Ensemble Amarcord
Meisterhaft beginnt der Passauer Konzertwinter

25.10.2021 | Stand 20.09.2023, 5:02 Uhr |
Christiane Schmid

Gestalterische Bandbreite und Qualität: das Vokalensemble Amarcord in Passau. −Foto: Schmid

"Tonspuren" heißt das Motto des Passauer Konzertwinters 2021/22 – und anspielungsreicher als mit dem Vokalensemble Amarcord hätte die Saison in der Passauer Redoute nicht beginnen können. Der sprechende Name heißt in Fellinis Dialekt von Rimini "Ich erinnere mich" und lässt an seinen Film "Amarcord" voll bittersüßer Reminiszenzen denken. Wie Fellini erzählt das renommierte Herrenquintett aus Leipzig keine stringente Geschichte, sondern erzählt in poetischen Bildern und kontrastreichen Episoden vom "Herbst".

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Die kleinen Meisterwerke der europäischen Renaissance handelten krachend komisch, rhythmisch pointiert, lautmalerisch von herbstlicher Lebens- und Trinklust, aber auch von Trauer und "Unsäglichem Schmerz" (Ludwig Senfl). Ein Herzensanliegen war den Sängern "Time stands still" von John Dowland, das ihnen zu einem Symbol des Coronalockdowns geworden war.
Ihr Klangideal ist am schlanken, homogenen Gesangsstil des Hilliard Ensemble geschult. Das tragende Fundament für die helle Oberstimme von Wolfram Lattke ist der bewegliche, ausdrucksstarke Bass von Holger Krause. Zwischen diesen Polen bewegen sich Robert Pohlers (Tenor), Frank Ozimek (Bariton) und Daniel Knauft (Bass).
Bei Josef Rheinbergers "Herbstgesang" mit seinen dramatischen Gegensätzen ("Still ist’s im Wald geworden" – "Nordsturm, brause herein!") zeigte das Ensemble seine ganze gestalterische Bandbreite und Qualität. Die dunkle Wärme des wunderbar austarierten Gesamtklangs, die Präzision bei polyphonen Passagen kamen jedem dieser musikalischen Juwelen zugute.
Leipzig war immer schon eine Musikstadt, und im 19. Jahrhundert ganz besonders. Und so konnten die Herren für ihr besonders originelles Romantikprogramm fast ganz in Leipzig fündig werden, denn die Schumanns und die Mendelssohns lebten dort und waren befreundet.
Der Witz des Liedes auf den "Stöpselzieher" (Heinrich Marschner, ebenfalls in Leipzig wirkend) und eine komödiantischen Szene wie "Liebe und Wein" von Felix Mendelssohn zünden nur, wenn – wie hier – alles stimmt: makellos intoniert, in perfekter Übereinstimmung, ironisch gebrochen und der Text bestens verständlich.
"Berückende Kleinode" nannte ein Herr der Gruppe zurecht die kurzen Chorstücke von Robert Schumann. "Die Rose stand im Thau", das er unter dem Eindruck des Todes seines Freundes Mendelssohn komponiert hatte, war vielleicht das emotionale Herzstück des an Gefühlsausdruck reichen Abends.
Auch die Briten Charles Stanford ("Autumn Leaves") und Arthur Sullivan ("The Long Day Closes") hatten in Leipzig studiert und ganz im Geist der Romantik in der herbstlichen Natur die Abbilder der Trauer, Hoffnungslosigkeit und Todesnähe des Menschen gefunden und in seelenvoll melancholische Töne gesetzt.
Franz Schuberts jedes Wort ausdeutende Vertonung von Goethes "Gesang der Geister über dem Wasser" rundete den Spannungsbogen als musikalischen und literarischen Höhepunkt ab und ließ die Zuhörer betroffen und bewegt zurück: "Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind."

Christiane Schmid