Zusammenhalt fehlt
Nach Schnee-Chaos: Ehemaliger Fahrdienstleiter aus Metten nennt Bahn „Chaosbetrieb“

09.12.2023 | Stand 10.12.2023, 12:32 Uhr

Besonders in Bayern hatte die Deutsche Bahn (DB) mit dem Winterwetter der vergangenen Tage schwer zu kämpfen. Früher wäre man damit klargekommen, ist Kurt Bayer aus dem Kreis Deggendorf überzeugt. − Foto: Sven Hoppe, dpa

Früher habe bei der damaligen Bundesbahn „jeder mit angepackt“, sagt Kurt Bayer, ehemaliger Fahrdienstleiter, aus Metten. Schnee und Eis seien damals gut zu bewältigen gewesen. Heute fehlt es laut Bayer beim Bahn-Konzern an einigem.



Viel zu verlieren hat Claus Weselsky, Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL, nicht: Die laufenden Tarifverhandlungen mit der Bahn sind seine letzten, bevor er sich 2024 in den Ruhestand verabschieden wird. „Weselsky will sich ein Denkmal setzen“, ist Kurt Bayer aus Metten (Lkr. Deggendorf) überzeugt.

Der 75-Jährige war von 1971 an bis zu seiner Pensionierung vor etwa 15 Jahren als Fahrdienstleiter − unter anderem in Deggendorf und München – bei der Bahn tätig. Früher wäre so ein Streik, wie er bis gestern Abend stattfand, gar nicht möglich gewesen, sagt Bayer im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern. Die Lokführer sowie tausende weitere Bahnangestellte seien schließlich verbeamtet gewesen und hätten gut verdient.

Lesen Sie auch: Erst Schneechaos, jetzt Lokführer-Streik: Das sagen die Leute am Plattlinger Bahnhof

Kurt Bayer aus dem Kreis Deggendorf: Bahn wird „kaputtgespart“



Heute hingegen werde die Bahn „kaputtgespart“. Außerdem gebe es „keine Gemeinschaft bei der Eisenbahn mehr“. Bayer, der auch im Verkehrsclub Deutschland aktiv ist, ist überzeugt: Wäre der heutige DB-Konzern so aufgestellt wie die frühere Bundesbahn, hätte auch das Winterwetter des vergangenen Wochenendes nicht für ein so lang anhaltendes Chaos auf Bayerns Schienen geführt.

So habe es früher beispielsweise an den Bahnhöfen in Passau, Landshut, Plattling und Regensburg jeweils einen Turmtriebwagen für Arbeiten an der Oberleitung gegeben, sagt Bayer. Heute gibt es ihm zufolge im ganzen Freistaat nur noch eine einstellige Zahl solcher Fahrzeuge. Bayer erinnert sich außerdem daran, dass in Zwiesel ein Bauzug stationiert war. „Da waren Leute bei der Bahn, die haben noch arbeiten gekonnt. Schneeschaufeln war für die im Vergleich zu den schweren Arbeiten, die sie sonst gemacht haben, reine Erholung.“

Pünktliche Züge waren das oberste Gebot



Das oberste Ziel aller sei damals gewesen, dass der erste Zug nach Plan fährt, sagt Bayer. Die Bundesbahn sei höchstens in der Direktion eine langsame Behörde gewesen. „Draußen hat jeder mit angepackt.“ Wenn Not am Mann war, blieb deshalb auch die Büroarbeit mal liegen: „Dann ging es stattdessen mit Schaufel und Weichenbesen nach draußen“, erzählt Bayer.

Das könnte Sie auch interessieren: Wohnungsanalyse für Plattling: Damit sollte der Stadtrat rechnen

Damals sei die Bahn auch bei Schnee und Eis gefahren, „weil wir zusammengehalten haben“ – und weil auch alle den gleichen Arbeitgeber hatten. Heute besteht der DB-Konzern hingegen aus unzähligen Unternehmen. So habe die DB Netz, die für den Zustand der Schienen zuständig ist, nicht mal eigene Loks, um im Winter beispielsweise die Spur vor dem ersten Zug von Schnee zu befreien, kritisiert Bayer.

Politiker sind nun gefragt: „Was ist es mir wert, dass die Bahn pünktlich ist?“



Er bezeichnet die Deutsche Bahn als „Chaosbetrieb“. Dass im Zuge der Bahnreform nicht alles zusammengebrochen ist, liege lediglich an engagierten Eisenbahnern, die viele Dinge auf dem kurzen Dienstweg geklärt hätten. Laut Bayer ist es nun an der Politik, die Bahn zu alter Stärke zurückzuführen. Entscheidungsträger müssten sich fragen: „Was ist es mir wert, dass die Bahn pünktlich ist?“ So weitergehen wie bisher, könne es nicht, sagt Bayer: „Mobilität für alle kann nur der öffentliche Nahverkehr leisten.“ Und dazu gehöre eine zuverlässige Bahn.