Viren in der kalten Jahreszeit
Chefarzt der Kreisklinik Reichenhall über Atemwegserkrankungen im Winter

04.12.2023 | Stand 04.12.2023, 17:32 Uhr

Am Dienstag, 5. Dezember geht der Chefarzt der Kreisklinik Bad Reichenhall auf verschiedene Atemwegserkrankungen ein.  − Symbolbild: Archiv

Im Herbst und Winter haben Atemwegs- und Erkältungskrankheiten Hochsaison. In der Regel handelt es sich dabei um unangenehme, aber harmlose Virusinfektionen mit Schnupfen, Halsschmerzen, Husten. Dass es bei viralen Erregern aber auch zu schweren Krankheitsverläufen bis hin zur künstlichen Beatmung kommen kann, hat die Corona-Pandemie gezeigt.



In der Vortragsreihe „Gesundheit Aktiv“ am 5. Dezember geht Privatdozent Dr. Tobias Lange, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin, Pneumologie und Beatmungsmedizin an der Kreisklinik Bad Reichenhall, auf verschiedene Atemwegserkrankungen ein. Wann Impfungen sinnvoll sind, welche Gefahren eine RSV-Infektion birgt und wie man selbst vorbeugen kann, erklärt der Mediziner vorab im Interview.

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Dr. Lange, warum fängt man sich vor allem zur kalten Jahreszeit Viruserkrankungen ein?
Dr. Tobias Lange: Ein Grund dafür ist der vermehrte Aufenthalt von vielen Menschen in Innenräumen. Die sind meist schlecht gelüftet, dadurch ist das Risiko, Erkältungsviren zu übertragen beziehungsweise sich einzufangen, um ein Vielfaches höher als an der frischen Luft.
Während der Corona-Pandemie haben wir uns durch Masken, ständige Desinfektion und Abstand vor Ansteckungen geschützt. Empfehlen Sie das weiterhin?
Lange: Solche Maßnahmen können Infektionsweitergaben verhindern. Aber wir brauchen deswegen jetzt nicht den ganzen Tag mit Maske rumzulaufen. Man könnte sogar sagen, dass es sinnvoll und nötig ist, dass sich unser Immunsystem mit Erregern beschäftigt. Wenn wir uns völlig vor jeder Infektion zu schützen versuchen, sind wir zwar zunächst auch weniger krank. Aber es gibt einen gewissen Rückschlag und dann schnappen wir alles auf, weil das Immunsystem nicht mehr ausreichend trainiert zu sein scheint.

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Es gibt Viruserkrankungen, die nicht so harmlos sind, wie ein Schnupfen. Als erstes denkt man natürlich an Corona. Welche gibt es noch?
Lange: In der aktuellen Situation sind es in erster Linie Influenza- oder RSV-Infektionen, die ebenfalls zu schweren Verläufen und ins Krankenhaus führen sowie eine künstliche Beatmung notwendig machen können. RSV kommt von „Respiratorisches Synzytial-Virus“. Es ist weltweit verbreitet und befällt die oberen und unteren Atemwege. Übertragen wird es in erster Linie durch Tröpfchen. Es kann Menschen jeden Alters betreffen. In der letzten Grippesaison gab es teilweise eine Überlastung der Kinderkliniken, aber auch in der Erwachsenenmedizin hatten wir viele stationäre Einweisungen. In dieser Saison stehen erstmals Impfstoffe zur Verfügung.

Auch gegen Influenza kann man sich impfen lassen. Ist jetzt zu Beginn des Winters eine gute Zeit dafür?
Lange: Ja, vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen, für ältere Menschen – die „ständige Impfkommission“ (STIKO) empfiehlt eine Impfung ab 60 Jahre – und für solche, die beruflich viel Kontakt mit anderen haben, etwa im Gesundheitswesen. Letztlich ist es aber eine individuelle Entscheidung.

Warum muss man eine Grippeimpfung jedes Jahr auffrischen?
Lange: Der Impfstoff ist immer abgewandelt, weil sich auch die Viren ständig verändern. Bei Corona haben wir das sehr deutlich gesehen, das Virus ist zu unserem Vorteil mutiert, es macht nicht mehr so krank, insbesondere nicht die Lunge. Auch beim Influenza-Virus kommen jedes Jahr andere Typen vor, auf das man das Immunsystem sozusagen updatet. Da die Herstellung des Impfstoffes mit einer gewissen Vorlaufzeit passieren muss und nie hundertprozentig vorhergesagt werden kann, welche Virusvariante letztlich dominiert, kann es vorkommen, dass man trotzdem eine Infektion bekommt, die aber dann nicht so schwer ausfällt. Man spricht hierbei von einer „Impflücke“. Generell muss man wissen, dass man gegen Influenza nie immun wird.

Der eine erkrankt schwer, der andere leicht, warum?
Lange: Wie man reagiert, wenn man mit Viren in Kontakt kommt, hängt von mehreren Faktoren ab. Zum einen von der Anzahl. Niest mir jemand direkt ins Gesicht, ist die Viruslast viel höher, als wenn ich irgendwo hin greife, wo eine erkrankte Person hin geniest hat. Eine wichtige Rolle spielt zudem das individuelle Immunsystem, es entscheidet, ob man nur einen Schnupfen bekommt oder komplett flach liegt. Je gesünder man lebt – viel frische Luft, Bewegung, guter Schlaf, gesunde Ernährung, kein oder wenig Alkohol, kein Rauchen – desto kräftiger ist das Immunsystem und desto besser kann sich der Körper bei Virusattacken zur Wehr setzen.

Wie ist die aktuelle Lage bei Corona?
Lange: Es ist grundsätzlich weiterhin eine meldepflichtige Erkrankung. Bei uns auf der Pneumologie sind derzeit bis zu einem Drittel der Patienten coronapositiv getestet. Andere Viren, die etwa Durchfallerkrankungen auslösen, spielen im Moment ebenfalls eine Rolle. Außerhalb von Krankenhäusern oder Arztpraxen werden allerdings kaum noch Corona-Daten erfasst, weil sich jemand mit Schnupfen nicht mehr testet – zumal das Ergebnis keinerlei Konsequenzen hätte. Wenn aber jemand beispielsweise eine Rheumaerkrankung hat und immunsuppressive Medikamente nimmt oder andere Risikofaktoren für einen schweren Erkrankungsverlauf aufweist, rate ich auch bei einer Erkältung zum Test und im Falle einer Ansteckung den Hausarzt aufzusuchen, um sich behandeln zu lassen.

Man kann Covid also mittlerweile therapieren?
Lange: Ja, so wie für die Influenza stehen uns heute auch für Covid Medikamente zur Verfügung, die ambulant verabreicht werden können. Sie reduzieren die Zahl schwerer Verläufe, verkürzen die Krankheitsdauer und verhindern Krankenhauseinweisungen. Vor allem wenn man alt ist, viele Begleiterkrankungen hat oder immunsupprimiert ist, das heißt, das Immunsystem ist stark geschwächt, ergibt es Sinn, eine Coronainfektion mit diesen Medikamenten zu behandeln.

Wem empfehlen Sie weiterhin eine Impfung?
Lange: Leider schützen Corona-Impfungen nicht vor der Infektion, eben auch aufgrund der raschen Weiterentwicklung der Viren. Wir sehen viele Patienten, die vier- oder fünfmal geimpft sind und sich trotzdem infizieren, die Verläufe sind dann aber in der Regel mild. Im Krankenhaus behandeln wir vor allem ältere Menschen, die kurzzeitig hohes Fieber bekommen und aufgrund dessen nicht mehr richtig essen und trinken. Da anzunehmen ist, dass eine Impfung auch weiterhin eine gewisse Schutzwirkung hat, wird Menschen über 60 Jahren und mit Vorerkrankungen weiterhin dazu geraten.

Sind wir jetzt also in dem Stadium angekommen, in dem wir mit Corona leben können?
Lange: Ja, definitiv. Im Krankenhaus werden die Patienten allerdings weiterhin isoliert, genauso wie Patienten mit Influenza oder RSV-Infektion. Ansonsten ist Corona Alltag.


Interview: Kliniken/Foto: Kilian Pfeiffer