Prozess
Lokführer: „Es war ein Fehler von mir, ganz klar“

19.02.2024 | Stand 21.02.2024, 5:22 Uhr

Prozess um S-Bahn-Unglück - Der wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagte Mann (M) steht mit seinen Anwälten Stephan Beukelmann (r) und Mariana Sacher im Gerichtssaal. - Foto: Sven Hoppe/dpa

Zwei S-Bahnen stoßen frontal zusammen. In den Trümmern stirbt ein junger Mann, es gibt Dutzende Verletzte. Zwei Jahre später steht nun der mutmaßlich verantwortliche Lokführer vor Gericht.

Der Mann auf der Anklagebank schluchzt auf. „Es tut mir alles so leid.“ Und: „Wenn ich könnte - ich würde alles ungeschehen machen.“ Mit einem emotionalen Geständnis hat zwei Jahre nach dem tödlichen S-Bahn-Unglück im oberbayerischen Schäftlarn der Prozess gegen den mutmaßlich verantwortlichen Lokführer begonnen. Es sei ihm „unerklärlich, dass ich solche Fehler gemacht habe“, sagte der 56-Jährige am Montag vor einem Schöffengericht am Amtsgericht München. „Es war eigentlich eine ganz normale Tagschicht.“

Bei dem Zusammenstoß zweier S-Bahnen am Valentinstag 2022 gegen 16.35 Uhr mitten im Berufsverkehr war ein 24 Jahre alter Mann getötet worden. Dutzende Menschen wurden teils schwer verletzt, darunter auch der angeklagte Triebfahrzeugführer und sein Kollege aus der entgegenkommenden S-Bahn.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung in 51 Fällen sowie vorsätzliche Gefährdung des Bahnverkehrs vor. Der Lokführer hatte den Ermittlungen zufolge ein rotes Signal und Vorschriften missachtet. Sein Zug kollidierte in der Folge mit einer entgegenkommenden S-Bahn.

Er könne sich nicht an den Unfall erinnern, akzeptiere aber das Ergebnis des Gutachtens, sagte der Angeklagte. Der gelernte Dreher hatte erst ein dreiviertel Jahr zuvor die Prüfung zum Triebfahrzeugführer abgelegt. Damit habe sich ein Kindheitstraum erfüllt, sagte der Mann, der immer wieder mit den Tränen kämpfte. „Es war mein großer Traum, schon als kleiner Junge: Lokführer - und dass mir dann so was passiert“, sagte der 56-Jährige - er ist nicht mehr bei der Deutschen Bahn beschäftigt; seit Januar trägt er Post aus. Die Strecke nach Wolfratshausen, auf der sich der Unfall ereignete und die als nicht ganz einfach gilt, sei sogar Prüfungsstrecke gewesen.

Der Anklage zufolge hatte der Mann am Unglückstag den Zug mit der Nummer 6785 gefahren und sich zunächst vor dem Bahnhof Schäftlarn-Ebenhausen über eine Zwangsbremsung wegen zu hohen Tempos hinweggesetzt. Nach dem Ein- und Aussteigen der Fahrgäste soll er trotz eines roten Haltesignals losgefahren sein - und dann auch noch die darauffolgende erneute automatische Zwangsbremsung ausgehebelt sowie auf 67 Kilometer pro Stunde beschleunigt haben. „Es war ein Fehler von mir, ganz klar“, sagt der Mann vor Gericht. „Ich hätte den Fahrdienstleiter informieren müssen.“

Zeitgleich war auf der eingleisigen Strecke die verspätete S-Bahn mit der Zugnummer 6776 aus München unterwegs. Deren Lokführer erhielt ebenfalls Rot, leitete eine Schnellbremsung ein. Sein Zug kam nach zusätzlicher Zwangsbremsung zum Stehen. Der junge Lokführer ruft den Fahrdienstleiter an - da taucht aus der Kurve die S-Bahn des Angeklagten auf. „Sch.. da kommt ein Zug“, ruft er in den Hörer, versucht beiseite zu springen. Der angeklagte Lokführer leitet noch eine Schnellbremsung ein, doch das reicht nicht mehr. Die Triebfahrzeuge krachen ineinander, entgleisen teilweise. Trümmer, Verletzte, panische Menschen - den Rettungskräften bietet sich ein Bild der Verwüstung.

Er wisse nicht, warum er sich so verhalten habe, sagt der 56-Jährige vor Gericht. „Ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung.“ Und: „Es fällt mir sehr schwer zu glauben, dass ich solche Fehler gemacht habe.“

Gelegentlich habe er wegen Tempoüberschreitungen Zwangsbremsungen bekommen, jedoch nie auf einer eingleisigen Strecke; nie habe er ein rotes Haltesignal missachtet. Ein Ausbilder schilderte ihn als „Musterschüler“. Er habe eine „Bilderbuchausbildung“ absolviert. Ein Vorgesetzter nannte ihn unauffällig und „pflichtbewusst“. Der Mann habe zwölf Einträge wegen Zwangsbremsungen gehabt, das sei eher unterdurchschnittlich.

Warum der Mann dann an jenem Montag im Februar 2022 gleich mehrfach hintereinander gegen Regeln verstieß, bleibt auch am ersten Prozesstag vor Gericht ein Rätsel.

Sein Kollege aus der entgegenkommenden S-Bahn berichtete vor Gericht, er habe bei dem Unglück - einen Tag vor seinem 22. Geburtstag - 14 Knochenbrüche erlitten, darunter acht Wirbelbrüche. Es gehe ihm wieder gut, er leide nicht mehr unter Folgen. Allerdings fahre er nur noch auf Teilzeit. Er habe ein Studium begonnen. „Ich will mir eine Alternative aufbauen.“ Es könne ja etwas geschehen, sodass man die Arbeit nicht mehr machen könne.

Auf die direkt an ihn gerichtete Entschuldigung seines ehemaligen Kollegen sagt er freundlich: „Ich bin sicher, du hast es nicht absichtlich gemacht.“

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