#Metoo-Moment im Eröffnungsfilm
Cannes eröffnet mit Meryl Streep und Léa Seydoux

14.05.2024 | Stand 17.05.2024, 14:34 Uhr

Léa Seydoux im Eröffnungsfilm „Le deuxième acte“. Raphaël Quenard holt sich als Willy eine blutige Nase. − Foto: Chi-Fou-Mi, Arte France Cinéma

Manchmal knallen Kino und aktuelle Ereignisse unerwartet aufeinander. Quentin Dupieuxs Film „Le deuxième acte“, der gestern bei einer Gala außer Konkurrenz die 77. Filmfestspiele in Cannes eröffnete, war so ein Fall. Man landet mitten im Thema, das das Festival bereits vor Beginn überschattete: bei #Metoo, sexuellen Übergriffen in der Filmbranche und den anstehenden, möglichen Enthüllungen des investigativen französischen Magazins „Mediapart“, die die nächsten Tage für Erschütterungen sorgen könnten.

In einer Szene von „Le deuxième acte“ wird der Schauspieler Willy (Raphaël Quenard) bei seiner Kollegin Florence (Léa Seydoux) zudringlich und will sie küssen. Daraufhin faucht sie ihn an, ein Anruf von ihr genüge und seine Karriere sei vorbei. Besonders heikel dabei: Quenard taucht auf einer kursierenden Liste mit Namen französischer Filmschaffender auf, die angeblich im Zusammenhang mit den möglichen Enthüllungen stehen sollen. Ob das stimmt, was dahintersteckt, welche Konsequenzen das haben wird? Das alles ist derzeit unklar.

Einen unguten Beigeschmack hinterließ dieser Aspekt des Films dennoch, in dem sich auch sonst immer wieder neue Ebenen öffnen, die den Blick auf vorherige Ereignisse auf den Kopf stellen. Regisseur Quentin Dupieux, der sich als Musiker einst die Handpuppe Mr. Oizo ausdachte, hat hier einen Film-im-Film-im-Film inszeniert über ein Schauspiel-Quartett, das Szenen in einem Landrestaurant drehen soll.

In knappen 80 Minuten streut er viele Stichworte zu aktuellen Diskussionen ein und setzt vor allem auf Gags, die aus der Meta-Konstruktion des Films entstehen: Mal geht es um Befindlichkeiten von Stars, mal um „Cancel-Culture“ oder künstliche Intelligenz bei der Regiearbeit. All das ist in der Anlage zwar reizvoll – und doch wirkt die Komödie letztlich nicht nur recht geschwätzig, sondern auch nicht wirklich fokussiert.

Wegen #Metoo soll das Festival eine Agentur für Krisenkommunikation engagiert haben. Das war aber nicht das einzige Thema, das die Filmfestspiele in den Krisenmodus versetzte. Denn: Aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen saisonaler Arbeitskräfte im französischen Film- und Kulturbestrieb droht Streik.

Der größte Star des Abends spielte nicht im Eröffnungsfilm mit: Die Fotografen rissen sich um Fotos von Meryl Streep auf dem roten Teppich, die zwar ohne neuen Film anreiste. Dafür wurde sie mit einer Ehren-Palme für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, die sie nun zu ihren drei Oscars ins Regal stellen kann.

Sascha Rettig