Elisabethszell
Schauspielerin Jutta Kammann kam „in aller Freundschaft“

28.07.2022 | Stand 07.06.2024, 11:26 Uhr

Von Melanie Bäumel-Schachtner

Die Schauspielerin Jutta Kammann, bekannt aus der Erfolgsserie „In aller Freundschaft“ hat in Elisabethszell (Gemeinde Haibach, Landkreis Straubing-Bogen) ihre Biografie vorgestellt. Ein steiniger Lebensweg liegt hinter ihr.



Ein Weg, so steinig und schwer. Einer, bei dem der Gipfel des Erfolgs weit entfernt scheint. Ungewollt, ungeliebt in der Kindheit. Von Heim zu Heim, von Internat zu Internat geschoben. Der große Traum, Schauspielerin zu werden - endlos weit weg. Jutta Kammann hat es dennoch geschafft. Sie stand auf dem roten Teppich und ist gleichzeitig auf selbigem geblieben. Nun hat sie ein Buch über ihr bewegtes Leben geschrieben. Es heißt „Rothaarig und wild entschlossen – aufgeben gibt’s nicht“. Und die 78-Jährige, die in München lebt, hat es nun in Elisabethszell vorgestellt. Sie kam „in aller Freundschaft“ – so, wie die Erfolgsserie heißt, in der sie 666 Folgen die Oberschwester Ingrid spielte. Denn dem singenden Wirt von Elisabethszell, Stefan Dietl, ist sie sehr herzlich verbunden.

An Heiligabend allein im Heim

Jutta Kammann erinnert sich noch gut an dieses Weihnachten kurz nach dem Krieg. Sie war im Heim. Als die Türchen des Adventskalenders immer weniger wurden, versprach die Mutter, sie an diesem Fest nach Hause zu holen und sich ein paar Tage Zeit für ein Kind zu nehmen – eine Zeit, die sie für dieses Kind eigentlich nie hatte. Der Heiligabend war ein langer Tag des Wartens für die kleine, rothaarige Jutta. Immer wieder blickte sie zur Tür. Sie öffnete sich nicht und sie wurde nicht abgeholt.

Dann, als die Zeiger der Uhr immer weiterwanderten, kam die Mama doch noch. Gemeinsam ratterten sie mit der Straßenbahn durch die kalten, nächtlichen Straßen. Sehnsüchtig blickte die kleine Jutta in die hell erleuchteten Fenster. Sie sah Christbäume und glückliche Kinder, die ihre Geschenke auspackten. „Zu dir kommt das Christkind auch noch“, hat die Mama gesagt. Und dann ihr kaltes, kahles Zimmer aufgesperrt, in dem nicht einmal eine Kerze leuchtete, geschweige denn ein Weihnachtsbaum. Und auch bunt verpackte Geschenke fehlten. Es gab nur eines: Eine kleine Seife in Tierform. Jutta Kammann hat sie aufgehoben, sie ein Jahr lang wie einen Schatz bewahrt, bis die kleine Seife der Liebe des Kindes nicht mehr standhalten konnte und kaputtging. Jutta Kammann selbst aber ging niemals kaputt. Sie kann heute ohne jede Bitterkeit auf eine Kindheit zurückblicken, die keine war. Und kann auch das Gute daran finden und über Heime berichten, in denen sie doch ein wenig Licht und Liebe erfahren durfte.

Mutter litt an Borderline-Störung

Die Schauspielerin, 1944 in Heidenheim geboren, hatte eine Mutter, die an einer Borderline-Störung litt und einen Vater, der die Familie schon vor ihrer Geburt verlassen hätte, wäre nicht der Krieg dazwischengekommen. Als sie dann unterwegs war, hätten sich alle einen strammen Bernd gewünscht. Geboren wurde nach langen Stunden eine rothaarige Jutta, die ihre Mutter zeitlebens hässlich fand. „Ich war ein Kind, vergessen von der Welt“, sagt sie heute fast schon nüchtern, ohne zu jammern, ohne der Vergangenheit nachzutrauern.
Trotz ihres schlechten Starts im Leben, trotz ihrer schwierigen Kindheit, hat Jutta Kammann ihren Weg gemacht. Sie wollte Schauspielerin werden, unbedingt. Also fing sie als Model an – Mannequin, sagte man damals. Und lernte ihre große Liebe kennen, Ehemann Willhelm Semmelroth. Der paukte mit ihr für die Schauspielschule. Und obwohl die junge Frau damals noch lispelte, nahm sie die Westfälische Schauspielschule in Bochum auf. Erstmal zur Probe. Doch Jutta Kamann arbeitete hart, auch an ihrem Sprachfehler. Und schaffte es. Sie kam auf die Bühne. Auch klassische Rollen hat sie gespielt. Richtig bekannt ist sie aber durch zahlreich Auftritte in „Derrick“ und „Der Alte“ geworden. Doch ihr geliebter Mann wurde krank, sie pflegte ihn. Und musste dabei große Rollen vernachlässigen. „Als er starb, stand ich deshalb vor dem Nichts“, zieht Kammann bei ihrer Lesung im Bayerischen Wald sachlich Bilanz.

...und dann kam die Rolle als Oberschwester Ingrid


Und doch ging es weiter. Und plötzlich war da die Rolle der Oberschwester Ingrid in der Serie „In aller Freundschaft“. 16 Jahre hat sie diese gespielt. „Im ersten Jahr ich die böse Zicke an der Sachsenklinik“, blickt die Wahlmünchnerin mit einer großen Portion Selbstironie zurück. Nach einem Jahr wurde die Rolle geändert. Und aus der Beißzange ist die gute Seele der Klinik geworden. 666 Folgen hat sie gedreht und 2014 sehr wehmütig Abschied genommen, als die neuen Produzenten ein jüngeres Team ins Visier nahmen.

Ihre Biografie hat sie eigentlich schon während der Drehtage geschrieben, in der Pause immer wieder in ihren PC gehackt oder am Abend im Hotel. Doch als der Teil mit ihrer Kindheit fertig war, hat sie alles wieder gelöscht. „Will jemand das Leben von so einer blöden TV-Oberschwester lesen?“, hat sie sich damals gefragt. Doch dann kam ihr Verlag auf sie zu, nachdem er über ihr Leben in Interviewform in der Obdachlosenzeitschrift „Biss“ gelesen hatte, und wollte unbedingt ein Buch über ihr Leben machen. „Sie haben ja keine Arbeit mit dem Schreiben, wir ghosten Sie“, hat der Verlag laut Jutta Kammann gesagt. Doch die Schauspielerin hat resolut entgegnet: „Was? Mein Leben erzähle ich mit meinen Worten, es wird nicht geghostet.“ Mit der ihr eigenen Entschlossenheit hat sie das auch getan. Schonungslos hat sie alles ausgepackt und in sehr geschliffene Worte gepackt. Auch, dass die Schauspielerei ein Knochenjob ist, den man buchstäblich auch mit Knochenbruch ausübt, weil man ein Engagement auf der Bühne hat. Einen Job, den man tränenüberströmt und verdeckt von anderen Schauspielern auch dann tut, wenn der geliebte Ehemann im Sterben liegt.

Kammann: Biografie kostete viel Kraft

Es hat sie viel Tränen gekostet, ihr Leben aufzuarbeiten, verrät Jutta Kammann in Elisabethszell. Aber es hat sich gelohnt. Sie blickt ohne Verzweiflung zurück, sie ist dankbar. Dankbar, dass sie nun im Alter das erleben darf, was ihr als Kind verwehrt worden ist, nach dem sie sich so verzweifelt gesehnt hat: „Ich habe nun echte Freundschaft kennengelernt“, sagt sie unter dem Applaus der Gäste ihrer Lesung. Und ein paar ihrer Weggefährten, darunter die Schauspielerinnen Nicole Belstler-Boettcher und Julia Kent und Traumschiff-Sängerin Sarah Laux, haben sie nach Elisabethszell begleitet – und zwar ebenfalls „in aller Freundschaft.“

− mel