Vierter Teil der Wöhrsee-Serie
Früher ermöglichten Mühl- und Wöhrbach verschiedenen Burghauser Handwerksbetrieben die Arbeit

28.05.2024 | Stand 28.05.2024, 5:00 Uhr

Das Färberhaus der Familie Riemerschmid: Bekanntester Spross ist Anton Riemerschmid, 1802 in Burghausen geboren. Bei seinem Vater erlernte er das Färberhandwerk, 1835 wurde er Teilhaber der königlich bayerischen privilegierten Weingeist-, Likör- und Essigfabrik von Tipp und Vigl, die er ab 1852 alleine weiterführte. 1869 wurde die Fabrik auf die Praterinsel in München verlegt. − Fotos: Haus der Fotografie

Wasser ist seit jeher nicht nur Quelle des Lebens, sondern auch Energielieferant und somit Voraussetzung für Handwerk und Industrie. Das galt in der Vergangenheit auch für den Wöhrsee und seine Bäche. Über die Vielfalt und Funktionen des Sees können sich Besucher des Stadtmuseums noch bis zum 3. November in der Sonderausstellung „Der Wöhrsee – mehr als nur ein Badesee“ informieren. Begleitend zur Ausstellung berichten Stadtmuseum und Anzeiger in einer Serie davon. Im vierten Teil geht es um das Handwerk am See sowie Mühl- und Wöhrbach.

Neun Mühlen wurden vom Bach versorgt

Die Hauptquelle des Mühlbachs befindet sich in Fuchshausen bei Heiligkreuz. Er wird durch Dutzende gefasste und ungefasste Quellen auf seinem Weg gespeist, fließt durch den Wöhrsee und mündet als Wöhrbach in die Salzach. Sein Wasser diente viele Jahrhunderte lang Burghauser Handwerkern als Existenzgrundlage ihrer Betriebe. Auf einer Strecke von 2,5 Kilometern lieferte der Mühlbach für neun Mühlen oberhalb und unterhalb des Wöhrsees die Energie für den Antrieb von Wasserrädern.

In der Spitalvorstadt versorgte der Bach vor allem die textil- und lederverarbeitenden Handwerke wie Weber, Tuchmacher, Färber und Lederer/Gerber mit frischem und sauberem Wasser. Besonders die Lederer und Färber benötigten das fließende Wasser, um ihre gefärbten Tücher und die rohen oder gegerbten Häute darin zu spülen. Es lässt sich erahnen, dass der Wöhrbach die Stadt als stinkende Brühe verließ.

Kurz nach seinem Quellaustritt wird der Mühlbach in zwei Weihern aufgestaut. Ihr Wasser bildet die Basis für die Gewinnung der nötigen Energie zum Betreiben einer Schmiede. Die erste bekannte urkundliche Nennung der Schmiede (Schleifmühle) stammt aus dem Jahre 1516. Über die Jahrhunderte hinweg trug die Mühle verschiedene Bezeichnungen, je nachdem wofür das Hammerwerk verwendet wurde: Schleifmühle, Walk, Klingenschmiede, später Hacken- und Hammerschmiede. Das Gebäude unterstand bis ins 19. Jahrhundert dem herzoglichen, später kurfürstlichen Landesherren. 2004 wurden die Hammerschmiede und die Schleiferei saniert. Sie ist heute die älteste noch in Betrieb befindliche Hammerschmiede Europas.

Folgt man dem Mühlbach von der Quelle bachabwärts, durchfließt er die vermutlich älteste Siedlung Burghausens, St. Johann. Noch heute deutet der Name „Mühlenstraße“ auf die Bedeutung St. Johanns als Burghausens Mühlenvorort hin. Vier Getreidemühlen versorgten je zwei bis drei Burghauser Bäckereien mit Mehl. Die Müller beschwerten sich immer wieder über den Besitzer der bachaufwärts gelegenen Hammerschmiede, der zu häufig und unregelmäßig Wasser entnahm. Damit beeinträchtigte er ihren Betrieb.

Direkt am Ablauf des Wöhrsees versorgte im Mittelalter eine Mühle den herzoglichen Hof auf der Burg mit Mehl. 1231 wurde die im Mittelalter Fron- oder Herrenmühle genannte Mühle erstmals urkundlich erwähnt. Beim großen Stadtbrand 1504 wurde sie zerstört, 1509 aber wiederaufgebaut. Ab 1720 befand sich die Mühle über mehrere Generationen im Besitz der Familie Kothlechner. 1901 kaufte die Stadt Burghausen sowohl den Wöhrsee als auch die Hofmühle.

Geruchsintensive Berufe an den Rand der Stadt verbannt



Mühlgässchen, Lederergasse, Tuchmachergasse und Webergasse – so lauteten bis 1896 die Straßennamen der heutigen Mautnerstraße und der Wöhrgasse in der Burghauser Spitalvorstadt am Fuße der Hauptburg. Seit dem frühen 14. Jahrhundert konzentrierten sich hier die textil- und lederverarbeitenden Handwerker wie Weber, Tuchmacher, Färber und Gerber (Lederer). Ein verzweigtes Kanalsystem, das vom Wasser des Wöhrsees gespeist wurde, versorgte die Handwerker mit sauberem Wasser, das sie für die Herstellung ihrer Produkte benötigten. Abfallintensive Betriebe wie die Gerbereien und Färbereien verwendeten das fließende Wasser auch zur Abwasserentsorgung. Zudem verbannte man geruchsintensive Berufe wie den Gerber gerne an den Rand der Stadt.

Eine Walkmühle diente der Veredelung von Wollstoffen. Durch Klopfen und Stauchen verfilzten die Gewebefasern, die unter Zugabe von Seifenwasser oder fetter Tonerde aufgequollen waren. Die Weblöcher verschlossen sich. Es entstand ein dichter Wollstoff. Voraussetzung für diese Technik war die Verbindung des Wasserrads mit der Nockenwelle. Diese ermöglichte die Umsetzung der Drehbewegung des Rades in eine Auf- und Abwärtsbewegung von Hämmern und Stampfen. In Burghausen ist eine „walhstampf bey der Wuer“ unterhalb der Hofmühle erstmals 1487 erwähnt. Beim großen Stadtbrand von 1504 wurde sie ein Opfer der Flammen. 1507 errichteten die Tuchmacher auf eigene Kosten ein neues Walkhaus. Vermutlich wurde es im 19. Jahrhundert abgerissen.

Lohmühle einst gemeinschaftlich geführt



Baumrinden, besonders von Eichen, Fichten und Tannen sind wegen der darin enthaltenen Gerbsäure ein wichtiger Rohstoff für das Gerberhandwerk. Zur Herstellung der „Lohe“ musste die Rinde in einem Stampfwerk zerkleinert werden. Danach erfolgte das „Klar-Mahlen“ zwischen zwei Mühlsteinen. Über die Jahrhunderte tauchen in Burghausen insgesamt drei Stampfmühlen auf. Eine von ihnen lag bei der Obermühle in St. Johann, eine jenseits der Salzach Richtung Ach und eine befand sich am Wöhrbach unterhalb der Walkmühle. Die Lohmühle wurde gemeinschaftlich von Gerbern geführt, die zugleich für die Instandhaltung der Mühle verantwortlich waren.

Die weiteren Teile der Wöhrsee-Serie sowie weitere Artikel rund um den Lieblingssee der Burghauser finden Sie hier.