„Muss sich was ändern“
Menschen auf dem Gleis sind Alltag statt Ausnahme – Notbremsung in Ainring demonstriert

24.06.2024 | Stand 24.06.2024, 13:55 Uhr |
Antonia Hauser

Lokführer Markus Köfler erlebt es immer wieder, dass Personen verbotenweise Gleise überqueren.

Für Lokführer sind Gleisüberquerungen durch Menschen ein „täglich Brot“. In Ainring (Landkreis Berchtesgadener Land) demonstrieren BRB, ADAC, DB und Bundespolizei die Gefahren.



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Manchmal kommt es überhaupt nicht vor, manchmal gleich mehrmals am Tag – und viele wollten „doch nur noch schnell rüber“, bevor der Zug kommt. Weil die Meldungen zum Thema „Personen im Gleis“ sich häufen, haben der ADAC, die Bayerische Regiobahn (BRB), die Bundespolizei und die DB Sicherheit einen Aktionstag zum Thema „Zug hat Vorfahrt“ in Ainring organisiert.

BRB-Geschäftsführer: „Es muss sich etwas ändern“



„Wer einmal erlebt hat, wie lange es dauert, bis ein Zug zum Stehen kommt, wird künftig vorsichtiger sein“, sagte BRB-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann. Nach einer ganzen Reihe von Beinahe-Unfällen mit Fahrradfahrenden und zu Fuß Gehenden und zwei Todesfällen in den vergangenen zwei Jahren ergriff er die Initiative für diesen Aktionstag im Berchtesgadener Land: „Wir wollen nicht tatenlos zuschauen, wie Menschen aus purem Leichtsinn verletzt oder gar getötet werden. Es muss sich etwas ändern – und dazu soll dieser Aktionstag am Bahnhalt Ainring mit unseren Partnern beitragen.“

Ziel des Aktionstages ist, Menschen vor unüberlegten Überquerungen von Gleisen zu warnen. Denn das sei mittlerweile das „täglich Brot“ von vielen Lokführerinnen und Lokführer, erklärte Köfler. Er war einer der Sprecher bei der Informationsveranstaltung, zu der vor allem Medienvertreter und eine Klasse der Realschule im Rupertiwinkel eingeladen waren.

Zug braucht für Notbremsung teilweise einen Kilometer Strecke



Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 6b haben sich mit Lehrer Christian Daxl und Michaela Hofmeister von der Bundespolizei bereits im Vorfeld mit den Gefahren an Bahnsteigen und Bahnübergängen auseinandergesetzt. Am Aktionstag wurde ihnen gezeigt, dass selbst bei trockenem Wetter ein Zug – je nach Länge und Geschwindigkeit – bis zu 1000 Meter für eine Notbremsung braucht. Eine solche kann in vielen Fällen das Schlimmste verhindern – doch oft ist der Bremsweg auch einfach zu lang.

Einen solchen Fall erlebte Markus Köfler, als er einen Jugendliche, der aus Leichtsinn auf das Gleis gelaufen war, überfuhr. Dabei können Unglücke wie dieses verhindert werden, indem Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer mehr Vorsicht an den Gleisen walten lassen. „Das vergisst man nie und man braucht viel Zeit, um solche Unfälle zu verarbeiten. Unachtsamkeit oder Zeitdruck sind sehr schlechte Berater, wenn man sich in Gleisnähe bewegt“, sagt Köfler.

Sogwirkung des Zuges am Bahnsteig nicht unterschätzen



So sollten die Schienen niemals überquert werden, wo es nicht erlaubt ist und auch Schranken, Andreaskreuze und Signalleuchten dürfen nicht einfach ignoriert werden, informierten Rüdiger Lode vom ADAC sowie BRB-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann. Auch an Bahnsteigen sollte die weiße Linie beachtet werden, damit einen die Sogwirkung eines vorbeifahrenden Zuges nicht mitreißt. Und selbst wenn Gegenstände ins Gleis fallen, sei das Betreten ein Tabu, erklären die beiden weiter.

Gleis zu betreten ist u.U. eine Straftat



Bemerkt ein Lokführer unerlaubte Personen an oder auf der Strecke – was eine Straftat ist, sobald es zu einer Notbremsung kommt – ist er verpflichtet, dies beim Fahrdienstleiter zu melden. Dieser sperrt dann für den jeweiligen Abschnitt die Gleise und informiert die Bundespolizei, die sichergehen muss, dass keine Personen in Gefahr sind. Die Folge: Zugverspätungen und Ausfälle.

Nach dem Vorfall mit dem Jugendlichen war Markus Köfler für zwei Wochen im Krankenstand. Er brauchte psychologische Hilfe und einige Tage Pause, um das Geschehene zu verarbeiten. Doch er kehrte wieder zurück – zu seinem Alltag als Lokführer.