor wir zurückkehren können, ahnten wir damals nicht.

Wie haben Sie die Ballettschule von Beate Stibig-Nikkanen in Tirol gefunden?
Tkach: Ich arbeite schon 20 Jahre an der Oper in Lviv und habe dort auch unterrichtet. Ich kann auch jetzt nicht tatenlos sein. Freunde haben mich mit Beate bekannt gemacht – und es war Liebe auf den ersten Blick! Von hier aus kann ich meinem Land besser helfen als im Krieg. Ich fühle mich in meinem Beruf als Soldatin und kämpfe für Kultur, Erziehung und Bildung. Jetzt freuen wir uns auf unseren Auftritt beim Galaabend der Ballettschule in Bad Reichenhall.

Können Sie hier bleiben und wie geht es Ihrem Mann?
Tkach: Wir möchten gerne zurück. Wir haben auch nur wenige Sachen dabei. Glücklicherweise haben wir viele freundliche Menschen getroffen – und die Welt geht nicht unter, solange diese Menschen da sind. Wir bleiben auf jeden Fall hier, bis der Krieg zu Ende ist. Solange haben wir Pläne mit Beate, obwohl es gerade schwierig ist, überhaupt Pläne zu machen.

Was meinen Mann Serghij Kachura betrifft: Jeder Mann muss in der Ukraine bleiben, um das Land zu verteidigen. Nur über unser Projekt, Kriegswaisen zu helfen, können wir uns von Zeit zu Zeit sehen. Zunächst muss er am 2. November zurück in die Ukraine – und niemand weiß, wann er wieder zu unseren Kindern und mir stoßen kann.

Das Gespräch führte Brigitte Janoschka.



• Samstag, 29. Oktober, 18 Uhr, Galaabend der Bad Reichenhaller Ballettschule mit den Solisten der Staatsoper Lviv, Viktoria Tkach und Serghij Kachura, im Theater des Kurgastzentrums (Wittelsbacherstraße 17).