„Tribute von Panem“ sind zurück
Frisches Blut für die Hunger-Spiele

14.11.2023 | Stand 14.11.2023, 15:00 Uhr
Sascha Rettig

Die zwangsrekrutierte Lucy Gray Baird (Rachel Zegler) und ihr Mentor Coriolanus Snow (Tom Blyth, rechts) sollen die zehnten Hungerspiele von Panem in ein aufregendes Spektakel verwandeln. − Foto: 2023 Lionsgate, Leonine Studios

Die schaurige Show, das tödliche Spektakel, braucht frisches Blut. Acht Jahre ist es schließlich schon her, dass Jennifer Lawrence sich zuletzt als Katniss durch die dystopische Action der „Die Tribute von Panem“-Adaptionen kämpfte und damit ihren globalen Star-Status zementierte. Rund drei Milliarden Dollar spielten die vier Filme damals ein.



Eine Fortsetzung der abgeschlossenen Geschichte war da nur eine Frage der Zeit – jetzt geht die Saga um die martialischen Hunger-Spiele weiter: „Die Tribute von Panem: The Ballad of Songbirds and Snakes“ schweift dafür aber in die Vergangenheit dieser düsteren Zukunftsvision und zu den Anfängen der Diktatur von Panem zurück.

Jennifer Lawrence und andere bekannte Gesichter wie Donald Sutherland sind daher diesmal nicht dabei. Dafür gibt es eine Reihe anderer prägnanter Auftritte an den Seitenlinien: von Peter Dinklage als morphiumsüchtigen Dekan, Viola Davis als exzentrische, rücksichtslose Spielmacherin Dr. Volumnia Gaul und Jason Schwartzman in einer Mischung aus TV-Wetterfrosch, Magier und zynischem Moderator.

Die Hauptfigur ist letztlich aber dennoch ein alter Bekannter. Der gleichnamige Roman, den Suzanne Collins, die Erfolgsautorin der Panem-Bücher, 2020 veröffentlichte, stellt schließlich den jungen Coriolanus Snow ins Zentrum, der später der Herrscher Panems wird. Tom Blyth tritt mit eisblondem Haar auf und füllt die Rolle des 18-Jährigen, der mit seiner Cousine und seiner Großmutter in der Regierungsstadt Kapitol lebt, vielschichtig und mit berechnender Zielstrebigkeit. Er versucht, den Schein der einst wohlhabenden Familie nach außen zu wahren, und hat den starken Willen, um jeden Preis nach oben zu kommen.

Dabei zeigen sich aber einige spannende Ambivalenzen, die vor allem in seiner Beziehung zu Lucy Gray Baird (Rachel Zegler aus Steven Spielbergs „West Side Story“) zu Tage treten. Als Vorgängerin von Katniss ist sie Kandidatin bei den Hunger-Spielen, dem alljährlichen Arena-Überlebensspiel, für das die Regierung als Machtmuskelspiel zwangsrekrutierte, junge Menschen aus den zwölf armen Distrikten auf Leben und Tod aufeinanderhetzt. Er ist ihr Mentor. Und nur wenn seine Kandidatin sich mit entsprechendem Spektakel durchsetzt, bekommt er sein wichtiges Stipendium.

Als Mediensatire fehlt dem Film der Biss

Lucy Grays Erfolgschancen erscheinen dabei zunächst nur gering, so ergreifend ihre Gesangseinlage vor Beginn der Spiele auch sein mag. Letztlich aber weiß sie auch smart und mit rebellischem Kopf ihre limitierten Möglichkeiten zu nutzen, aus der Sache lebend rauszukommen.

Deutlich über zweieinhalb Stunden nimmt sich der Panem-erfahrene Regisseur Francis Lawrence, der „Catching Fire“ und die letzten beiden „Mockingjay“-Teile inszenierte, Zeit, um von Manipulation und Medien, von Überleben und unmöglicher Liebe zu erzählen, während die Hunger-Games noch sichtbar in den Anfängen stecken.

Doch schon die Spiele selbst können nur in wenigen Augenblicken wirklich packen. Auch der Mediensatire, die vor allem in Schwartzmans zynischen, mitleidlosen Moderationen angelegt ist, fehlt bei aller Abgründigkeit der richtige Biss. Die Schauplätze im betonurbanen Grau immerhin sind eindrucksvoll. Gedreht wurde unter anderem in Berlin und Umgebung und immer wieder erkennt man die Hauptstadt unter der digitalen Patina des Verfalls, der die Häuserschluchten umwuchert.

Vielleicht hätte die Filmballade besser funktioniert, wenn sie wie „Mockingjay“ auf zwei Teile aufgeteilt worden wäre. So fällt sie aber über die überlange Spielfilmdistanz auseinander, bis ihr im letzten Drittel spürbar die Luft ausgeht. Frisches Blut allein reicht daher für das Panem-Aufleben nicht aus. Mehr Adrenalin, mehr Drive und absurderweise mehr Zeit, um einige Aspekte und Figuren tiefer auszuleuchten, hätte dieses Prequel auch gebrauchen können.

Sascha Rettig


• USA 2023, Francis Lawrence, mit Rachel Zegler, Tom Blyth, 158 Minuten, frei ab 12 Jahren

• Trailer auf pnp.de/kultur