Aufwendige Rettung am Kraftwerk
Schwan steckt tagelang am Passauer Kachlet im Treibgut fest: Retter reist aus Essen an

03.01.2024 | Stand 04.01.2024, 10:51 Uhr |

Dustin Tanallari aus Essen kann den Schwan, der am Passauer Kachlet im Treibgut feststeckte, schließlich retten. − Foto: Tierheim Passau

Dramatische Szenen spielen sich in den vergangenen Tagen am Passauer Kachlet ab. Direkt am Kraftwerk hatte sich ein Schwan im Treibgut verfangen, eine Rettung schien zunächst nicht möglich, die „Erlösung“ steht im Raum. Da hört ein Spezialist in Essen von dem Fall.



Schlaflose Nächte liegen hinter Bettina Mittler vom Tierheim Passau. In der Silvesternacht wurde sie von Passaten informiert, dass am Kraftwerk Kachlet ein Schwan im Treibgut feststecke. Die Tierheimleiter macht sich noch in der Dunkelheit auf den Weg, findet die Angaben bestätigt. Sie informiert die Feuerwehr Gaissa-Passau, die auch um 23.50 Uhr zehn Minuten vor Jahreswechsel, anrückt.

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Erste Rettungsversuche während Feuerwerk

Während rundum die Raketen in den Nachthimmel steigen, versuchen die Ehrenamtlichen, das Tier zu retten. Erfolglos. In dem Bereich besteht für Menschen aufgrund der immensen Wasserkraft und der Turbinen Lebensgefahr, zudem ist es dunkel. Der Einsatz muss abgebrochen werden. „Es war skuril. Auf der einen Seite die bunten Feuerwerke am Nachthimmel. Auf der anderen Seite der Schwan in Lebensgefahr“, berichtet Mittler.

Sie postet um 01.11 Uhr in der Silvesternacht auf Facebook ein Video vom Schwan, wie er in der Dunkelheit im Treibgut feststeckt. Ein paar Meter weiter rauschen die Wassermassen in das Kraftwerk. Auch das Feuerwerk am Passauer Nachthimmel ist zu sehen.



Rettung unmöglich: Schwan sollte erlöst werden

‚Am Neujahrstag macht sich Mittler wieder auf den Wehr zum Kachlet. Drei Stunden lang berät sie mit Kraftwerksbetreibern, Feuerwehr und Polizei, wie man den Schwan aus seiner misslichen Lage befreien könnte. Auch der Jagdpächter wird informiert. „Alle waren super bemüht, eine Lösung zu finden.“ Wie ein Sprecher der zuständigen Wasserschutzpolizei Passau mitteilt, sei man letztendlich aber einer Meinung gewesen: Das Tier zu erlösen. Eine Rettung durch den Menschen sei an dieser Stelle nicht möglich. Gerätschaften, die man für eine solche Aktion bräuchte, sind nicht vorhanden. „Das ist die Natur.“

Am Nachmittag postet Mittler erneut ein Video vom Schwan auf Facebook. Das ruft Hunderte Reaktionen hervor, wird zigfach geteilt, mehr als 200-mal kommentiert. In einem Kommentar wird Dustin Tanallari markiert. Der 26-jährige Essener ist auf technische Tierrettung spezialisiert. Zuerst wartet er ab, reagiert nicht. Vielleicht findet sich doch eine Lösung für den Schwan.

Denn schließlich haben zahlreiche Menschen auf Facebook ihre Hilfe angeboten. Eine Frau soll sogar mit einem Taucheranzug in der Nähe der Schleuse angetroffen worden sein. Mittler appelliert eindringlich auf Facebook, jegliche Rettungsversuche zu unterlassen, es besteht in diesem Bereich Lebensgefahr. Nicht einmal die Kachlet-Mitarbeiter oder die Feuerwehr dürfen hier ins Wasser.

Sieben Stunden Anfahrt aus Essen

Tanallari wartet bis Dienstagnachmittag. Dann schreibt er auf Facebook: „Ich fahre heute Nachmittag los und werde das Tier sichern.
Also an alle, dem Schwan wird definitiv geholfen. Es bedarf erstmal keine weiteren Helfer.“ Sieben Stunden braucht er aus Essen bis nach Passau. Als er eintrifft, ist es bereits dunkel. Zusammen mit Bettina Mittler inspiziert er die Örtlichkeit. „Mir ist fast das Herz stehen geblieben, als der ein Seil auspackt und sich scheinbar zu dem Tier abseilen wollte“, erzählt sie. Auch Tanallari muss einsehen, dass das keine gute Idee ist. „In Lebensgefahr bringe ich mich nicht.“ Zudem wäre es mit Sicherheit verboten gewesen. Auch ein Tierretter muss sich an Gesetze halten. Mittler und Tanallari erkennen, dass sie am Abend in der Dunkelheit nichts mehr ausrichten können. Dem Schwan geht es zunehmend schlechter.

Sobald es am Mittwochmorgen hell wird, ist Tanallari wieder vor Ort. Er hat einen Seitenarm des Wehrs ausgemacht, von dem er mit seinen Spezialgräten, darunter zwei neun und 17 Meter lange Teleskopstangen, an den Schwan heranreichen könnte. Zwei Mitarbeiter der Außenstelle Passau des Regensburger Wasser- und Schifffahrtamtes öffnen ihm den versperrten Durchgang zu dem Seitenarm. Gemeinsam gelingt es ihnen von hier aus tatsächlich, das Tier heranzuziehen. Glücklicherweise ist an dieser Stelle eine kleine Leiter angebracht, so dass Tanallari das Tier hochholen kann.

Dachdecker und ehrenamtlicher Tierretter

Der Schwan ist stark geschwächt, lebt aber. Tanallari, der eigentlich Dachdecker ist und die Tierrettung nur ehrenamtlich betreibt, versorgt das Tier, packt es ins Auto und fährt mit ihm zurück nach Essen. Dort wird er ihn von einem Tierarzt untersuchen lassen und einer Pflegestelle bringen. Dann wird man entscheiden, ob er wieder in Freiheit entlassen wird oder auf eine so genannte Endstelle kommt. Wer für die Kosten aufkommt? „Ich“, sagt er im Gespräch mit der PNP. Mit Benzin, Tierarzt, Gerätschaften etc. kostet ihn der Passauer Schwan rund 400 Euro, schätzt er. Warum er das macht? „Weil es ja sonst niemand macht.“