Akademie der schönen Künste
Rudolf Wachters monumentale Holzskulpturen in München

28.05.2024 | Stand 31.05.2024, 15:41 Uhr
Joachim Goetz

Blick in die Ausstellung mit Werken von Rudolf Wachter. − Foto: Goetz

Holz hatte als Material für Bildhauer in den letzten Jahrzehnten keinen allzu guten Stand. Angesichts der Renaissance des Uralt-Werkstoffs in Sachen Bauen ändert sich vielleicht auch die Einstellung zur Holz-Kunst. Profitieren könnte davon auch das Œuvre von Rudolf Wachter (1923-2011), der zwar als einer der bedeutendsten Erneuerer der Holzbildhauerkunst in der Nachkriegszeit gilt – aber viel zu wenig beachtet wird.

Dabei zeigt gerade dieses Werk, das in einer sehenswerten Ausstellung mit vielen monumentalen Skulpturen, einigen Zeichnungen, wenigen kleineren frühen Bronzen und vielen Fotografien aus dem Arbeitsleben des Holzskulpteurs in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste am Max-Joseph-Platz präsentiert wird, was beim Arbeiten mit Holz ganz prinzipiell wichtig ist.

Er zeigt mit seinen Skulpturen, dass dieser Werkstoff lebendig ist. Das sieht man den abstrakten, oft geometrische Formen wie Kuben oder Spiralen nachzeichnenden Figuren auf den ersten Blick nicht an. Deutlich wird das allerdings, wenn man die Herstellungsweise der Skulpturen genauer betrachtet. Wachter sagte über seine Methode einmal: „Ich arbeite mit dem Holz und das Holz arbeitet mit mir“. Was das bedeutet, lässt sich etwa in einem in der Akademie gezeigten 15-minütigen Video gut nachvollziehen.

Wachter arbeitet eigentlich wie ein Holzfäller im Wald, viel inspirierter – aber auch mit einer Kettensäge. Die beherrschte der aus einer uralten Schreinerdynastie am Bodensee stammende Künstler selbst im hohen Alter meisterhaft.

Startpunkt seines aktiven Tuns war dann meistens ein tiefer Schnitt bis in die Mitte des Stammes. Vorher aber hatte er den gelieferten meist ziemlich dicken Holzstamm auf sich wirken lassen. Mitunter monatelang, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sozusagen auf die beiden zukommt. Das kann sich der unkundige Betrachter gar nicht vorstellen. Aber da wird zum Beispiel geschaut, ob Äste den Stamm durchschneiden, die die spätere Form mitbestimmen könnten. Gerne nutzte Wachter das recht faserige weiche Pappelholz, das kaum Äste besitzt und so ein homogenes Bild an der Oberfläche abgibt. Diese Oberfläche zeigt geradezu offenherzig auch die Spuren der Kettensäge. Wachter meinte dazu: „Ein Werkzeug hinterlässt Spuren. Warum sollte ich die wegmachen?“
Wenn der Künstler weiß, was aus dem Rohling werden könnte, geht´s an die Arbeit. Zuerst sägt er den noch feuchten Stamm ein, meist bis zum Kern. Frisch geschnittenes Holz besitzt ja einen hohen Feuchtigkeitsgehalt, der mit den Jahren immer weniger wird. Durch den Schnitt ins Herz des Holzes werden die Jahresringe durchgeschnitten - und über die angeschnittenen Flächen verliert das Holz die Feuchtigkeit und schwindet. Dabei verändert sich auch die Form. Diese Formveränderungen, die für den Künstler freilich vorher schon vorstellbar waren, versuchte Wachter in vielen unterschiedlichen Werkgruppen sichtbar zu machen. Beeindruckend einfach in dieser Hinsicht ist etwa die mehrteilige Reihe aus jeweils vier Brett-artigen Hölzern, die den Titel „Entwicklung einer Kiste“ trägt. Auf manch einen wirkt das wie eine misslungene Schreinerarbeit. Aber genau an solchen Experimenten, die ja nicht ohne Humor daherkommen, sieht man sehr genau wie sich Holz verhält, wie es sozusagen lebt. Und was Wachters große Leistung nicht nur für die Bildhauerkunst des 20. Jahrhunderts ist. Seine Holzskulpturen, denen er sich seit den 70er Jahren verschrieb, stellen sozusagen eine Ko-Produktion mit der Natur dar. Womit sie heute doch absolut im Trend sind und ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus waren. Genug zum Leben verdient hat der Künstler mit seinen Arbeiten - nach eigenen Aussagen - allerdings erst im letzten Drittel seines Lebens. Auch das gibt doch irgendwie zu denken.

Joachim Goetz


Bis 22. Juni, Akademie der Schönen Künste München, Max-Joseph-Platz Di.-Sa. 11-17 Uhr