"Die Vorteile des Lasters"

Mit Lust über die Grenzen: Lisa Eckhart provoziert zum Guten und Üblen

02.05.2022 | Stand 02.05.2022, 6:00 Uhr

Sie will nur Vorurteile entlarven? Lisa Eckhart kann den Judenwitz nicht lassen. −rmr

Wenn Sie sehr religiös sind und verletzlich in Ihren religiösen Gefühlen, oder überhaupt verletzlich in Ihren ästhetischen und moralischen Gefühlen, blättern Sie bitte weiter und lesen diesen Beitrag hier nicht. Es wird ein wenig ungustiös, wie die Nachbarn in Österreich sagen.

Meinen möchte man ja, Juden hätten es verdient, dass im Sinne der ausgleichenden Gerechtigkeit die nächsten 2000 Jahre lang keiner sie verspottet und ihnen angebliche genetische Merkmale zuschreibt, wie es Rassentheoretiker wie Houston Stewart Chamberlain in ihren Schriften unternommen haben, die den Nazis als ideologisches Futter dienten. Doch dem ist nicht so, das Ressentiment lebt, und mit ihm der Anti-Judenwitz. Kennen sie den? Weil es den Frauen nicht gelungen ist, aus der Geschichte ihrer Unterdrückung einen eigenen Humor zu entwickeln, sind "Juden den Frauen um zwei Nasenlängen voraus". Einer geht noch, geschmackloser geht auch. Warum Juden Kippa tragen? Weil Maria die einzige Frau ist, die je "von innen entjungfert" wurde und "Jesus mit Hymen am Schädel" zur Welt kam. An dieser Stelle sei noch mal an den ersten Satz des Artikels erinnert.

Lisa Eckhart, 29-jährige Kabarettistin aus Leoben in der Steiermark, Wahl-Leipzigerin und seit August 2021 Mutter eines Kindes, das sie auf Tour begleitet, hat sich in wenigen Jahren viele Fans geschaffen, indem sie solche Witze wagt. Hohoho, was die sich traut, klasse! Eckhart zeigt’s den politisch korrekten Moralaposteln!

Der große Redoutensaal im Passauer Stadttheater ist voll bei der Veranstaltung des Scharfrichterhauses. Lisa Eckhart, wie immer mit viel sichtbarer Haut auf dem Barhocker, gewinnt das Publikum mit Charisma, mit ihrer Erscheinung als artifizielle Fin-de-Siecle-Figur, mit spitzer Rhetorik und umso weicherem Singsang, vor allem aber mit exzellent beherrschten handwerklichen Bühnentugenden wie Timing, emotionaler Führung und Unmengen an Pointen. Die Herzen gewinnt sie, indem sie mit Lust alle Arten von Grenzen überschreitet.

Ihre Marke heißt Grenzüberschreitung

Die Bühnenfigur Lisa Eckhart definiert sich in Abgrenzung zum Mainstream. Das beginnt harmlos in ironischer Selbstüberhöhung als unantastbar erhaben-grausame Herrscherin. "Ich war lange nicht unter Menschen, also über Menschen – das hat mir gefehlt", sagt sie von der Bühne herab zum Fußvolk. "Die Eckhart ein Mensch wie du und ich? Nein!" Wer Eckharts Position erraten will, negiere den gesellschaftlichen Konsens:

Wo man sich endlich einig ist, Frauen nicht zum Objekt zu sexualisieren, sagt sie: "Greifen Sie mir an die Brust, aber duzen Sie mich nicht!" Ist die Idee überwunden, erfolgreiche Frauen hätten sich "hochgeschlafen", so sagt sie: hochschlafen ist o.k., "aber nennen Sie mir einen Kabarettisten, mit dem ich mich nicht runterschlafen würde". Gar Inzest wäre in bester österreichischer Tradition o.k. für sie, doch Papa habe abgelehnt: "Lisa es ist nicht der Inzest, du bist einfach nicht mein Typ." Ist die Gesellschaft für Yoga, Pilates, Sport, wettert sie dagegen. Debattiert man über Unisextoiletten und Binnen-I, verdammt sie es. Wirbt die Bahn moralisch mit dem Umweltfaktor, sagt sie: "Ich würd’ auch mit Dampfloks fahren, die von Waisenkindern beheizt werden", aus Bequemlichkeit.

Übles zum guten Zweck

Wie es gute Satire macht, nutzt Lisa Eckhart böse Worten für den guten Zweck. Im idealen Fall erzeugen ihre Grenzüberschreitungen Schmerzen, die signalisieren, dass es etwas faul ist mit dem gesellschaftlichen Konsens, mit der eigenen Geisteshaltung. Sklaverei gibt es nicht mehr? Kann nur behaupten, wer globale Fabriken ignoriert. Die Bühnenfigur fordert, sich ehrlich zu machen, weshalb sie sich Leibeigene halte. "Mir geht’s um Menschlichkeit. Holen wir die Sklaven zurück in die Häuser!" Treue ist der wichtigste Wert einer Partnerschaft? "Sagen Sie nicht, Sie wären treu, nur weil sie kein anderer will!" Oder ist doch Verlässlichkeit der höchste Wert? "Die Ehe ist ein lebenslanges Wettrennen, wer der Pflegefall sein darf." Und wenn der ausgebeutete Süden sich erhebt gegen den reichen Norden: "Glauben Sie, die fragen: Wer hat bio und fair eingekauft?! Nein, da brennt auch der Ökoveganer!"

So bietet das Programm "Die Vorteile des Lasters" reichlich Material, um über Moral zu reflektieren. Und nebenher auch über die Pandemie und die vermeintlichen Lehren: Mag sein, dass der Händeschüttler einst nur noch auf dem Mittelaltermarkt zu bewundern sein wird. Dass die Krise das Konsumverhalten nachhaltig verändert, war dagegen nur eine linke Illusion. Fürs Leben nach der Pandemie hat Lisa Eckhart eine andere Prophezeiung: "Manche wollen, dass es nie endet." Anfälle von Drostologie werde es geben. Und zu Ehren des Gesundheitsministers werde das letzte Testzentrum zur Gedenkstätte mit dem Spitznamen "Checkpoint Karli".

Übles zum üblen Zweck

Gerade, weil die Künstlerin so viele bemerkenswerte Qualitäten besitzt, ist es befremdlich, dass sie von ihrer ärmsten Enfant-terrible-Strategie nicht lassen mag: dem Spiel mit dem Rassismus. Franzosen sind "syphilitische Trampel", Chinesen sähen die Welt im Breitwand-Kinoformat, und die Juden hätten nun mal – wie in den Nazi-Karikaturen – diese langen Nasen. Fans argumentieren, Eckart benutze die rassistischen Klischees nur als Bühnenfigur und nur zum Zweck, die Klischees zu entlarven. Doch die Frage der Satire ist: Was genau wird kritisiert? Und mit welchem Recht und Anliegen? Dabei zeigt sich: Die vermeintliche Länge der Nasen hat kein inhaltliches Ziel. Da wird nichts entlarvt. Es ist keine Kritik an irgendetwas, es ist allein die Wiederholung eines dummen rassistischen Klischees zum Zweck der Provokation – und um sich den grellen Anstrich der unerschrockenen Grenzüberschreiterin zu geben. Freilich darf sie das, auf der Bühne wie im TV. Und freilich darf das kritisiert werden. Nötig hätte Eckhart es wirklich nicht.

Raimund Meisenberger

Live u.a. 5.5. Ingolstadt, 7.5. Andechs. Roman "Omama" erschienen bei Zsolnay; im August soll der zweite Roman folgen