Band und Phänomen
Der große Italo-Schlager-Schwindel: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys mit neuem Album „Kult“

31.05.2024 | Stand 31.05.2024, 15:44 Uhr |

Am Gardasee begann 1981 die internationale Italo-Schlager-Karriere von Roy Bianco (2.v.l.) & Die Abbrunzati Boys, sagt die Band. Aber ob man den sechs Schlawinern aus Augsburg da glauben darf? − F.: Ludwig van Borkum

Man kann nicht anders. Wenn man eingetaucht ist in den berüchtigten „Schlager-Strudel“, der genrekonformen Abwandlung eines Moshpits, und etwa beim Passauer Eulenspiegel-Festival im vergangenen Sommer mit tausend anderen verschwitzten Leibern selig lächelnd von „Amore“ und „Bella Napoli“ schmettert, dann geht es nicht anders, dann muss man dieser Gruppe von sechs jungen Musikern aus Ausburg und München einfach gratulieren zu ihrer Chuzpe, zu ihrem Mut zum Wahnsinn.

Denn Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys, wie die feschen Kerle sich nennen, spielen Italo-Schlager und ganz eigentlich gibt es sie schon seit den 80er Jahren, sagt zumindest die Band. Aufgelöst hat man sich 1997 nach einem handfesten Streit, um sich erst 2016 für ein unerwartetes Comeback wieder zu versöhnen, das sagt die Band auch. Die erste Platte nach der „Rückkehr“ heißt dann, logisch, „Greatest Hits“. Mit ihrem zweiten Werk „Mille Grazie“ landen Roy Bianco und seine Jungs schließlich 2022 auf Platz 1 der Deutschen Albumcharts, ganz real diesmal. Ab 31. Mai steht der dritte Streich in den Startlöchern – höchst bescheiden „Kult“ benannt.

Ein Strudel der Ironie

Ja, es ist ein großer Spaß, den sich Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys da zusammengeflunkert haben. Und Nein, mit irgendeiner anderen Musikgruppe aus „Bella Germania“ ist das wirklich nicht zu vergleichen. Funktionieren tut diese musikalische Räuberpistole auf Aperol-Spritz-Basis aber nur, weil hier die offensichtliche Ironie unerwartet ernst genommen wird.

Denn einerseits können die vorwiegend jungen Anhänger mit Fanshirts auf die Konzerte kommen, auf der die große Roy-Bianco-Welttournee 1994 angepriesen wird. Sie können voller Hingabe unter den Youtube-Videos der Band vom Italienurlaub in den 80ern schwärmen, als genau dieser Bianco-Song in Dauerschleife auf dem Walkman lief und ihre Eltern sie im Weizenfeld beim Klang der Zirpen zeugten. Andererseits muss die Begeisterung für die melodieseligen Stücke, die in Wahrheiten neben Schlagerelementen auch kräftige Spuren von Pop oder Indie-Rock enthalten, aber eben auch echt sein. Ein guter Joke allein füllt noch keine Münchner Olympiahalle.

Die Frage stellt sich freilich, ob der große Italo-Schlager-Schwindel auch ein drittes Mal aufgeht, oder ob sich die Masche bei „Kult“ zum ersten Mal abgenutzt hat? Was zunächst auffällt: Die Augsburger Jungs probieren inzwischen mehr außerhalb ihrer musikalischen Komfortzone. „Rimini Disco“ etwa hat selbige nicht nur im Namen sondern auch in den flirrenden Arpeggios des Keyboards, Auto Tune wird immer wieder mal über die Stimmen gelegt und „Goodbye, Arrivederci“ nähert sich dem Brit-Pop an. Schöner Kommentar eines Fans übrigens: „Dieses Lied lief 1996 zur Europameisterschaft in England, als ich gerade von einem Polizeihund gebissen wurde.“

Es gibt auf „Kult“ aber leider auch Stücke, denen der magische Melodiefunken ins Schlagerglück fehlt. „Unter Palmen“ etwa, oder auch die Vorabsingle „Santorin“. Das wirkt dann genau so, wie es eben nicht wirken darf – alles etwas bemüht.

Und doch: Sie sind auch diesmal wieder da, die großen Sehnsuchtshymnen auf das Land der Träume und einen ewigen Sommer voller Liebe, Freiheit, Freundschaft und natürlich Vino Rosso. Auf dem schon länger bekannten „Velocitá“ etwa singt Roy Bianco mit ordentlich Indie-Rock-Wumms im Motor von der Leichtigkeit der Jugend und der Schönheit des flüchtigen Glücks. „Und wir lassen uns’re Liebe Runden fahr’n.“„Sophia Loren“ ist eine grandios komponierte Eloge auf die Ikone des italienische Films und eine verzehrende Liebe.

Emotionenbis zum Anschlag

Und ganz zum Schluss werfen Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys in „Weiße Rosen“ mit wuchtigem Schlagzeug und melancholisch-dramatischen Bläsern die Emotionsmaschine noch mal bis zum Anschlag an: „Wenn die Ponte nicht mehr steht und Alitalia nicht mehr fliegt/selbst dann, war die Liebe nicht umsonst.“ Ganz sicher, da wird im „Schlager-Studel“ das ein oder andere Tränchen verdrückt werden. Ganze ohne Ironie.

Dominik Schweighofer


• Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys: Kult, Electrola, CD ca. 18 Euro, verfügbar auf allen Streaming-Diensten

• Live: 24.10. Nürnber Kia Metropol Arena, 15.11. München Olympiahalle