Starbesetzte Komödie
„Der Pfau“ im Kino: Ein Haufen arrogante Gockel

14.03.2023 | Stand 17.09.2023, 1:00 Uhr |

Hereinspaziert ins schottische Herrenhaus: Hier sollen Investmentbanker zu einem Team zusammenwachsen, (v.l.) Tom Schilling als Andreas, Jürgen Vogel als Jim, David Kross als David, Lavinia Wilson als Linda, Serkan Kaya als Bernhard und Victoria Carling als Lady Fiona. −F.: Dicks, dpa

Wie viele Lese- und auch Schaustücke drehen sich um die Frage: Wer war’s, war hat ihn ermordet? Das ist auch hier Kern der Geschichte, nur, dass es ein armer kleiner Pfau ist, der das Zeitliche segnet. Dazu gesellt sich ein Grüppchen menschlicher Pfaus, also: Investmentbanker, die kaum mehr laufen können vor Arroganz und Eitelkeit.



Dabei sollen sie beim Team-Building-Treffen im schottischen Hochland doch eigentlich zueinander finden. Stattdessen geht es immer wieder um die eigenen Pfründe und das Fortkommen in der Company. Tom Schilling ist in „Der Pfau“ genauso dabei wie David Kross. Lavinia Wilson glänzt als Teamführerin, Jürgen Vogel zeigt sich mit erstaunlicher Frisur, Annette Frier bekocht das eher unsympathische Häufchen.

Nach dem Bestseller von Isabel Bogdan

Regisseur Lutz Heineking Jr. hat sich für sein Kinodebüt den gleichnamigen Roman-Bestseller von Isabel Bogdan vorgenommen. Entstanden ist eine bunt überdrehte Versuchsanordnung, in der auf teils heitere, teils durchaus nachdenkliche Art mit Märchen-, Komödien- und auch Krimielementen jongliert wird.

Kaum haben die Teambuilder den Bus verlassen, blicken sie missmutig auf ihre empfangslosen Mobiltelefone, statt sich des imposanten Panoramas rund ums pittoreske Herrenhaus von Lord Hamish und Lady Fiona McIntosh (Philip Jackson und Victoria Carling) zu erfreuen. Das geht nicht gut los und auch nicht gut weiter. Da nützen auch all die teils unerträglichen Business-Floskeln nichts („Es wäre nice, wenn ...“, „Damit wir alle aus demselben Gesangsbuch singen“), mit denen die Gruppenleiterin für etwas gemeinschaftlichen Spirit sorgt.

Als dann nebst dem Pfau auch noch eine Gans verschwindet, droht die Stimmung auf dem Herrensitz aller Ansehnlichkeit und allen Teambuilding-Maßnahmen (Hüttenbau im Wald!) zum Trotz endgültig zu kippen.

In seinen stärkeren Momenten erinnert „Der Pfau“ ein wenig an einen der besten deutschen Filme der letzten 20 Jahre: „Zeit der Kannibalen“ (2014), Berlinale-Beitrag mit Devid Striesow und Katharina Schüttler. Damals waren es Unternehmensberater, die sich in einem kammerspielartigen Setting zerfleischten. Auch damals konnte, wer wollte, Kapitalismuskritik erkennen – oder sich einfach freuen über die vielen sehr lustigen Momente. Solche schenkt uns der „Pfau“ in homöopathischen Dosen. Die gelingenden Momente aber bleiben haften; etwa wenn Schilling mal wieder pfauenartig durchs Bild stolziert: „Niveau sieht nur von unten aus wie Arroganz.“ Dafür verliert man als Zuseher in zunehmendem Maße den Faden, fragt sich, worum es denn nun eigentlich grade geht. Allzu viel den Kopf zerbrechen ob der skurril-seltsamen Story soll man sich aber vielleicht auch gar nicht. Selbst Tom Schilling, seines Zeichens Ko-Hauptdarsteller, wird im Presseheft zum Film mit den Worten zitiert: „Ich glaube, ich habe ganz viele Sachen in der Geschichte nicht gecheckt“.

Also zurücklehnen und genießen: Etwa die famose Szene, in der Schillings leicht angetrunkene Figur am Klavier den Gianna Nannini-Klassiker „Bello e impossibile“ aufs Schauerlich-Schönste zum Besten gibt. Und die anderen Szenen, in denen die beteiligten deutschen Schauspieler vom Schlage eines David Kross mal zeigen, was sie draufhaben. Vor allem sehenswert: Ein endlich mal wieder gegen den Strich (liebenswerter Proll) besetzter Jürgen Vogel. Der hier eine Haarpracht zur Schau trägt, die man dem 54-Jährigen nun wirklich nicht mehr zugetraut hätte.

Matthias von Viereck


•D/Belgien 2023, von Lutz Heineking Jr., mit Tom Schilling, Lavinia Wilson, David Kross, Jürgen Vogel, 106 Minuten, frei ab 12 Jahren

•Den Trailer sehen Sie im digitalen Feuilleton auf pnp.de/kultur