Passau
Jung, blond, technisch stark

Frau in Männerdomäne: Die Mechatronikerin Nicole Falkner muss als Serviceberaterin immer am Ball bleiben

19.06.2024 | Stand 19.06.2024, 5:00 Uhr |

Laptop in der Linken, Taschenlampe in der Rechten: Routiniert wie ein Arzt bei der Diagnose begutachtet Nicole Falkner bei Mercedes Hirschvogel in Maierhof jeden „Patienten“, den sie auf der Hebebühne aufbockt. − Foto: Danninger

Von Franz Danninger

Susanne W. ist mehr als angetan von der Frau, die sich um ihr Fahrzeug kümmert: „Frau Falkner erscheint mir sehr ungewöhnlich, sie ist eine zarte und zierliche Frau, die mit einer Selbstverständlichkeit ein Auto aufbockt und inspiziert, wie andere ein Auto betanken.“

Diese Selbstverständlichkeit, die der Werkstatt-Kundin so imponiert, die ist über viele Jahre antrainiert. Dass Nicole Falkner ausgebildete Mechatronikerin geworden ist mit jeder Menge Zusatzausbildungen, das führt sie selbst auf ihre Kindheit zurück: „Unser Papa hat meiner kleinen Schwester und mir immer jedes Werkzeug erklärt und ausprobieren lassen“, erinnert sie sich an ihre Heimat Kellberg zurück – und an das einzige Tabu in der Werkstatt dort: „Die Motorsäge war zu gefährlich, die haben wir nicht anlangen dürfen.“

Sonst aber lernte sie neben dem Einmaleins in der Schule das Abc des Werkzeugs daheim. Ihr Privatlehrer dabei war sehr kompetent: Papa Falkner verdiente sein Geld als selbständiger Heizungsbauer. Und so bekamen seine Töchter fast spielerisch den Unterschied zwischen einem Gabel- und einem Ringschlüssel mit auf den Lebensweg. Als Halbwaisen hatten die Falkner-Mädels ohnehin eine besondere Beziehung zu ihrem Vater. Auch das prägte Nicole, die sich als Erwachsene in einen Mann verliebte, der ebenfalls früh auf seine Mutter verzichten musste: „Er versteht, was das bedeutet.“ Auch beruflich schwimmen sie auf der gleichen Welle, denn auch ihr Freund ist gelernter Mechatroniker.

Dieser Liebe wegen ist die 29-Jährige nach Schalding l. d. D. gezogen, was viele Vorteile für sie bringt: Sie wohnt zusammen mit Freund und Schwiegervater (der voriges Jahr verstarb) gemeinsam im Familienhaus, kann mit dem Rad zur Arbeit fahren nach Maierhof zu Mercedes Hirschvogel und hat Platz für den gemeinsamen Schäferhund und ihre Liebe zur Natur. „Wir sind Draußen-Menschen“, sagt die Frau, die 50 Prozent ihres Arbeitstags am Schreibtisch verbringt.

Die andere Hälfte bewegt sich die Serviceberaterin, steht und geht neben, unter, vor und hinter dem Auto, das der Kunde gerade gebracht hat, bespricht mit ihm mögliche Schäden oder verschlissene Teile usw. Sie mag diese Mischung sehr: „Ich habe nie Rückenschmerzen und esse jede Menge Schokolade, nehme aber nicht zu“, zählt sie lachend die Vorteile von sitzender und bewegter Tätigkeit auf.

Und diesen Job erledigt sie „mit so einer Routine und Professionalität, dass es einen einfach nur begeistert, weil es so ungewöhnlich ist in dieser Männerdomäne“, findet Kundin Susanne W., deren Begeisterung so groß ist, dass sie diese der PNP mitteilen musste.

Stichwort Männerdomäne: Wie schwer tut sich da eine junge Frau im Jahr 2024 im Automobilbereich? „Die Kollegen haben mich praktisch gleich akzeptiert“, sagt Nicole Falkner. Sie arbeitet im Team mit drei Männern zusammen, „alle Meister, alle super.“ Und das, obwohl sie von einer anderen Marke kam (Lehrzeit in einer Audi/VW-Werkstatt in Untergriesbach) und mit Mitte 20 eher als Küken angesehen wurde. Am Anfang...

Anders verhält es sich mit den männlichen Kunden. „Einmal hat einer zu mir gesagt: Ich würde gerne mit einem Meister sprechen.“ In solchen Situationen heißt es tief durchatmen und Diplomatie bewahren. Mittlerweile hat Nicole Falkner ihre Einstellung dazu gefunden: „Ich bin relativ jung, hab lange, blonde Haare und mir steht‘s nicht auf der Stirn geschrieben, dass ich schrauben kann und weiß, wie ein Auto funktioniert. Und Gott sei Dank ist so ein Verhalten nicht die Regel.“ Vor allem ältere Herren fänden es cool, dass eine junge Frau so viel von Technik versteht, berichtet sie erfreut von der anderen Seite der Männer-Medaille.

Centerleiter Josef Doppelhammer kennt das Thema natürlich, er sagt: „Wenn Frau Falkner ihre Arbeit nicht beherrschen würde, dann wäre sie bei uns längst nicht mehr an dieser Stelle eingesetzt.“

Und sie selbst wiederum hat einen Heidenrespekt vor ihren Kollegen in der Werkstatt, sagt sie: „Unsere Autowelt ist eine der schnelllebigsten, da muss man am Ball bleiben. Mercedes verbaut eigene Löschanlagen im Motorraum! Es kommt immer was Neues dazu, es wird nie langweilig.“