Was ein paar Tümpel bewirken
Biber wird in Raitenhaslach zum Landschaftsgestalter

29.05.2024 | Stand 29.05.2024, 20:52 Uhr

Die wilden Weiden und Blühwiesen in Raitenhaslach sind ein Paradies für viele besondere Tierarten, wie Wasserbüffel, Störche und Biber. − Foto: Stadt

Wer in den letzten Wochen in Raitenhaslach unterwegs war, konnte sie kaum überhören: Unzählige Frösche quaken in den vielen Weihern und Feuchtwiesen zwischen dem Klosterareal und der Büffelweide um die Wette. Doch nicht nur für Frösche ist Raitenhaslach ein wahres Paradies. Viele Tierarten, darunter einige, die es in Deutschland nur noch selten gibt, wie zum Beispiel die vom Aussterben bedrohte Schnepfenart der Bekassinen, finden dort einen geschützten Lebensraum.

„Raitenhaslach ist ein Paradebeispiel dafür, wie Landwirtschaft und Natur im Einklang funktionieren können“, sagt Dr. Holger Lundt, Vorsitzender der Ortsgruppe Burghausen des Bund Naturschutzes. Es seien ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren und ein proaktiver Ansatz vieler Beteiligter, die dazu geführt haben, dass heute so viele Arten in den Wiesen um Raitenhaslach zu finden sind.

Biber kommt Schlüsselrolle zu

Ein wichtiger Akteur, der bei der Entwicklung eine Schlüsselrolle eingenommen hat, wie Lundt es bezeichnet, ist der Biber, der einen der Bäche in Raitenhaslach seit letztem Jahr sein Zuhause nennt. Durch seinen kleinen Damm werde eine anliegende Wiese zum Teil überschwemmt, ein zusammenhängendes Flachwassersystem ist entstanden. Und das kommt vielen Tierarten zu Gute: Amphibien und Insekten haben dort einen idealen Lebensraum. Durch diese wiederum finden Vögel Nahrung.

Auch die Wasserbüffel profitieren vom Biber. Auf ihrer Weide haben sie nun einen Tümpel, der groß und tief genug ist, um auch in heißen Sommerperioden nicht vollständig auszutrocknen. „Durch den Biber können wir also auch die artgerechte Haltung der Wasserbüffel verbessern“, erklärt Landwirt Matthias Reißaus, dem die Büffel sowie die Murnau-Werdenfelser-Rinder gehören. „Wir betreiben hier extensive Weidewirtschaft, dadurch macht uns der Biber keine Probleme. Ganz im Gegenteil, es hat nur Vorteile, dass er sich angesiedelt hat.“

Letzten Sommer beispielsweise mussten die Tümpel teilweise mit hohem Aufwand von der Freiwilligen Feuerwehr Raitenhaslach mit Wasser befüllt werden. Denn die Tiere brauchen die Abkühlung, sobald es über 20 Grad hat. Die Wasserbüffel tragen selbst zum Artenreichtum bei: Durch das Suhlen im Schlamm sorgen sie dafür, dass die Tümpel-Ufer freigehalten werden und gleichzeitig bietet ihr Dung Nahrung für viele Insekten- und Vogelarten.

Nicht nur für viele Tiere, auch für den Menschen hat es Vorteile, wenn ein Biber sich ansiedelt. „Der Biber ist ein Landschaftsgestalter und damit auch ein Klimaschützer, denn er sorgt dafür, dass ehemalige Moorböden wieder vernässen und damit erneut CO2 speichern“, weiß Lundt. Zusätzlich schützt der Biber indirekt die Hangwälder zur Salzach, indem er den oberen Grundwasserspiegel steigen lässt. Die Bäume am Hang bekommen so mehr Feuchtigkeit, einem weiteren Waldsterben wird vorgebeugt.

Dass es gut funktioniert, dass der Biber sich so nah an landwirtschaftlichen Nutzflächen und Siedlungen niedergelassen hat, ist nicht selbstverständlich. „Mit monotonisierter Landwirtschaft würde das nicht funktionieren, man braucht ein dynamisches System und muss Strukturmaßnahmen dafür schaffen, dann können alle davon profitieren“, sagt Matthias Reißaus. „In Raitenhaslach sieht man an einem kleinen Beispiel wie Klimaschutz auch im Großen funktionieren könnte. Man muss es nur zulassen“, fügt Lundt hinzu.

Umweltamt appelliert: Auf Wegen bleiben

Das Umweltamt appelliert an alle, die sich die wilde Natur in und um Raitenhaslach ansehen wollen, auf den Wegen zu bleiben und die Weiden und Wiesen nicht zu betreten. Dort haben unter anderem seltene Bodenbrüter ihre Nester. Teil der Büffelherde sind außerdem drei Kälber, die von den Mutterkühen vehement beschützt werden. Hundebesitzer sollen ihre Tiere anleinen.

Mehr über Biber können Interessierte im Vortrag „Mit Biber leben – Meister der Artenvielfalt“ von Christian Kutschenreiter erfahren, der am Donnerstag, 20. Juni, ab 19 Uhr im Gartensaal des Bürgerhauses stattfindet. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung per E-Mail an info@vhs-burghausen.de bei der vhs Burghausen-Burgkirchen wird gebeten.

DIE STÖRCHE SCHEINEN WEITERGEZOGEN ZU SEIN

Massiv vom Biber profitiert haben auch die zwei Weißstörche, die sich in Raitenhaslach niedergelassen haben. Dr. Holger Lundt weiß, dass sie sich frühmorgens meist ihr Frühstück in den Tümpeln geholt und es sich dann auf dem Schornstein der ehemaligen Brauerei gemütlich gemacht haben. Beim Klostermarkt und dem darauffolgenden Maibaumaufstellen waren sie die Publikumsattraktion – die allerdings wieder ausgeflogen zu sein scheint. Mehrmals war Lundt zuletzt in Raitenhaslach und konnte die Tiere nicht mehr antreffen.

Intensiv stand der Burghauser BN-Vorsitzende zuletzt mit Bayerns Storchenbeauftragter Oda Wieding in Kontakt und konnte sich so viel Wissen über die Tiere aneignen. Aus den Gesprächen weiß er: „Beide Störche haben definitiv kein Nest gebaut.“ Maximal hätten sie äußerst zögerlich damit begonnen. Entgegen manch anderer Meinungen sei das Metallgestell auf dem Kamin aber bestens dafür geeignet.

Gründe, warum es bislang nicht geklappt hat, könnte es mehrere geben: Es scheint sich bei den Tieren um zwei junge Störche zu handeln, die erstmals ein Revier besetzen. „Sie hatten noch nicht den richtigen Drive“, so Lundt. Einer der beiden Störche habe eine kleine Verletzung am Bein gehabt. Womöglich bremste auch das die Tiere aus. Auch die Baustelle am Dachstuhl der Klosterkirche dürfte sie gestört haben, ebenso die begonnene Sanierung der Stützmauer am Hirschgarten.

Trotz Biber und Tümpeln sei auch die Futtersituation nicht ideal für sie. In den Waldgebieten im Süden fänden sie so gut wie nichts und auch im Norden seien die geeigneten Flächen begrenzt. Um genug zu finden, müssten sie schon auf die landwirtschaftlichen Flächen ausweichen, die ebenfalls nicht sehr üppig bestellt sind. Dass in Raitenhaslach heuer noch eine Brut entsteht, sei also sehr unwahrscheinlich.

Allzu negativ sieht Lundt die Sache trotzdem nicht. Immerhin wollten die Tiere ein Nest bauen und haben nun schonmal das Revier besetzt. „Wir haben die Hoffnung, dass sie nächstes Jahr zeitiger kommen und dann loslegen.“