Jahrestag einer Katastrophe
Am 10. Juli 1954 versank Passau in den Fluten

„Brotversorgung gesichert“: Auswirkungen des Hochwassers vor 70 Jahren auf Menschen war dramatischer als 2013

09.07.2024 | Stand 09.07.2024, 15:00 Uhr |

Kein hochgerecktes Handy im Anschlag, aber voller Interesse: Passanten beobachten eine Schubraupe, die im Juli 1954 Sand und Schlick zurückschiebt in den Inn.  − Fotos: PNP/Stadtarchiv Passau

Von Franz Danninger

Auf 12,20 Meter stieg der Pegel der Donau am Morgen des 10. Juli 1954, also vor 70 Jahren. Was diese nackten Zahlen bedeuten, welche Schäden solche Wassermassen hinterlassen, das wissen die aktuell lebenden Passauer spätestens seit der 2013er Flut. Bei 12,89 Meter blieb der Höchststand am 3. Juni vor elf Jahren endlich stehen und stürzte die Stadt damals in einen apokalyptischen Zustand.

Man kann sich ganz gut die Verzweiflung ausmalen, die vor sieben Jahrzehnten über Passau hereinbrach. Damals, als die technischen Mittel mehr in Richtung Schaufel und Eimer deuteten als auf Hydraulikbagger und Hochdruckpumpe.

Dabei war die Großlage vor 70 Jahren ähnlich wie vor elf: Hochwasser im ganzen Land, aber die Stadt an den drei Flüssen trifft’s wieder mal am schlimmsten.

„Die größte Naturkatastrophe in Passau seit 100 Jahren“, titelt denn auch die Passauer Neue Presse am Montag, 12. Juli, 1954. Die Unterzeile gibt Einblick in den Alltag dieser Nachkriegs-Jahre: „Brotversorgung gesichert – Trinkwasser wird von Fürstenzell geholt – Bedenkliche Gebäude- und Straßenschäden“.

In Hals stand das Wasser drei Meter hoch am Marktplatz, wird berichtet; 50 Familien wurden obdachlos. Überhaupt verloren damals weit mehr Menschen vorübergehend ihr Dach überm Kopf als 2013, in Österreich werden 30000 Hochwasser-Obdachlose registriert, zehn Prozent aller Linzer werden evakuiert. In Passau war die Rede von 2000 Obdachlosen.

Die Menschen müssen ihre Häuser nicht nur verlassen, weil sie überflutet sind, sondern auch wegen Einsturzgefahr: In der Hennengasse zum Beispiel senkte sich das Pflaster über einen Meter. Die Häuser in der Nähe der Einbruchstelle wiesen gefährliche Risse auf. Das Haus Theresienstraße 21 musste an der Rückseite abgestützt werden.

Das gesamte Stadtgebiet war ab 10. Juli ohne Leitungswasser, da das Pumpwerk der Städtischen Wasserversorgung in der Soldatenau ausgefallen war. Die Bewohner wurden aus Tankwagen versorgt, vor denen sich lange Schlangen bildeten.

Todesopfer wurden in Passau nicht verzeichnet, Verletzte schon. So brach sich die Oberin des Kolpinghauses im Ort den linken Oberarm, als sie aus einer Zille stürzte. Vier Frauen, die in der Höllgasse einen Kahn besteigen wollten, fielen ins zwei Meter tiefe Wasser. Eine von ihnen – schwanger– war bereits untergegangen; sie wurde ebenso gerettet wie die drei anderen.

US-Soldaten richteten Filteranlagen ein, die das Flusswasser soweit reinigen sollten, dass es wieder ungefährlich war. Überhaupt halfen vor allem amerikanische Pioniersoldaten aufopferungsvoll bei der Rettung von Mensch und Tier und Hab und Gut.

Die Stadtwerke stellten die Gasversorgung ein, während 75 Prozent der Stadt weiterhin mit Strom versorgt werden konnten.

So groß die Not, so gewaltig die Hilfsbereitschaft: 800 Helfer aus nah und fern waren nach Passau gekommen, während die bayerische Staatsregierung „das passive Verhalten eines Teils der Passauer Bevölkerung“ kritisierte.

Über Katastrophen wurde auch damals schon ausgiebig berichtet. Ein Artikel darüber begann so: „Wie Heuschrecken fielen die Journalisten aus allen Himmelsrichtungen in Passau ein...“ Während die örtliche Polizei ihnen behilflich war, „taten die Beamten des Bundesgrenzschutzes alles, was in ihren Kräften lag, um den Journalisten die Arbeit zu erschweren“.

Die Lage im Leopoldinum wurde so beschrieben: „Im Gymnasium sah es aus wie während des Rußlandfeldzuges. Die riesigen Korridore notdürftig mit Kerzen erleuchtet, überall auf dem harten Steinboden schlafende Männer in Wettermänteln und Stiefeln, ein unbeschreibliches Geruchsgemisch von Schweiß, nassem Wollzeug und durchtränktem Leder.“ Und die Versorgungslage stellte sich so dar: Es gab kein Mehl, keine Kartoffeln und keinen Kuchen. Denn wer kein Brot ergattern konnte – und das waren viele –, der kaufte eben Kuchen.

Die Innstadt-Brauerei gibt per Zeitungsanzeige bekannt, dass ihre Rufnummern gestört seien und sie bis auf weiteres unter der Zentralgaragen-Nummer 2824 zu erreichen sei. Auch die „Lina-Innwäscherei“ wendet sich per Anzeige „an unsere geschätzte Kundschaft“ und versichert, dass keinerlei Verluste oder Schäden an der anvertrauten Wäsche entstanden seien. Weil Teile der Wäscherei überflutet seien, bitte man lediglich hinsichtlich der Lieferzeit um Verständnis.

Die Bilanz am Ende wird zeigen, dass mehr als 600 Häuser vom Hochwasser betroffen waren. Pfarrer Lerch in Hals ist verzweifelt. „Das Wasser stand so hoch über den Grabkreuzen am Friedhof, daß man mit Zillen darüber hinwegfahren konnte“, macht der Geistliche das Ausmaß der Flut deutlich, die in der Achatiuskirche 70 Zentimeter über der Hochwasser-Marke von 1899 stand. In einer ersten Bilanz nennt OB Dr. Stefan Billinger am 14. Juli im Stadtrat eine geschätzte Schadenssumme von 6,1 Mio. D-Mark.

Auch die Tiere leiden enorm: Unzählige ertrinken, auf Höfen flüchten sie aus überschwemmten Ställen bis in die Bauernhäuser und dort hinauf in die Schlafräume. Schwalben fallen im Flug tot zu Boden, weil sie in den Wassermassen keine Nahrung mehr finden.

Es gibt Hunderte solcher Aspekte, die alle am Schluss eines aussagen: 12,20 Meter, das ist mehr als eine nackte Zahl.


− Bayern, S. 10