Präzise Recherche zu einem bewegten Leben
Autorin Brigitte Prock stellt Clara-Nordström-Biografie vor

Lesung aus dem 11. Band der Reihe „Weißensteiner Miniaturen“ im Fressenden Haus

16.06.2024 | Stand 16.06.2024, 16:55 Uhr |

Clara Nordström. − Foto: Vegesack-Archiv Regen

Mit Harfenklang von Walter und Florian Weiderer hat dieser sommerliche Abend im Turm begonnen, ehe Barbara von Schnurbein die Gäste im vollbesetzten Vortragsraum begrüßte. Der anhaltende Beifall am Ende zeigte Brigitte Prock den Dank des Publikums für ihre inspirierende, kompetent vermittelte Buchvorstellung zum Leben der Schriftstellerin Clara Nordström (1886-1962).

Die Eltern hatten sie von Schweden aus nach Deutschland geschickt, um die Sprache und das Land kennenzulernen, das Vater Nordström als Medizinstudent so liebgewonnen hatte. Gutgläubig und unerfahren heiratete sie bald einen deutlich älteren Mann, aber schon kurz nach der Geburt des ersten Kindes scheiterte diese Ehe. In München wurde sie dann von einem jungen Deutschbalten gebeten, ihr Schwedisch beizubringen.

1915 heiratete sie ihren „Schüler“: Siegfried von Vegesack. Der erste Weltkrieg bestimmte den weiteren Weg, der sie schließlich im Bayerischen Wald ankommen ließ. Sie kauften den Turm von Mutter Nordströms Geld, dessen Instandsetzung ihre geringen Schriftstellerhonorare zusätzlich verschlang, der zum „Fressenden Haus“ wurde – und es bis heute geblieben ist.
Lebhaft und eindrucksvoll schilderte Brigitte Prock die immer schwierigere Zeit, obwohl sie zusammen als kleine Familie sehr glücklich waren. Sie ließen Wände einziehen, nahmen Feriengäste auf, aber die meisten wurden schnell zu Freunden, die auch ohne Bezahlung länger blieben. Die damit verbundene Arbeit ohne entsprechendes Personal wurde für die lebenslang kränkliche Clara zu viel, denn als Hausfrau konnte sie nicht „die Flucht in die Wälder“ ergreifen wie ihr Mann. So nahmen sie die Chance wahr, den Turm von 1929-1932 an die neu gegründete PORZA-Künstler-Vereinigung zu verpachten und zogen selbst in ein PORZA-Haus im Tessin, um ungestört schreiben zu können. Dort lernten sie die Schweizer Halbjüdin Lea de Loeb mit ihren zwei kleinen Töchtern kennen,“Nena“, der Vegesack lebenslang in enger Zuneigung verbunden blieb, auch als Nena 1932 mit den Familien ihrer beiden Schwestern auf Anraten des Vaters nach Argentinien auswanderte.

Clara hatte sich in schon Weißenstein der Anthroposophie und der Christengemeinschaft zugewandt und zog 1930 überraschend vom Tessin nach Stuttgart, damit Gotthard wie seine Schwester Isabel die Waldorfschule dort besuchen könnte. Damit ging die gemeinsame Zeit im Grunde zu Ende. Brigitte Prock verstand es, autobiografische Elemente in den Texten beider zuzuordnen und ihre Erkenntnisse zu belegen. Sie erwähnte auch, dass Clara sich der Mystik des Meister Eckhart zuwandte, dann dem Buddhismus, und mit einer langjährigen Münchner Freundin auch die Gralsgemeinschaft in Österreich besuchte. Die Enkelin dieser Freundin trug zum Buch verschiedene Informationen und Dokumente bei. Brigitte Prock dankte Dietlinde Pagany für ihre Vermittlung dieses Kontaktes.

Eindrücklich schilderte sie Claras schwieriges Leben mit ständigem Geldmangel, meistens krank, schließlich sogar ohne feste Wohnung, die schönen Schwedenmöbel untergestellt bei mehreren Bekannten. Die Familie traf sich in den Sommer- und Weihnachtsferien, in Weißenstein oder in Schweden, wo es 1932 zu einer Aussprache kam, der 1935 die Scheidung folgte, wobei auch Claras Begeisterung für die Nationalsozialisten eine Rolle spielte. Bis zu Claras Tod 1962 blieben sie in freundschaftlichem Kontakt, wie Briefe belegen, auch als Siegfried 1940 erneut heiratete und der Sohn Christoph geboren wurde.

Die Kriegszeit, in der sie ständig auf Lesereisen war und schließlich beim Radiosender Königsberg arbeitete, endete mit einer elenden Flucht über Danzig nach Hamburg, dort entschied sie sich, katholisch zu werden und verbrachte die letzten Lebensjahre in einem kirchlichen Altenheim in Mindelheim. Wer ihr begegnete, erzählte von ihrem klaren Wesen, ihrer „hellen“ Ausstrahlung, und ein Arzt sagte ihr nach dem Krieg, dass er ihre Bücher seinen Patienten empfehle, wenn sie neue Hoffnung bräuchten. Was für ein Leben!

Mit Blumen bedankte sich Barbara von Schnurbein bei Brigitte Prock für diesen bewegenden Abend, bei den Musikern für ihr einfühlsames Harfenspiel und nicht zuletzt bei den vielen Gästen für ihr Interesse. Sie wies darauf hin, dass sich die Publikation durch die Probleme im Lichtung-Verlag verschoben habe und das Buch nun im September erscheinen soll.

Am 20. September wird Spiegel-Bestseller-Autor Titus Müller im Turm aus seinem neuesten Roman lesen, dem 3. Teil der bekannten Spionin-Trilogie: „Der letzte Auftrag“.

− bb




Brigitte Prock, Clara Nordström – ihr Leben und Werk, Reihe „Weißensteiner Miniaturen“ Band 11, lichtung verlag, Viechtach 2024.