Exklusiv-Recherche
Größter Captagon-Fund in Deutschland: Prozess um Drogen im Wert von 60 Millionen Euro startet

05.07.2024 | Stand 05.07.2024, 16:50 Uhr |

Sie wirken unscheinbar, machen aber hochgradig süchtig: Millionen Captagon-Pillen wurden vergangenes Jahr in Regensburg und Aachen sichergestellt. Wegen des Namens eines Medikament gelten sie als „haram“ – und finden im arabischen Raum reißenden Absatz. Foto: BKA

In Regensburg und im Raum Aachen finden Ermittler fast 800 Kilo einer Droge, die im arabischen Ausland sehr gefragt ist. Beide Fälle weisen Parallelen auf, wie exklusive Recherchen der Mediengruppe Bayern mit ARD-Sendern und der F.A.Z. zeigen. Im Juli startet der zweite Prozess.



Mehr als 1,9 Tonnen Amphetamin haben deutsche Rauschgiftfahnder 2023 sichergestellt. Die bekanntesten Formen der Droge sind Ecstasy und Speed. Den mit 40 Prozent größten Anteil aber hat Captagon, oft das „Kokain für Arme“ genannt. Riesige Mengen der Tabletten wurden bei Razzien entdeckt: Im Juli vergangenen Jahres hob das Bundeskriminalamt ein Labor in Regensburg aus, 13 Wochen später schlugen Zollfahnder im Raum Aachen zu. Nun steht der Prozess zum bislang größten Captagon-Fund an – mit Parallelen in die Oberpfalz, wie Recherchen der Mediengruppe Bayern mit BR, MDR, RBB, SWR und F.A.Z. zeigen.

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Zollfahndern waren am Flughafen Köln/Bonn die Pakete mit Bremszylindern aufgefallen – darin versteckt mehr als zehn Kilo Captagon. Das war im Herbst 2022. Ein Jahr später, Anfang Oktober 2023, schlugen die Ermittler nach Monaten, in denen sie Telefone abhörten und Verdächtige verdeckt verfolgten, zu – und machten den bis heute größten Captagon-Fund auf deutschem Boden. Vier Syrer im Alter von 33 bis 46 Jahren, die seitdem in U-Haft sitzen, müssen ab 24. Juli wegen bandenmäßigen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor Gericht. Wie eine Sprecherin des Aachener Landgerichts bestätigte, sind Prozesstermine bis November angesetzt.

Sohn verpfeift im Prozess den eigenen Vater

Es ist der zweite Mammut-Prozess um den internationalen Schmuggel vom Captagon in diesem Jahr: Im März waren zwei 31 und 52 Jahre alte Männer, die im Regensburger Labor festgenommen worden waren, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Der mutmaßliche Pate des laut BKA „bislang größten Drogenlabors für Captagon-Tabletten“ in der Werkstatt war durch die Lappen gegangen: Mohammed S. war ins Ausland gereist, offenbar direkt vorm Zugriff durch Spezialeinheiten vor auf den Tag genau fast einem Jahr. Der heute 49-jährige Syrer war der Mieter der Hinterhof-Werkstatt.

Sein in jener Nacht verhafteter Sohn, der später wegen Beihilfe verurteilt wurde, belastete den eigenen Vater im Prozess dann schwer – demnach soll das Oberhaupt der syrischen Familie, die bis heute im Landkreis Schwandorf lebt, ein Big-Player im internationalen Captagon-Schmuggel gewesen sein. Dass die vorwiegend im arabischen Raum weit verbreitete Droge in Deutschland produziert wird, war Sicherheitsbehörden da noch unbekannt. 17 der gelblich-weißen Tabletten mit der Doppel-C-Prägung konnte die im Juli 2023 in Regensburg sichergestellte Uralt-Tablettiermaschine aus China pro Sekunde herstellen, also etwa 38.000 Pillen pro Stunde. In syrischen oder libanesischen Drogenfabriken, wo Captagon hauptsächlich produziert wird, dürfte es ein Vielfaches sein. Experten sagen, dass Syriens Machthaber Baschar al Assad so sein Regime finanziert.

„Modus operandi“ gleicht sich in fast allen Fällen



Die Fälle in Regensburg und Aachen verbindet aber mehr als nur die Art der Droge. Wie Recherchen der Mediengruppe Bayern mit dem ARD-Netzwerk und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zeigen, ist der „Modus operandi“ fast identisch: Die Täter stammen aus Syrien, kamen meist als Flüchtlinge hierher. Aus dem Labor in Regensburg gingen Captagon-Tabletten auf Paletten voller Autoteilen und versteckt in Hohlräumen riesiger Hydraulikzylindern gen Saudi-Arabien. Mehr als einmal, wie gefundene Frachtpapiere vermuten lassen. Auch die Angeklagten in Aachen gingen laut Anklage so vor – das Rauschgift soll unter Duftkerzen, in einem Raumluftreiniger oder im Pizzaofen versandt worden sein. Gut drei Viertel der Schmuggelware fingen die Zöllner jedoch ab.

Es ist nicht der erste Captagon-Fund in der Oberpfalz: 251 Kilo der illegalen Tabletten wurden im Mai 2021 entdeckt, später belasteten sie die Angeklagter gegenseitig und redeten – im Prozess kam ein weiterer 191-Kilo-Fund auf der A9 bei Hof ans Licht

Und wie im Fall Regensburg waren oder stehen durch Observationen und Telefonüberwachung einige weitere Verdächtige im In- und Ausland im Fokus. Spuren führen in die Türkei, nach Österreich, in die Niederlande oder den arabischen Raum. Kommentieren wollen Ermittler das nicht. Nur, „dass die Ermittlungen im Hintergrund weitergeführt werden“, wird auf Anfrage des Recherche-Netzwerks aus ARD-Sendern, F.A.Z. und Mediengruppe Bayern bestätigt. Gesichert ist indes: Gegen die Ehefrau des Regensburger Captagon-Paten läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum organisierten Drogenhandel. Chats mit ihrem flüchtigen Ehemann sollen belegen, dass die 54-Jährige bei Vorbereitungen für die Herstellung geholfen hatte.

Fall Regensburg: Material für drei Tonnen war da



Im Aachener Fall soll mindestens ein Angeklagter seine Beteiligung am Schmuggel gestanden und mit den Behörden kooperiert haben. So gelang es offenbar, zuvor noch unbekannte Lieferungen nachzuweisen. Laut der Anklage geht es in drei Fallkomplexen um fast eine halbe Tonne Captagon im Straßenwert von rund 60 Millionen Euro.

Gemessen daran, was das BKA bei den Ermittlungen zum Regensburger Labor fand, wirkt das fast wie eine Lappalie – die Täter hatten Streckmittel und Chemikalien für ganze drei Tonnen Captagon gelagert. Die Herstellung der Tabletten kostet wenige Cent, in Saudi-Arabien werde sie für 20 Dollar pro Stück verkauft. Den Hintermännern entgingen mehr als 330 Millionen Euro!