Katastrophenfall
Gebirgsjäger kämpfen gegen Hochwasser: Fünf Tage im Einsatz im Raum Manching und Vohburg

11.06.2024 | Stand 11.06.2024, 9:00 Uhr

Der Einsatz der Gebirgsjäger begann in Baar-Ebenhausen mit dem Befüllen von Sandsäcken.  − Fotos: Bundeswehr/Zäch

„Um 23 Uhr wurden die Zugführer alarmiert“, berichtet Hauptfeldwebel Sebastian A. von der ersten Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 233 aus Mittenwald. „Zwei Stunden später war dann Befehlsausgabe an die Zugführer und unsere Soldaten trafen nach und nach in der Kaserne ein“. In Bad Reichenhall und Bischofswiesen geschah das Gleiche. Über 300 Soldaten der Gebirgsjägerbrigade wurden so in Marsch gesetzt, berichtet die Gebirgsjägerbrigade in einer Pressemitteilung.

Das war Samstag, 1. Juni, die meisten Bürger beobachteten das Geschehen und die Pegelstände in den Hochwassergebieten besorgt in den Nachrichten. Im Raum Pfaffenhofen, Schrobenhausen und Manching spitze sich die Lage immer mehr zu. Gegen Mittag wurde der Katastrophenfall ausgerufen und die Bundeswehr konnte endlich zur Unterstützung angefordert werden. Die Befehlskette nahm ihren Lauf.

Die Katastrophe: der Damm bricht



„Um 3 Uhr fuhren wir dann ab, 40 Soldaten der ersten, dritten und vierten Kompanie“, erzählt der Zugführer. „Wir wurden nach Baar-Ebenhausen befohlen, ein Ort an der Paar, den es besonders schlimm erwischt hatte“, berichtet Hauptfeldwebel Sebastian A. „Bis Mittag unterstützen wir mit allen unseren Soldaten am Bauhof und befüllten Sandsäcke, die dringend zur Stabilisierung gebraucht wurden“.

Doch dann kam es zur Katastrophe, schildert der 39-Jährige: Oberhalb des Ortes war ein Damm gebrochen und Baar-Ebenhausen wurde innerhalb kürzester Zeit überschwemmt, obwohl die Hochwasserschutzeinrichtungen im Ort selbst bislang standgehalten hatten. Das Befüllen von Sandsäcken wurde sofort eingestellt. „Jetzt ging es nur noch darum, Leben zu retten. Wir nutzten alle Fahrzeuge, die wir bekommen konnten und holten Leute aus ihren Häusern, um sie zu einem Sammelpunkt zu bringen.“ Auch ein Altenheim musste evakuiert werden und das Wasser stieg immer weiter, heißt es im Bericht weiter. „Wir ließen einen Bus durch das Wasser fahren und unsere Männer halfen den Senioren in den Bus. Stellenweise stand uns das Wasser bis zum Gürtel. Bettlägerige und gebrechliche Personen haben sich die Jungs einfach über die Schultern gelegt und hinausgetragen.“

Entschieden: Tag der Bundeswehr wird abgesagt



Oberst Kohlbach, aktuell Führer der Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall, stand vor einer schwierigen Entscheidung: Für den Samstag, 8. Juni, war in Mittenwald der Tag der Bundeswehr geplant, zu dem rund 20000 Gäste erwartet wurden. Dieses Jahr war Mittenwald der einzige Standort in ganz Bayern, an dem die Bürger die Bundeswehr von innen sehen können. Die Planungs-, Vorbereitungs- und Aufbauarbeiten liefen seit Wochen. „Aber wir können nicht in Mittenwald ein großes Fest feiern, während 150 Kilometer entfernt Menschen um ihre Existenz bangen müssen, ganze Orte im Wasser versinken und es bereits Tote gab“, resümiert der Oberst. „Es half nichts. Der Tag musste abgesagt werden und alle Kräfte waren der neuen Aufgabe zur Verfügung zu stellen“. Der Minister folgte seiner Empfehlung und die Großveranstaltung wurde abgesagt, heißt es im Bericht weiter.

Zurück an der Hochwasserfront: „Die Nacht verbrachten wir in einer Turnhalle in der Pionierkaserne in Ingolstadt“, erinnert sich der Hauptfeldwebel. Am nächsten Morgen ging es für die Gebirgsjäger nach Manching. „Als wir ankamen, schwappte das Wasser schon über die bestehenden Sandsackwälle. Zusammen mit den Gebirgsjägern aus Bischofswiesen und Bad Reichenhall erhöhten wir sofort die Dämme, um das Schlimmste abzuwenden“. Abends wurden die Gebirgsjäger aus dem Einsatz herausgelöst und durch andere Gebirgssoldaten ersetzt.

Bach wird absichtlich in die Seen eingeleitet



Während sich in Baar-Ebenhausen und Manching das Wasser zurückgezogen hat, in vielen Häusern schon die Pumpen laufen, um die Keller leer zu bekommen und ein penetranter Geruch von Heizöl über den Orten liegt, sind die Gebirgsjäger weitergezogen. „Wir werden jetzt zur Gefahrenabwehr gebraucht“, erklärt Oberstleutnant Sebastian Becker, Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 232 aus Bischofswiesen und Führer der Kräfte vor Ort.

Bei Irsching sammelte sich immer mehr Wasser in einem Seengebiet und drohte die angrenzenden Orte zu überfluten. Ein Hochwasser führender Bach trat über die Ufer und flutete dieses Areal immer weiter. „Zusammen mit THW und Feuerwehr vor Ort haben wir entschieden, den Bach absichtlich in die Seen einzuleiten und das Wasser an anderer Stelle, nahe am Hochwasserdamm der Donau, mit großen Pumpen wieder zu entnehmen und in die Donau einzuleiten“, beschreibt Oberstleutnant Becker laut Pressemitteilung die schwierige Aufgabenstellung.

Keine Pause: der nächste Auftrag wartet



Durch die am Straßenrand aufgereihten Gefechtsfahrzeuge der Gebirgsjäger fährt ein Pionierpanzer Dachs heran. Oberstleutnant Becker wies an: „Ihr fahrt an die Stelle, wo der Bach dem See am nächsten ist, dann reißt ihr die Uferbefestigung des Baches auf und leitet den Bach über den Weg in den See“. Das Ungetüm von Panzer dreht sich auf der Straße und fährt durch ein Weizenfeld und ins knietiefe Wasser. Es senkt das Räumschild, der Boden vibriert und 830 PS und über 40 Tonnen Gewicht schieben sich in die Uferböschung. Das Wasser aus dem Bach strömt um den Panzer und rauscht in den See. Die Böschung wird auf rund 20 Metern Breite abgetragen. Dann fährt der Panzer seine riesige Schaufel am 9 Meter langen Arm aus und gräbt eine Schneise in den Weg, um ein neues Flussbett zu schaffen.

Doch eine Pause, oder Zeit zum Nachdenken über das Erlebte bleibt den Soldaten nicht. Sie werden zum Schutz eines Umspannwerks angefordert, das ohne ihre Hilfe in der Nacht zum Donnerstag ein Opfer der Fluten geworden wäre. Auch hier hat sich ihr Einsatz ausgezahlt, heißt es im Bericht der Gebirgsjägerbrigade zum Schluss.

− red