Big Brother is watching you
Die totale Überwachung: George Orwells Roman „1984“ wird 75

07.06.2024 | Stand 07.06.2024, 11:23 Uhr |

Großartige Mahnung vor dem totalitären Staat: der Roman „1984“. − Foto: Oliver Berg, dpa

Von Julia Kilian

Mit seinem düsteren Szenario wurde „1984“ zum Literaturklassiker. Seit der Erstveröffentlichung hat sich viel verändert in der Welt. Warum manche den Roman trotzdem so aktuell finden wie selten zuvor.

George Orwells bekanntestes Buch wird zugleich sein letztes. Als der Engländer den Roman „1984“ auf einer schottischen Insel fertig schreibt, ist er bereits schwer an Tuberkulose erkrankt. „Es war ein strahlend kalter Tag im April, und die Uhren schlugen dreizehn“ - mit diesen Worten beginnt er die Geschichte, die vor 75 Jahren erscheint, am 8. Juni 1949. Der Roman wird mit seiner Beschreibung eines Überwachungsstaats zu einer der bekanntesten Dystopien der Weltliteratur.

Nun ist es wie so oft mit Weltliteratur - man hat davon gehört, aber sie nicht immer unbedingt gelesen oder vielleicht wieder halb vergessen. Sollte man den Roman also doch mal wieder zur Hand nehmen? Und was hat „1984“, dessen Titel damals nach Zukunft klang, aber heute längst Vergangenheit ist, noch zu erzählen?

Fragt man den Theaterregisseur Luk Perceval, der die Geschichte gerade am Berliner Ensemble inszeniert hat, dann ist Orwells Geschichte heute vielleicht aktueller denn je. Der Belgier musste das Buch früher in seiner Schulzeit lesen, konnte damals als Teenager aber wenig damit anfangen. Für ihn sei das damals eher eine Science-Fiction-Geschichte gewesen, sagt der 67-Jährige der Deutschen Presse-Agentur.

„Bespitzelt von unserem eigenen Smartphone“

Geändert habe sich das, als er vor zwei Jahren in Berlin gewesen sei und der Ukrainekrieg angefangen habe. „Und man in der Stadt so eine große Unsicherheit gespürt hat unter den Leuten.“ Man habe eine Zunahme von Kriegsflüchtlingen gesehen, nicht gewusst, wo es hingehe mit der Welt. „Man hat auch gespürt, dass wir uns noch mehr als früher zwischen drei Machtblöcken befinden - dem anglo-amerikanischen Machtblock, dem chinesischen und dem russischen.“ Das entspreche dem Weltbild in „1984“.

„Auf einmal habe ich gedacht: „Eigentlich ist das der Roman dieser Zeit“. Weil auch wir uns letztlich in einer Zeit befinden, in der wir uns von allen Seiten überwacht fühlen, kontrolliert fühlen von Marketingmechanismen, bespitzelt werden von unserem eigenen Smartphone“, sagt Perceval. Das eigene Konsumverhalten werde genau verfolgt und manipuliert, auch bei Wahlen werde über soziale Medien ausgelotet, welche Tendenz man habe. „Für mich wirkte der Roman dann beim Wiederlesen heutiger denn je.“

Worum es in „1984“ geht

Orwells Roman erzählt von einer dystopischen Zukunft, in der sich eine neue Weltordnung durchgesetzt hat und Krieg herrscht. Der Protagonist Winston Smith lebt in London, das zum sogenannten Landefeld 1 gehört. Die Stadt hat ihren Glanz verloren, zerfällt beinahe und wirkt bedrohlich. Plakate mit der Aufschrift „Big Brother is watching you“ („Der Große Bruder sieht dich“) deuten an, was los ist: Ein Diktator regiert mit seinen Ministerien, darunter dem Ministerium für Wahrheit und dem Ministerium für Liebe.

Anders, als einem die Namen Glauben machen wollen, handelt es sich um einen Überwachungsstaat, der mit Falschinformationen, Gewalt und Bedrohung über seine Bewohnerinnen und Bewohner herrscht. Selbst die Sprache will das Regime neu schaffen, mit dem sogenannten Neusprech. Protagonist Smith ist im Ministerium für Wahrheit damit beschäftigt, alte Zeitungen mit gefälschten Nachrichten umzuschreiben.

Auseinandersetzung mit Fake News

Orwell habe in „1984“ die erschreckendste aller Fragen gestellt, schreibt die Direktorin der Orwell Foundation, Jean Seaton, zum nun anstehenden Jubiläum. Könnten Menschen dazu gebracht werden, die Lügen, die ihnen erzählt werden, wirklich zu glauben? Der Roman jedenfalls wurde über die Jahrzehnte immer wieder bemüht, um etwas über den aktuellen Zustand der Welt zu verstehen. Nach der Wahl des damaligen US-Präsidenten Donald Trump zum Beispiel. Oder auch jetzt, wenn es um neue technologische Möglichkeiten geht.

Als Orwell den Roman schrieb, war etwa die Entwicklung des Internets noch sehr weit entfernt. Manche Dinge an seinem Roman werden inzwischen kritisch diskutiert, etwa das Frauenbild. Die Autorin Anna Funder („Wifedom“) glaubt, dass „1984“ besser geworden wäre, hätte Orwells erste Frau daran mitgearbeitet.

„Man ist Teil einer Leistungsgesellschaft“

Theaterregisseur Perceval erzählt, dass die Aufführungen zu „1984“ schnell ausverkauft gewesen seien und viele junge Leute ansprechen würden. „Und das wundert mich nicht, ehrlich gesagt, weil die natürlich noch mehr als wir dieses Gefühl haben, in einer Welt zu leben, auf die sie kaum Einfluss haben.“ Die Welt lade nicht sehr ein zu Kreativität und Freiheit. „Im Gegenteil: Man muss funktionieren. Man ist Teil einer Leistungsgesellschaft.“ Perceval spricht auch über soziale Medien, den Druck, dazuzugehören.

Skeptisch schaut er darauf, dass Menschen heute mit ihren Smartphones stärker von schlechten Nachrichten umgeben seien. Seiner Meinung nach trägt das dazu bei, dass rechtsextreme Kräfte mehr Zuspruch bekommen. „Du liest es auf deinem Handy, hörst es im Radio und im Fernsehen. Und klar sagen die Menschen dann irgendwann: „Früher war es viel schöner und jetzt muss mal jemand kommen, der das wieder rückgängig macht““, sagt Perceval. Dabei gehe es langsam, aber doch voran mit der Welt. Aber weil jede schlechte Nachricht so verstärkt in die Welt geschickt werde, bekomme man das Gefühl, es gehe bergab.

Tatsächlich kann Perceval „1984“ am Ende sogar etwas Positives abgewinnen. Man könne von Orwell lernen, an seine Natur, seine Kreativität und sein Streben nach Freiheit zu glauben. Etwas Hoffnung findet sich tatsächlich auch im Anhang des Buchs. Der deutet an, dass sich in der von Orwell skizzierten Schreckenswelt noch etwas ändert. Es lohnt also, auch die letzten Seiten noch zu lesen, selbst nach 75 Jahren.