Besorgte Anlieger
TenneT plant Schaltanlage im Raum Zeilarn – 24 Fußballfelder groß

14.06.2024 | Stand 14.06.2024, 18:15 Uhr |

Aktueller Suchraum (roter Kreis) für die Schaltanlage bei Zeilarn, Tann oder Wurmannsquick. − Foto: TenneT/PNP

Im Zuge der zweiten 380kV Leitung wird auch bei Zeilarn, Tann oder Wurmannsquick (Landkreis Rottal-Inn) nach einer Mega-Fläche gesucht. Dort plant TenneT eine Schaltanlage.

Statt rund 36 Fußballfelder wie ein Umspannwerk ist sie mit ihren 170000 Quadratmetern „nur“ rund 24 Fußballfelder groß, damit aber trotzdem „ein riesen Kasten“, wie es Gemeinderat Manfred Unterhuber auf den Punkt brachte. Die Rede ist von der Schaltanlage, die im Zuge der neuen 380-kV-Leitung Zeilarn-Burghausen-Simbach2 im Bereich Zeilarn, Tann, Wurmannsquick entstehen soll.

Das Leitungsinfrastrukturunternehmen TenneT sucht dafür aktuell nach einem geeigneten Standort und stellte seine Planungen am Donnerstag im Zeilarner Gemeinderat vor. Dies führte zu einer regen und emotionalen Diskussion, bei der sich auch einige Zuhörer zu Wort meldeten.

Die Hintergründe: Warum braucht es die Schaltanlage?



Doch von vorne: Wie berichtet, ist der große Energiehunger des Chemiedreiecks bei Burghausen – überwiegend die Unternehmen Wacker und Chemiepark Gendorf – der Grund für die zweite 380kV Leitung. Zwei weitere, „Altheim-St. Peter“ und „Pirach-Pleinting“, sind aktuell im Bau. Dazu ist auch ein Umspannwerk im Norden von Simbach geplant.

Zudem ist für das gesamte Projekt eine Schaltanlage nötig, die im „Suchraum der Märkte Zeilarn, Tann und Wurmannsquick“ entstehen soll, wie es in der in Zeilarn gezeigten Präsentation heißt. Und: „Durch diese Optimierung ist keine zusätzliche Leitung zwischen Pirach und Burghausen erforderlich“.

Kleiner als Umspannwerk, aber trotzdem groß



Gesamtprojektleiter Robert Miersch und Annemie Guggemos, beide von TenneT, stellten ihre Planungen dem Gremium vor. Im Vergleich zum Umspannwerk benötigt die Schaltanlage keine Transformatoren, sie verteilt elektrische Energie auf gleicher Spannungsebene. Auf dem Großbildschirm zeigte Guggemos die Ausmaße: Inklusive Baustelleneinrichtungsfläche handelt es sich um eine Länge von 580 Metern und eine Tiefe von 300 Metern. Trotz des Unterschieds zu einem Umspannwerk sei es „natürlich trotzdem eine große Anlage“, so Guggemos. Der Zeitplan ist identisch mit dem Projekt in Simbach: Heuer wird die Fläche gesucht, bis 2028 soll dann inklusive Planfeststellungsverfahren alles genehmigt werden. Ab 2030 wird gebaut und die Inbetriebnahme soll „deutlich vor 2035“ erfolgen. Während der Diskussion hieß es von Miersch, dass das Planfeststellungsverfahren der Schaltanlage Anfang nächstes Jahr beginnen soll, wenn mit den betroffenen Anliegern Einigungen getroffen werden müssen.
Für die aktuell laufende Standortsuche gelten ähnliche Maßstäbe wie beim Umspannwerk: Möglichst eben soll die Fläche sein mit größtmöglichem Abstand zur Wohnbebauung. Moorflächen und Überschwemmungsgebiete sind aus baulichen und sicherheitstechnischen Gründen ausgeschlossen. Dazu Projektleiter Miersch: „Hier ist es extrem schwierig, einen Standort zu finden. Eine Schaltanlage macht dort Sinn, wo viele Leitungen aufeinander treffen.“

Diskussion der Gemeinderatsmitglieder und Zuhörer



3. Bürgermeister Karl Holböck eröffnete die Diskussion: „Die Gemeinde unterstützt natürlich, aber wir sind in erster Linie unseren Bürgern verpflichtet. Die Schaltanlage wird riesengroß und ich befürchte, dass es nicht bei 17 Hektar bleiben wird.“ Er unterstrich, dass es in der Gegend viele Landwirte gebe und forderte Ersatzgrundstücke für die Betroffenen. Auf viele der Fragen, etwa zur Größe der Ausgleichsfläche oder Standorte, die schon in der engeren Auswahl seien, gab TenneT an diesem Abend noch keine Antwort. Die Planungen seien dafür noch nicht ausreichend fortgeschritten, sagte Annemie Guggemos, erklärte aber auch: „Es wird 30 Prozent der Fläche versiegelt, der Rest sind reine Biotope.“

Sebastian Maier und Andreas Maierhofer kritisierten besonders, dass die Wunschorte für TenneT seiner Meinung nach schon feststünden, aber nicht öffentlich kommuniziert würden. Maierhofer forderte, dass betroffene Anlieger rechtzeitig darauf hingewiesen werden. „Sollte es keine Einigung mit den Eigentümern geben, kann es in letzter Instanz ja auch zu Enteignungen kommen.“

„Mich beunruhigt die Thematik sehr“



Er plädierte auch dafür, nicht nur Grundbesitzer frühzeitig ins Gespräch holen, sondern auch deren Nachbarn. So eine riesige Schaltanlage sei schließlich eine massive Beeinträchtigung für das Landschaftsbild. Laut Miersch sei für Nachbarn allerdings keine Entschädigung vorgesehen. „Als einer der möglichen Anlieger beunruhigt mich die Thematik sehr“, sagte auch Sebastian Maier. Der Beginn des Planfeststellungsverfahrens werde dem Projektleiter zufolge frühzeitig an die Betroffenen kommuniziert. 2. Bürgermeister Gerhard Schmidbauer versuchte die Gemüter zu beruhigen, da es TenneT zufolge bisher nie zu Enteignungen gekommen und dies wirklich der allerletzte Ausweg sei.

Christine Hautz fragte nach den genaueren Kriterien für die Flächenauswahl, insbesondere den Abstand zu Wohngebieten. Miersch dazu: „Das ergibt sich durch die Einhaltung aller Grenzwerte nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz. Da gibt es aber keine fixen Werte. Wir versuchen aber natürlich so viel Abstand wie möglich einzuhalten.“ Auf Nachfrage eines Zuhörers hieß es von Guggemos, dass es fixe Vorgaben von Abständen zur Bundesstraße gebe, grob im Bereich von 20 bis 50 Metern.

Wäre die Schaltanlage durch eine weitere Trasse vermeidbar?



Andreas Maierhofer meldete sich noch einmal zu Wort: „Für mich wirkt das, als gäbe es die Schaltanlage nur, weil dadurch eine der Trassen, nämlich die von Pirach nach Burghausen eingespart werden kann.“ Daraufhin Miersch: „Diese Trasse wäre technisch herausfordernd. Ja, es gibt einen Zusammenhang, das ist aber nicht der einzige Grund für die Notwendigkeit der Schaltanlage.“ Maßgeblich sei der Netzbedarfsplan.

Einer der Zuhörer fragte in diesem Zusammenhang, ob man mit einer zusätzlichen Verbindung nach Burghausen auf die Schaltanlage verzichten könne, etwa mit dem Bau mehrerer 110-kV-Leitungen. Dem widersprach Miersch: Das funktioniere bei diesem großen Strombedarf nicht. Er gab auf Nachfrage auch an, dass sich die Planungen für die Leitung von Pirach nach Zeilarn noch ändern könne, weil diese wohl erst 2027 ins Planfeststellungsverfahren komme. Welche Auswirkungen genau dies habe, könne man noch nicht einschätzen.

„Die 380-kV-Leitung war jahrelang ein Thema, eine Schaltanlage dabei nie im Gespräch. Mich macht das mürbe. Warum sind wieder wir von so einem riesigen Bauwerk betroffen?“, äußerte Gemeinderat Manfred Unterhuber seinen Unmut. Ein Zuhörer wollte wissen, ob auch eine geringere Größe wie bei der gasisolierten Schaltanlage bei ChemDelta Bavaria möglich sei. Guggemos: „ Es gibt laut aktuellem technischem Stand keine Alternative. Die Möglichkeit mit Gas ist klimaschädlich und mittlerweile durch eine EU-Verordnung verboten.“

„Was wäre wenn Wacker in zehn Jahren nicht mehr hier ist?“



Da die hiesige Chemieindustrie aktuell etwa mit dem Verbot der Ewigkeitschemikalie PFOA unter Druck stehe, fragte Sabine Schmideder: „Was ist, wenn wir in zehn Jahren alle Leitungen gebaut haben, aber Firmen wie Gendorf oder Wacker nicht mehr hier sind? Sie könnten währenddessen auch an andere Standorte gehen, etwa ins Ausland.“ Auch hier verwies Miersch auf die gesetzliche Verpflichtung durch den Netzplan und meinte, dass auch so ein Szenario nicht auszuschließen sei. Daraufhin Andreas Maierhofer: „Wenn es also keine Schaltanlage gäbe: Wäre das dann ein Risiko dafür, dass die chemische Industrie den Standort hier verlässt?“. Miersch: Dies könne durchaus sein.

Als keine weiteren Fragen mehr kamen, fasste 2. Bürgermeister Gerhard Schmidbauer die Diskussion zusammen: „Wir als Gemeinde sind nicht TenneTs Verhandlungspartner. Wir unterstützen, aber die Verhandlungen führt alleine TenneT mit den Eigentümern. Auf jeden Fall ist das Projekt überlebensnotwendig für das Bayerische Chemiedreieck, selbst wenn es Wacker in zehn Jahren nicht mehr geben würde – wovon ich aber nicht ausgehe.“