AWO-Heim Landau
Schüler und Senioren sind besondere Brieffreunde: „Es macht mich glücklich“

25.12.2023 | Stand 25.12.2023, 19:00 Uhr |

Bei der Weihnachtsfeier überraschte Romy Schreiner ihre Brieffreundin Viktoria Mitsam mit einem großen Geschenk.

Seit drei Jahren gibt es eine besondere Freundschaft zwischen Gymnasiasten und Senioren – erst schrieben sie Briefe, inzwischen gibt es auch Besuche. 15 Freundschaften sind entstanden im AWO-Heim in Landau. Die Heimatzeitung durfte bei einem Treffen kurz vor Weihnachten dabei sein.



„Das geht nur mit Liebe und Herzlichkeit“, sagt Inge Günthner, die Leitung des Sozialdienstes am Landauer AWO-Seniorenheim, und was sie an Liebe und Herzlichkeit seit drei Jahren erlebt, macht sie durchaus verlegen. „Die machen sich Gedanken um uns, wir werden nicht vergessen“, sagt die 88-jährige Elfriede Spangler und ist jedes Mal gerührt, wenn sie einen Brief erhält – von ihrer Brieffreundin vom Landauer Gymnasium.

Los ging die Aktion zu Corona-Zeiten, als die Senioren weder das Heim verlassen durften, noch jemand sie besuchen konnte. „Dass das so lange anhält, hätte ich nicht gedacht“, sagt Lehrerin Monika Rösler.

Im Zweiten Weltkrieg schickte der Papa Geschenke

89 Jahre alt ist Berta Kindermann. Sie ist damit aufgewachsen, dass sie mit bangen Blicken auf das Postauto gewartet hat, denn ihr Papa war im Zweiten Weltkrieg in Norwegen stationiert und hat die einzige Tochter nicht vergessen. Immer wieder schickte er ein kleines Päckchen. Jetzt ist die Vorfreude auf den Postdienst ähnlich. Wenn ein Brief dabei ist, zeigt sich ein warmes Lächeln in ihrem Gesicht und liebevolle Gedanken an Pia Holzapfel, die Schülerin aus der 9. Klasse, die ihr regelmäßig schreibt und sie inzwischen auch einige Male besucht hat. „Da nehme ich mir schon Zeit und mache mir Gedanken“, erzählt die Schülerin, denn die Seniorin soll merken, dass da etwas verfasst wurde mit ganz viel Herzblut, mit vielen Gedanken. Berta Kindermann spricht gerade, als die Tür aufgeht und Pia hereinkommt. Da entspannt ein herzliches Lächeln ihre Gesichtszüge.

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„Inzwischen hat das mit der Schule nichts mehr zu tun“, sagt die Lehrerin, die die Brieffreundschaften und auch einen Wünschebaum für die Senioren mit einem P-Seminar und dann einem Wahlkurs angestoßen hat. Insofern findet sie es beachtlich, dass immer noch Briefe geschrieben werden.

„Natürlich hatten wir bei Corona Einschränkungen, aber ich konnte wenigstens raus“, erklärt Pia Holzapfel ihr Mitgefühl für die Senioren. Als ihr dann Berta Kindermann zugeteilt wurde, entwickelte sich schnell eine Vertrautheit. „Ich erzähle halt aus meinem Leben“, so die Schülerin, „und ich aus meinem“, beendet die Seniorin den angefangenen Satz. Sie streichelt ihrer jungen Freundin liebevoll über den Arm. Inzwischen gehören auch Besuche zur Freundschaft.

„Die ganze Familie findet das ganz toll“

Leonida Gazi geht in die 8. Klasse und sie schreibt an Therese Kaiser. Da sind die Gespräche etwas schwieriger, informiert sie lächelnd, schließlich verstehe sie das Bairisch der älteren Dame nicht so gut – aber für Briefe ist das ja kein Problem. „Ich bin die Sekretärin“, unterstützt die immer gut aufgelegte Inge Günthner ihre Senioren, nur zwei der 15 Senioren können noch selber schreiben und so bekommt sie immer wieder einen Brief diktiert.

Und was sagen dann die richtige Oma oder Opa, wenn das Enkelkind einer anderen Seniorin schreibt? „Die ganze Familie findet das ganz toll, Oma und Opa fragen immer nach“, berichtet Pia Holzapfel. Vor allem die Mama möchte den Brief immer lesen, bevor er abgeschickt wird. „Ja, das kann schon vorkommen“, dass sie dann einen neuen Brief schreibt, wenn die Anregungen der Mama dafür sorgen, dass Pia selbst nicht mehr mit dem Brief zufrieden ist. „Die machen sich Gedanken um uns“, zeigt sich Elfriede Spangler dankbar.

Dass sie Briefe schreibt: „Die ganze Familie findet das ganz toll“

Leonida Gazi besucht die Digitalklasse in der Schule mit iPad und daher sagt sie: „Auf Papier schreiben, ist anders.“ Es macht ihr nicht nur Spaß, an Frau Kaiser zu schreiben, es tut auch gut, berichtet sie. „Es macht mich glücklich und ich fange an zu lächeln“, so Leonida. Für einen Brief investiert sie gerne eine halbe Stunde, schließlich soll das Werk auch Freude bereiten.

Und dann werden die Augen der Schülerinnen groß, als die Damen erzählen, wie damals bei ihnen Weihnachten abgelaufen ist. „Früher war es ärmer, aber schöner“, glaubt Elfriede Spangler, als sie an die Schreinerei in Wallersdorf zurückblickt. Der Papa war früh gestorben und so wurde in den Besuch der Christmette auch ein Abstecher zum Friedhof eingeplant. „Wir waren dankbarer“, glaubt sie. Ein paar Plätzchen waren was Schönes.

Weihnachten war früher „ärmer, aber schöner“

Was sie schlimm empfunden hat, war, dass ihr gesagt wurde, der früh verstorbene Papa vergisst sie nicht und schickt ihr was aus dem Himmel. Aber es ist nichts gekommen – nicht zu ihr und nicht zu den fünf Geschwistern. Es hat an Weihnachten eine Puppe gegeben, die kurz danach wieder weggeräumt wurde. Nächstes Jahr gab es sie wieder – mit neuer Kleidung. Sie blickt zu den Schülern: „Ein Brief ist wie ein Geschenk“, sagt sie von Herzen.

„Da war Friede in der Familie“, erklärt Therese Kaiser. Ein Stangerl Schokolade hat es an Weihnachten gegeben, weiß sie noch genau. Der Christbaum war gut eineinhalb Meter und ist am Tisch gestanden „mit goldenen Kugeln“, sagt sie und ihre Augen werden glänzend. „Was da war, war da“, sagt sie, „da hat es keine extra Geschenke gegeben“. Schon um 17 Uhr war die Mette in Frammering und auch wenn ihre Schilderung aus der Zeit gefallen scheint: „Wir waren zufrieden.“

Im Rückblick war auch für Berta Kindermann Weihnachten früher schöner. Auch bei ihr ist für die Verstorbenen gebetet worden, das Singen hat dazu gehört. „Ich hab nie viel gekriegt, aber immer was schönes“, berichtet sie. „Heute ist doch Weihnachten nicht mehr schön“, sagt sie hart. Leute, die in Urlaub fliegen, Familien, die keine mehr sind und das erste Weihnachten, das sie ohne ihren verstorbenen Mann verbringen muss. „Früher, das war ein richtiges Familienfest.“

Sie vermisst das Familienfest und den Zusammenhalt

Und daher sind die Seniorinnen stolz auf „ihre“ Brieffreunde. Wenn Pia erzählt, dass sie wohl Zubehör für ihr Keyboard bekommen wird und sie damit am Weihnachtsfest, das sie mit der ganzen Familie feiert, spielen wird, dann erhält sie dankbare und stolze Blicke. Leonida feiert kein Weihnachten, aber sie bekommt zum Neujahrsfest Geschenke. Natürlich auch viel kostspieligere als die Damen früher, aber ihr ist wichtig, dass immer eine Überraschung dabei ist. Und eine Überraschung hat sie auch schon verfasst, denn ihr Weihnachtsbrief ist schon geschrieben.

„Wir machen es uns ganz schön“, lächelt Inge Günthner, erzählt von einer Ente, dem guten Essen, der Feier im AWO-Heim und auch dass alle ein Geschenk erhalten werden. Aber etwas kann sie ihren Bewohnern nicht geben und deshalb blickt auch sie mit Liebe und Dankbarkeit zu Pia und Leonida. Das, was diese Briefe bei ihren Senioren bewirkt, genau das ist Weihnachten, findet sie.