Dingolfinger im Exklusiv-Interview
„Man muss nicht durch jede Tür gehen“: Michael Wimmer übers Austria-Aus und seine Zukunftspläne

28.05.2024 | Stand 28.05.2024, 20:35 Uhr
Andreas Forster

Fußball ist sein Geschäft: Trainer Michael Wimmer aus Dingolfing. Wohin führt der Weg nach dem Aus bei der Wiener Austria? − Foto: Imago Images

Vierzehn Tage sind seit seiner Freistellung bei Austria Wien vergangen: Im exklusiven Interview mit heimatsport.de spricht Trainer Michael Wimmer (43) aus Dingolfing über den Kosmos Austria, über die Trennung und über seine weiteren Pläne.

Herr Wimmer, haben Sie die Trennung schon verarbeiten können?

Michael Wimmer: In den vergangenen Tagen konnte ich das Ganze tatsächlich schon ein wenig verdauen. Es ist auch so, dass man in den letzten Wochen bereits Tendenzen und Strömungen spüren konnte. Von daher war ein wenig damit zu rechnen, obwohl ich als Trainer dagegen angekämpft habe. Es wäre schön gewesen, wenn ich die Playoff-Spiele noch machen hätte dürfen, denn letzten Endes haben wir unsere Teilziele allesamt erreicht. Somit war es schon traurig, dass ich die letzten Spiele von der Couch aus verfolgen muss.

Letzten Endes wurde Ihnen eine 0:4-Pleite gegen Wolfsberg zum Verhängnis. Trotz alledem stand die Austria noch auf dem anvisierten siebten Tabellenplatz und war fix für die Conference-League-Playoffs qualifiziert. Konnten Sie den Zeitpunkt nachvollziehen?
Wimmer: Seitdem es den neuen Modus in der österreichischen Liga gibt, hat die Austria im Grunddurchgang die beste Runde gespielt. Dass 33 Punkte zur Qualifikation für die Meisterrunde nicht ausreichend waren, ist natürlich extrem bitter für uns alle gewesen. Bis dato hat diese Punkteanzahl immer genügt. In der Abstiegsrunde haben wir zwar nicht immer gut gespielt, aber mit Siegen gegen Tirol und Wolfsberg den anvisierten Playoff-Platz früh fixiert. Deshalb habe ich den Schritt ad hoc nicht nachvollziehen können, aber der Verein wollte einen neuen Impuls setzen. Das ist völlig legitim und zu akzeptieren, denn letztendlich geht es nicht um einzelne Personen, sondern um den Verein. Mit meiner Freistellung wurden der Mannschaft auch sämtliche Alibis genommen und es scheint ein sehr kluger Schachzug gewesen zu sein, denn es sieht danach aus, dass die Austria auch in der nächsten Saison in Europa spielt.

„Die Spannung war irgendwie raus“

Es war eine sehr emotionale Saison mit vielen Höhepunkten und auch Tiefpunkten…
Wimmer: Ich erinnere mich an den überragenden Auftritt in der ersten Europapokalrunde gegen Banja Luka und die herausragende Leistung meiner Mannschaft in der zweiten Runde gegen den polnischen Spitzenclub Legia Warschau. Nach dem bitteren Ausscheiden waren wir in einem mentalen Loch und haben in der Liga viele Punkte unglücklich liegen lassen. Mit dem 0:0 im hochemotionalen Derby gegen Rapid, als wir mit neun Spielern das Remis mit Haut und Haaren verteidigt haben, sind wir in einen Flow gekommen. Da hat die Mannschaft schon gezeigt, dass sie Charakter hat und fußballerisch sehr viel Potenzial vorhanden ist. Wir haben, wie angesprochen, denkbar knapp die Meisterrunde verpasst. Das war ein Nackenschlag, weil die Abstiegsrunde keine schöne Sache ist. Da will ja keiner hin und mit unserer Vorleistung war es schwer, den Fokus hochzuhalten. Durch unseren guten Grunddurchgang konnten wir einen der beiden Quali-Plätze ja fast nicht mehr verlieren. Damit war die Spannung im Trainerteam und auch in der Mannschaft irgendwie raus. Nun sieht man ja, dass die Truppe, wenn es um etwas geht, voll da ist.

Die Trennung war für beide Seiten schmerzhaft. Für Ihre Arbeit gab es vonseiten des Vereins viel Lob. Kann man mit einem gewissen Abstand dieses Lob auch annehmen?
Wimmer: Natürlich nehme ich das Lob an. Selbst Jürgen Klopp hat einmal gesagt, dass es vor allem wichtig ist, wie man über einen spricht, wenn er nicht mehr da ist. Das trifft es, denke ich, ganz gut. Die Bilanz in den 16 Monaten in Wien kann sich durchaus sehen lassen. Jeder hat seinen wichtigen Beitrag dazu geleistet: Vom Zeugwart, den Spielern bis hin zum Trainerteam. Mit dem Sieg gegen Hartberg am Freitagabend ist das Saisonziel, sprich der Einzug in die Conference League, ganz nah. Ich hoffe, dass die Mannschaft sich am Dienstag belohnen kann und den Einzug in die Conference League fix macht.

Als Sie im Januar 2023 zur Austria kamen, hatten Sie ambitionierte Ziele, aber auch ordentlich Gegenwind durch die Fans. Was haben Sie vor allem daraus für Ihre berufliche Zukunft mitnehmen können?
Wimmer: Es ist wichtig, dass man mit viel Leidenschaft an die Sache herangeht. Und man sollte authentisch bleiben. Ich habe einen Schritt auf die Fans zu gemacht und nichts persönlich genommen. Die negative Stimmung hatte nichts mit mir zu tun. Natürlich muss man da vor allem sein Ego zurückstellen und mit harter Arbeit die Herzen der Fans gewinnen. Letztendlich fühlte ich mich immer von den Fans akzeptiert und auch die Reaktionen nach meiner Freistellung zeigen mir deutlich, dass wir gemeinsam als gesamter Verein in den vergangenen knapp eineinhalb Jahren viel Gutes bewegt haben.

In Wien kritisierten die Fans die Transferpolitik des Vereins. Zum Beispiel wurde kein adäquater Ersatz für Topstürmer Haris Tabakovic gefunden. War mit der Truppe somit von Anfang an auch nicht mehr drin?
Wimmer: Natürlich kann man über die Transfer- und Kaderpolitik philosophieren, aber ich war bei allen Gesprächen mit dabei und der Verein hat wirklich alles versucht, um Haris zu ersetzen. Das Ziel war, den Kader zu verstärken, aber das war finanziell eben nicht möglich. Der Kader hat im Herbst bewiesen, wozu er fähig ist. Da haben wir 21 Punkte in der Rückrunde geholt und waren in dieser Wertung knapp hinter Salzburg auf dem zweiten Platz. Mit viel Glück wäre sicherlich mehr in dieser Saison mehr möglich gewesen, aber unsere Ziele haben wir trotzdem erreicht.

„Manche Dinge würde ich anders machen“

Was nehmen Sie generell von Ihrem ersten festen Engagement als Cheftrainer mit?
Wimmer: Dass der Job unfassbar viel Spaß macht. Er hat so viele schöne Facetten, wobei die Trainingsarbeit tatsächlich nur einen ganz kleinen Teil davon ausmacht. Der direkte Austausch mit den Spielern bereitet mir viel Spaß und auch die Vorbereitung auf jedes Spiel ist spannend. Natürlich habe ich auch viel gelernt und manche Dinge würde ich anders machen, obwohl ich die Entscheidungen zur damaligen Zeit für richtig empfunden habe. Nun heißt es, diese Zeit zu reflektieren und danach gestärkt an die neue Aufgabe heranzugehen.

Muss der nächste Schritt wohlüberlegt sein oder denken Sie, wie andere Trainerkollegen, über ein Sabbatical nach?
Wimmer: Eine Auszeit ist definitiv nicht in meinem Kopf, weil ich einfach Lust habe eine Aufgabe sofort zu übernehmen. Mein Ziel ist es, dass ich mit einer Mannschaft in die Vorbereitung starte. Natürlich muss der nächste Schritt wohlüberlegt sein. Ich bin für viele Sachen offen: Vom Ausland, der zweiten Liga bis hin zu einem ambitionierten Drittligisten. Wichtig ist, dass mich das Projekt von Anfang an packt und begeistert.

Durch Ihre Arbeit in Wien haben Sie gute Eigenwerbung betrieben. Gibt es schon erste Anfragen?
Wimmer: Mich freut es, dass meine Arbeit in Wien von außen sehr positiv bewertet wurde. In den Feedbackgesprächen nimmt man das schon wahr. Es sind auch ein paar Optionen auf dem Tisch, aber da kümmert sich meine Agentur darum. Ich schalte jetzt momentan ein wenig ab, damit für die nächste Aufgabe der Akku wieder voll aufgeladen ist.

Sie waren in der Winterpause in Kaiserslautern im Gespräch. Und nach dem Abschied von Friedhelm Funkel suchen die Pfälzer einen neuen Trainer. Wäre dieser Traditionsverein eine Option?
Wimmer: Es gab in der Winterpause Kontakt zu Kaiserslautern. Es ist ein spannender Traditionsverein mit einer herausragenden Fankultur. Natürlich ist der FCK immer interessant, aber der Kontakt war, wie erwähnt, in der Winterpause.

Das Trainerkarussell in der Zweiten Liga wird nach der Relegation sicher noch weiter Fahrt aufnehmen. Ist als Trainer ab und zu Geduld eine Tugend?
Wimmer: Das stimmt absolut. Geduld ist im Fußballgeschäft tatsächlich sehr wichtig für einen Trainer. Irgendwann geht eine Tür auf, aber man muss nicht durch jede Tür gehen. Es muss einfach für mich alles passen und es muss sich von Anfang an gut anfühlen. Sollte sich die nächsten Wochen nichts Konkretes für mich ergeben, dann werde ich auf meine Chance warten.