Rotthalmünster
Politische Diskussion an der Höheren Landbauschule

24.06.2024 | Stand 28.06.2024, 9:48 Uhr |

40 Studierende der Höheren Landbauschule Rotthalmünster empfangen vier Politiker zur Diskussionsrunde. Darunter (vorderste Reihe, v.l.): Schulleiter Fabian Werner, MdL Stefan Meyer (CSU), MdB Nicole Bauer (FDP), MdL Mia Goller (Grüne) und MdL Christian Lindinger (Freie Wähler). − Foto: Schneider

Ist die Rente noch zu retten? Wann kommt endlich die seit Jahren herbeigeredete Entbürokratisierung? Und sind die heimischen Landwirte bei all den Auflagen überhaupt noch wettbewerbsfähig? Nur drei von zahlreichen Themen, die 40 angehende Agrarbetriebswirte an der Höheren Landbauschule Rotthalmünster (Landkreis Passau) mit vier bayerischen Landes- und Bundespolitikern diskutiert haben.

„Die Situation gerade ist schon krass, alles andere wäre gelogen“, umreißt Landtagsabgeordnete Mia Goller (Bündnis 90/Die Grünen) die Situation am Immobilienmarkt, als es um das Thema Eigenheimfinanzierung geht. Neben Bau- und Energiekosten sowie hohen Zinsen mache vor allem der Fachkräftemangel Druck auf die Branche. „Wir müssen mehr junge Leute fürs Handwerk begeistern“, meint Goller.

Große Kritik an aufgeblähter Bürokratie

Einig sind sich alle Politiker, dass auch die aufgeblähte Bürokratie ein Hindernis fürs Bauwesen darstellt. Doch nicht nur da. Die Landwirtschaft beklagt ebenfalls den Kampf mit diversen Auflagen. „Jede Regierung redet seit Jahren davon, dass Bürokratie abgebaut werden soll, aber es wird immer mehr“, leitet Klassensprecher Michael Kaser ein und möchte keine leeren Worte als Antwort auf die Frage hören: „Was muss getan werden, damit sie abgebaut wird?“

Nicole Bauer, Bundestagsabgeordnete der FDP, betont die notwendige Vernetzung der Behörden. „Es braucht Schnittstellen zwischen Bund und Ländern. Da muss ein System her. Aber man muss das System erst verstehen“, erläutert sie im Hinblick auf den Austausch mit den Landwirten. „Wir brauchen viel mehr Input von Praktikern“, stimmt Mia Goller zu und erntet aus der Runde Zustimmung für ihr Beispiel, dass die unter Landwirtschaftsminister Cem Özdemir abgeschaffte zweite Ohrmarkierung beim Vieh eine unsinnige Vorgabe war, die bis dahin mangels besseren Wissens von der Politik ignoriert worden sei. „Die Digitalisierung wird uns bei der Entbürokratisierung helfen“, betont sie außerdem.

Apropos Vorgaben. „Wir müssen aufpassen, dass wir die EU-Standards nicht noch erhöhen. Wir können den Bauern vertrauen, dass die ihren Hof verantwortungsbewusst führen“, bekräftigt Landtagsabgeordneter Christian Lindinger (Freie Wähler) zum Thema Auflagen, als einer der Schüler von seiner Reise nach Kanada erzählt und wegen der dort deutlich liberaleren Regularien die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Agrarbetriebe hinterfragt. „Es ist wichtig, dass, wenn EU-Regelungen vorhanden sind, man in Bayern nicht noch mehr Bürokratie draufhaut. Das wäre ein Wettbewerbsnachteil“, schließt sich Stefan Meyer, Mitglied der CSU-Fraktion im bayerischen Landtag, an.

Heimische Lebensmittel unterstützen

Außerdem müsse man den heimischen Markt stärken, findet Meyer. „Da können wir viel von Österreich lernen. Die essen viel nationalbewusster. In jedem Hofer gibt es Regale nur für regionale Produkte“, ergänzt Christian Lindinger diesbezüglich. „Aber man muss auch ehrlich sein. Familien mit einem geringen Einkommen greifen im Supermarkt lieber zum billigen Fleisch aus dem Ausland“, gibt Stefan Meyer zu bedenken.

„Wir müssen mit den Auflagen bei Importen dringend nach unten, statt uns an denen in der EU zu orientieren, deren Standards am höchsten sind“, hebt deswegen Nicole Bauer von der FDP hervor, dass es bei manchen Produkten nicht ohne Einfuhr aus dem Ausland gehen würde, da Deutschland selbst zu wenig produziere. Bauer sei dennoch ein Fan regionaler Produkte, aber „die Leute müssen bereit sein, mehr für heimische Lebensmittel zu bezahlen“. Man könne den Unternehmen nicht vorschreiben, was sie im Regal anbieten.

Angesichts explodierender Kosten will ein Schüler wissen, wie die Politik gedenkt, junge Menschen zukünftig zu unterstützen. Vor allem die Rente gerät in den Fokus der Gesprächsrunde. „Ich glaube das umlagefinanzierte System ist nicht sicher“, befürchtet Stefan Meyer, „aber ich will da nicht auf die Bundesregierung schimpfen. Wir waren ja selbst 16 Jahre in der Regierung“, räumt der CSU-Abgeordnete ein. „Wir brauchen ein neues Modell, eine Aktienrente nach schwedischem Vorbild“, findet FDP-Politikerin Bauer. „Da muss ich widersprechen. Modifizieren ja, aber kein neues System“, entgegnet Christian Lindinger und ruft in Erinnerung, dass zu geringe Einzahlungen das Hauptproblem bei der Rente seien. „Man muss den jungen Leuten auch Spaß an Arbeit zurückbringen“, pflichtet Bauer bei.

Demokratie fördern und Extremismus verhindern

Rund drei Stunden dauert die rege Diskussion. Klassensprecher Michael Kaser zieht in der Kaffeepause eine positive Bilanz: „Es ist offen und ehrlich. Die Politiker sind sich bei vielen Punkten einig und die Stimmung gegenüber der Landwirtschaft ist grundsätzlich positiv.“ Er wünscht sich, dass die Anliegen junger Landwirte gehört werden. „Ob der Wunsch in Erfüllung geht, steht auf einem anderen Blatt“, verbleibt Kaser hoffnungsvoll.

„Wir haben tolle Politiker eingeladen. Sie gehen gesittet miteinander um und haben ein offenes Ohr für die Landwirte“, ist Schulleiter Fabian Werner zufrieden. „Ich denke auch, dass das eine demokratiefördernde Veranstaltung ist. Und wenn ich dadurch nur einen halben Schüler davon abbringe, extrem links oder extrem rechts zu wählen, war der Nachmittag schon ein Erfolg.“