Berge, Wald und Wasser sind seine Motive
Künstler Gerhard Michel aus Schönberg wird 100 Jahre alt

10.02.2023 | Stand 17.09.2023, 3:30 Uhr

„Solange ich nach vorne schaue, bin ich jung“, sagt Gerhard Michel. −Foto: Rammer

Vor 30 Jahren hat er gemeint, jetzt nehme er Abschied von der Jugend. Heute sagt er: „Na ja, solange ich nach vorne schaue, bin ich jung.“ Der Künstler und Kunstvermittler Gerhard Michel wird am Sonntag, 12. Februar, 100 Jahre alt. 5000 Bilder und beinah so viele Skizzen vermeldet sein Werkverzeichnis. Die Passauer Neue Presse hat ihn zu Hause in Schönberg besucht.

Totgesagte leben länger. Als Gerhard Michel vor 73 Jahren nach Schönberg gekommen ist, wurde er außerordentlich freundlich und zuvorkommend begrüßt und behandelt. Den Grund dafür erfuhr er erst viele Jahre später. Dem aus Dillingen ins Schönberger Finanzamt hierher versetzten jungen Beamten war die Kunde vorausgeeilt, todkrank zu sein. Ein aus Viechtach stammender Arzt hatte ihm die gute Luft im Bayerwald (im Rest Deutschlands eher als Verbannungsort betrachtet) als Heilmittel verordnet. Es hat gewirkt.

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Gevatter Tod lässt er bis heute warten. Der Künstler ist ihm mehrmals von der Schippe gesprungen. Schon in den norwegischen Gewässern, wo er zunächst bei der Marine Frontdienst im Zweiten Weltkrieg leistete, dann nach 1945, wo er als Seeminensucher eingesetzt war, und auch in den Bergen, die er danach leidenschaftlich bestieg, 30 Dreitausender und zwei Viertausender (Mont Blanc, Matterhorn). Am Kitzsteinhorn ist er 1962 abgestürzt, musste sieben Wochen im Krankenhaus liegen.
Und heute noch will er nimmermüde wenig vom Altsein wissen. Vor 30 Jahren hat er gemeint, jetzt nehme er Abschied von der Jugend. Heute sagt er: „Na ja, solange ich nach vorne schaue, bin ich jung.“ Er zeigt auf einen Oldtimer-Traktor Marke Fiat. Mit ihm holt er sich das Holz zum Heizen noch selbst ins Haus. Er kocht jeden Tag für sich. „Ich bin doch dauernd beschäftigt, seit ich in Pension bin, hatte ich keinen einzigen freien Tag.“ Und er schaut voraus, zunächst auf die Ausstellung im Heimatort Schönberg, dann auf eine Schau im Spital Hengersberg und eine im „Fressenden Haus“ bei Regen. „Da muss ich doch in längeren Zeiträumen denken.“

Freilich weiß er um die Endlichkeit allen irdischen Tuns. Dann schiebt er einen Satz Philosophie ein: „Für die Jugend ist das Leben eine lange Zukunft, für die Älteren eine lange Vergangenheit“. Das weiß Michel, der auf ein reichhaltiges Leben als Künstler wie als Kunstvermittler zurückblicken kann. 5000 Bilder und beinah so viele Skizzen vermeldet sein Werkverzeichnis. Seit 1954 ist er im Berufsverband Bildender Künstler, 57 Jahre beim Zwiesler Buntspecht, 43 Jahre hat er jedes Jahr in Viechtach ausgestellt. Für den Bayerwaldkreis, den er über drei Jahrzehnte managte, hat er 71 Ausstellungen in ganz Europa organisiert. Er trägt die Verantwortung für das künstlerische Werk seiner Adoptivmutter Erika Steppes und für das von deren Vater Edmund Steppes. Sein Haus auf dem Ramelsberg war und ist ein einzigartiges Museum.
Dem am 12. Februar 1923 im nordböhmischen Aussig an der Elbe geborenen Künstler ist der Bayerische Wald längst Heimat geworden. Berge, Wald, Wasser, auf diese drei Begriffe fokussiert sich auch seine Malerei. Im Wald malt er die Schachten, Moore und sanften Hügel, am Meer – in Skandinavien, Island oder der Antarktis – die unendliche Vielfalt der Fjorde, das Spiel der Wellen und die Farbspiele der Nordlichter, in den Bergen die Gipfel und Grate. Karl-Heinz Reimeier, der zum druckfrischen Michel-Buch „Kraft und Wandel in den Schachten“ (Lichtland Verlag) Gedichte beigesteuert hat, bringt Michels Malerei in Versform auf den Punkt: „Im kreativen Verbund/ mit dem Wind und dem Sturm/mit dem Regen und dem Schnee,/ mit der Hitze und dem Frost./ Auf der Palette gemischt/ durch den Lehrmeister Zeit./ Ins Bewusstsein gemalt.“

„Als Künstler stehen wir immer auf den Schultern anderer. Wer das nicht einsieht, ist ein Narr“, betont er. Als Künstler sei man schnell vergessen, damit müsse man sich abfinden. „Aber solange ich lebe, kann ich was bewirken.“ Wer ein Talent habe, sei verpflichtet, das Talent auszuspielen. „Wenn ich ein paar Schläfrige munter und ein paar Unglückliche glücklich gemacht habe, dann habe ich viel erreicht.“

Den kleinen fünfjährigen Steppes hat ein Maler-Onkel in seine Farben greifen und ihm Elbdampfer malen lassen. Das Zeichnen und Malen hat ihn zeitlebens nicht losgelassen. Er habe sich immer jemanden gesucht, von dem er lernen konnte. Auf einer Kunstakademie war er nie. Sein guter Farbensinn, seine Fähigkeit zur Bildkomposition und das genaue Auge für die Wunder der Natur haben ihm viele künstlerische Weggefährten wie Erika Steppes, Reinhold Koeppel oder Heinz Theuerjahr attestiert. Unermüdlich füllt er Leinwand um Leinwand.

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Was ihn durch ein 100-jähriges Leben getragen hat: die Demut vor der Schöpfung stellt der gläubige Christ an den Anfang und ein glückliches Familienleben – der zweimal Verwitwete hat vier Söhne, drei und drei Urenkel. Freundschaften zu suchen und Feindschaften nicht zu kultivieren, das sei wesentlich. Und: keinen falschen Ehrgeiz zu entwickeln und die Zeitkritik den Karikaturisten zu überlassen.

Stefan Rammer


•Ausstellung und Buchpräsentation „Kraft und Wandel in den Schachten“ am 17. Februar um 19 Uhr im KuK Schönberg, Kreis Freyung-Grafenau, Jahnstraße 13

•Ausstellung „Wald & Meer“ im Spital Hengersberg, Kreis Deggendorf, Passauer Straße 38, ab 3. März um 19 Uhr

•Ausstellung im „Fressenden Haus“ Regen, Schulgasse 2, ab 12. Mai

•Werke von Gerhard Michel sehen Sie im digitalen Feuilleton auf pnp.de/nachrichten/kultur