Eine Hommage
Die Sphinx der deutschen Literatur: Ingeborg Bachmann im Literaturhaus München

20.06.2024 | Stand 20.06.2024, 16:48 Uhr |
Barbara Reitter-Welter

Schriftstellerin Ingeborg Bachmann versunken in ihre Arbeit. − Foto: Literaturhaus München

Eine Frau mit tausend Gesichtern: ernsthaft, verspielt, melancholisch, übermütig, nachdenklich. Immer mit neuer Frisur, oft mittellang mit Pony, aber auch raspelkurz über der Stirn oder auf die Schultern fallend. Dazu modisch stets up to date, denn die bewusst gewählten Outfits wechselten von aufreizend zu mondän, von elegant bis extravagant. Eine umfangreiche Bildergalerie mit Porträts von Ingeborg Bachmann (1926-1973) aus den Jahren 1950 bis 1973 empfängt den Besucher der Schau im Literaturhaus München, wo unter ihrem sphinxhaften Zitat „Ich bin es nicht. Ich bin’s“ eine umfassende Hommage an die österreichische Schriftstellerin gezeigt wird.

Tödlicher Brandunfall im Bett in Rom

Stark vergrößert, führen einige Bildnisse zu den fünf Kapiteln, welche Bachmann sowohl als Privatperson, vor allem aber als Autorin lebendig werden lassen, die sich selbstbewusst in der Männer-Domäne der Gruppe 47 bewegte und ein kleines, noch immer aktuelles Œuvre aus Lyrik, Hörspielen, Romanen und Essays hinterließ.

Nicht zu vergessen ihre Korrespondenz, denn befreundet mit Ilse Aichinger, Marie-Luise Kaschnitz und Hannah Arendt, mit Paul Celan, Hans Werner Henze, für dessen Opern sie Libretti verfasste und Max Frisch, mit welchem sie eine extrem schwierige Liebesbeziehung verband, blieb sie allen auch über längere räumliche Trennung hinweg per Brief verbunden. Unter den Briefen ist auch ein recht selbstbewusstes Antwort-Schreiben an den damaligen Lektor im Salzburger Otto-Müller-Verlag, Hansjörg Graf, der einen Gedichtband von ihr abgelehnt hatte – und dessen Tochter Tanja Graf nun Leiterin des Literaturmuseums ist.

So kann man in der Ausstellung, die den ganzen Raum in das helle Licht ihrer Lieblingsstadt Rom taucht, viele Originalbriefe ihres engen literarischen Netzwerks finden – kaum ein Intellektueller dieser Jahre fehlt, selbst der spätere US-Außenminister Henry Kissinger ist dabei, der die erfolgversprechende junge Autorin an die Sommerakademie nach Harvard eingeladen hatte.

Am spannendsten sind natürlich Ingeborg Bachmanns Manuskripte wie jenes ihres Gedichts „Böhmen liegt am Meer“ oder die Korrekturausgabe von „Malina“, die mit unzähligen Verbesserungen versehen sind. Erstausgaben erinnern an Bachmanns Werke, seien es nun der Lyrikband „Die gestundete Zeit“ der Debütantin, Hörspiele wie „Der gute Gott von Manhattan“ oder „Die „Zikaden“, der Erzählband „Das dreißigste Jahr“ oder der späte Roman „Malina“. Dass sie sich jahrelang mit einem Projekt über „Todesarten“ beschäftigte wirkt makaber, da sie selbst, abhängig von Alkohol und Tabletten, bei einem tragischen Brandunfall in ihrem Bett in Rom ums Leben kam.

Im Zentrum des langgestreckten Ausstellungsraums steht ein bescheidener Schreibtisch mit Bachmanns Schreibmaschine – daneben vier weitere, um Besucherinnen und Besucher zu eigenen Texten zu animieren. Schließlich hängen überall auf großen Stoffbahnen neben biografischen Informationen auch Textzitate, die ein Schlaglicht auf ihre starke poetische Sprachkraft, wie auch die psychische Verfassheit, ja ihre seelische Gefährdung und das Gefühl des Ausgeliefertseins werfen, das sie immer wieder überkam – außer bei der Arbeit, die für die Nachkriegsliteratur formal innovativ und inhaltlich radikal war.

Deutlich wird aber auch ihre lebenslange kritische Einstellung gegenüber der nationalsozialistischen Diktatur – ihr Vater war schon früh in die Partei eingetreten – und ihre feministische Position, welche sich in Äußerungen wie „Ich bin niemands Frau... Ich will bestimmen, wer ich bin“ oder „Die Ehe ist eine unmögliche Institution“ manifestierte.

„Ich existiere nur, wenn ich schreibe“ war das Motto ihres aufregenden Lebens, das nach behüteter Kindheit in Klagenfurt, Studium samt Promotion über Martin Heidegger in Wien, mehrjährigen Aufenthalten in München, Zürich und Berlin geprägt war, bis sie sich in Rom niederließ. Früh schon wurde sie berühmt, wie ein Spiegel-Cover aus dem Jahr 1954 beweist. Und sie entwickelte sich zu einer Mode-Ikone, was einige ausgewählte Stücke ihrer riesigen Garderobe veranschaulichen – darunter ein oranges Complet und ein schwarzes Abendkleid.

Barbara Reitter


Bis 3. November, Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, Mo.-So. 11 bis 18 Uhr, zudem neuerdings jetzt auch Do bis 20 Uhr